Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Theodor Boveris Forschung über Centrosomen

09.09.2014

Centrosomen sind Zellstrukturen, die heute intensiv in Zusammenhang mit der Entstehung von Krebs erforscht werden. Für sie interessierte sich der Würzburger Zoologe Theodor Boveri schon vor über 100 Jahren. Einige seiner mikroskopischen Präparate wurden jetzt gefunden und ausgewertet.

Die Suche im Kellermagazin des Lehrstuhls für Zell- und Entwicklungsbiologie im Biozentrum der Universität Würzburg hat sich gelohnt: Dort entdeckte Professor Ulrich Scheer, der den Lehrstuhl bis 2007 innehatte, hoch interessante mikroskopische Präparate von Theodor Boveri. Dieser leitete von 1893 bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1915 das Zoologische Institut der Universität Würzburg.

Einige der Präparate und Präparatemappen tragen handschriftliche Vermerke Boveris. Sie dienten ihm vermutlich als Grundlage für seine bahnbrechende Monographie „Über die Natur der Centrosomen“ von 1900. Über diesen Fund berichtet Scheer in dem vor kurzem erschienenen Themenband „The Centrosome Renaissance“, herausgegeben von der britischen Royal Society.

Centrosomen haben viele Funktionen

„Es fing damit an, dass mich ein befreundeter Kollege bat, einen Artikel über die Geschichte der Centrosomen-Forschung zu schreiben, die ja untrennbar mit Theodor Boveri und der Universität Würzburg verbunden ist“, erzählt Scheer. Der Artikel war für den Themenband der Royal Society geplant. Darin sollten internationale Spezialisten die neuesten Erkenntnisse zur molekularen Struktur und Funktion der Centrosomen menschlicher und tierischer Zellen beschreiben.

Centrosomen sind Strukturen, die eine entscheidende Rolle bei der Zellteilung spielen, speziell beim Aufbau des Spindelapparats zur Trennung der Chromosomen. „Sie sind aber, wie wir heute wissen, auch für eine Vielzahl von zellulären und entwicklungsbiologischen Vorgängen wichtig und lösen als Basalkörper die Bildung von Cilien und Geißeln aus“, sagt Scheer. So sei es nicht verwunderlich, dass strukturelle, funktionelle oder numerische Defekte der Centrosomen mit menschlichen Erkrankungen assoziiert sind, beispielsweise mit Störungen der Gehirnentwicklung, Ciliopathien, genetischer Instabilität und Krebs.

Boveris mikroskopische Präparate

Doch zurück zu Boveri, der 1893 mit gerade einmal 30 Jahren als Direktor des Zoologischen Instituts an die Universität Würzburg berufen wurde. Seine mikroskopischen Untersuchungen der Centrosomen, wie er diese winzigen Zellorganellen mit der bemerkenswerten Fähigkeit der Selbstverdoppelung getauft hatte, führte Boveri an sehr frühen embryonalen Teilungsstadien von zwei Modellorganismen durch: an Seeigeln und am Pferdespulwurm Ascaris. Pferdespulwürmer gab es genug beim Pferdeschlachter, während fixiertes Seeigelmaterial von Boveris früheren Besuchen der Zoologischen Station in Neapel stammte oder er es sich von Kollegen mitbringen ließ.

Durch die Analyse vieler Schnittpräparate konnte Boveri das Verhalten der Centrosomen während des Zellzyklus, die Verdopplung der Centrosomen und die von den Centrosomen ausgelöste Bildung der Teilungsspindel analysieren. Die geringe Größe der Centrosomen, die nur wenig oberhalb der Auflösungsgrenze der Mikroskope lag, erschwerte die Untersuchungen. Daher testete Boveri eine Reihe von histologischen Färbemethoden.

Eine besonders deutliche und detaillierte Darstellung der Centrosomen gelang ihm mit der Eisenhämatoxylin-Färbung nach Heidenhain. Dieser war bis 1899 Prosektor des Anatomischen Instituts in Würzburg und untersuchte ebenfalls Centrosomen. Er hatte eine Färbemethode entwickelt, mit der sich Centrosomen von Säugetierzellen nahezu selektiv darstellen ließen.

