Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Simulierte Vireninfektion könnte Hautkrebs gezielt bekämpfen

21.07.2009
Der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom, gehört zu den gefährlichsten Tumorarten. Er bildet rasch Metastasen aus, die sich bis in die Lunge oder Leber ausbreiten können und dann nicht mehr heilbar sind.

Ein Forscherteam unter der Leitung des LMU-Pharmazeuten Privatdozent Dr. Robert Besch hat nun ein Verfahren entwickelt, das die Krebszellen in die Apoptose treibt, also in den programmierten Zelltod.

Dazu wird synthetische Erbinformation von Viren in die Krebszellen eingeschleust, die sich daraufhin selbst vernichten. Gleichzeitig aktiviert diese Behandlung das Immunsystem, das dann die Krebszellen erkennt und zusätzlich bekämpft.

Gesunde Zellen bleiben bei diesem Ansatz verschont, weil ein Schutzmechanismus sie vor dem programmierten Selbstmord bewahrt. In Laborversuchen konnten die Forscher zeigen, dass das neue Verfahren Hautkrebs-Metastasen in der Lunge erfolgreich reduziert - und so künftig möglicherweise als Grundlage für neuartige Krebstherapien genutzt werden könnte. (Journal of Clinical Investigation, 20. Juli 2009).

Hautkrebs ist weltweit auf dem Vormarsch: Wichtigster Auslöser sind Schäden der Haut durch starke und anhaltende Sonnenstrahlung oder künstliches UV-Licht in Solarien. Aber auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Werden die bösartigen Veränderungen nicht frühzeitig erkannt und vollständig entfernt, ist die Gefahr einer Metastasenbildung sehr hoch. Besonders problematisch ist zudem, dass die Tumoren weitgehend resistent sind gegenüber einer Bestrahlungs- oder Chemotherapie. Dabei verfügt der Körper über Schutzmechanismen, die geschädigte Zellen erkennen und reparieren - oder aber sie eliminieren.

"Wenn etwa die Erbsubstanz irreparabel beschädigt ist, wird bei der betreffenden Zelle normalerweise der programmierte Selbstmord eingeleitet", sagt Robert Besch, Leiter der Studie und der Arbeitsgruppe "Zelladhäsion" an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. "Die Apoptose schützt also den Körper vor potentiell gefährlichen Zellen." Bei Krebs ist dieses Programm außer Gefecht gesetzt.

Viren dagegen, die nur ihre nackte Erbinformation in die Körperzellen einschleusen, erkennt der Körper anhand bestimmter Merkmale. Daraufhin wird in den infizierten Zellen Apoptose eingeleitet. "Wir wollten die Mechanismen der Virenabwehr zur Bekämpfung von Tumoren einsetzen", berichtet Professor Gunther Hartmann von der Universität Bonn. "Dazu haben wir künstlich hergestelltes Viren-Erbgut wie ein Arzneimittel eingesetzt." Diese sogenannte Triphosphat-RNA besitzt charakteristische chemische Merkmale, mit deren Hilfe der Körper eine Virusinfektion identifizieren und bekämpfen kann. Gegenüber intakten Viren hat die synthetische RNA den Vorteil, dass sie sich nicht im Körper ausbreiten und vermehren kann.

Wirksam ist sie dennoch: Melanomzellen verleitet sie zum