Detailgetreue Zeichnungen der Präparate

„Zum Glück habe ich einige dieser Präparate gefunden, manche sogar mit handschriftlichen Anmerkungen Boveris. Ich konnte mikroskopische Aufnahmen machen und die Ergebnisse mit den von Boveri publizierten Zeichnungen vergleichen“, führt Scheer aus. Besonders erfreulich war die nahezu perfekte Erhaltung vieler der über 100 Jahre alten Präparate, auch wenn der als Einbettmittel verwendete Kanadabalsam zunehmend vergilbt.

Manche Präparate sind nahezu identisch mit Boveris publizierten Zeichnungen und belegen, dass Boveri nicht nur ein herausragender Zeichner und Maler war (in der Tat sagte Boveri einmal von sich, er wäre am liebsten Maler geworden), sondern mit erstaunlicher Detailtreue jede auch noch so kleine mikroskopische Zellstruktur und ihre Veränderungen während des Zellzyklus abbildete.

So konnte Boveri zeigen, dass sich in jedem Centrosom eine noch kleinere strukturelle Einheit befindet, die er Centriol nannte. Erst Jahrzehnte später ergaben elektronenmikroskopische Untersuchungen, dass Centriolen winzige zylinderförmige Strukturen sind, deren Wand aus jeweils neun Dreifach-Mikrotubuli besteht. Centriolen haben die erstaunliche Fähigkeit zur Selbstreplikation und verdoppeln sich einmal im Zellzyklus. Die dabei ablaufenden molekularen Vorgänge sind bis heute noch nicht völlig verstanden.

Centrosomen und die Entstehung von Krebs

Auf den mikroskopischen Studien baute Boveri seine Theorie der Centrosomenfunktion auf, die – zumindest in Grundzügen – noch immer gültig ist. Er betonte, dass für eine normale Zellteilung die Anwesenheit von zwei – und zwar nur zwei – Centrosomen für die bipolare Ausbildung des Spindelapparats und damit die Gleichverteilung der Chromosomen auf die beiden Tochterzellen notwendig ist.

In weiterführenden Versuchen an doppelt befruchteten Seeigeleiern, die er an der Zoologischen Station in Neapel durchführte, gelang ihm der experimentelle Nachweis, dass die Anwesenheit von mehr als zwei Centrosomen zu multipolaren Spindelapparaten und damit zu einer ungleichen Verteilung der Chromosomen auf die Tochterzellen führt. Ein falscher Chromosomenbestand konnte bei den Seeigellarven zu Zelldefekten, zum Zelltod oder zu unreguliertem Zellwachstum führen.

Diese Ergebnisse brachten Boveri zum Problem der Tumorentstehung beim Menschen. In der kurz vor seinem Tod erschienenen Arbeit „Zur Frage der Entstehung maligner Tumoren“ stellte er die Hypothese auf, dass ein abnormaler Chromosomensatz, hervorgerufen durch multipolare Mitosen bei überzähligen Centrosomen, auch die Eigenschaften von menschlichen Zellen verändern und Krebs auslösen kann. Es ist bemerkenswert, dass jetzt, 100 Jahre später, die Rolle der Centrosomen-Amplifikation für die Krebsentstehung intensiv erforscht wird.

"Historical roots of centrosome research: discovery of Boveri's microscopic slides in Würzburg", Ulrich Scheer, Phil. Trans. R. Soc. B 369, 20130469, online publiziert am 21. Juli 2014, dx.doi.org/10.1098/rstb.2013.0469

Kontakt

Prof. Dr. Ulrich Scheer, Lehrstuhl für Zoologie I (Zell- und Entwicklungsbiologie), Biozentrum, Universität Würzburg, T (0931) 31-84251, scheer@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nesseltiere steuern Bakterien fern
21.09.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Die Immunabwehr gegen Pilzinfektionen ausrichten
21.09.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften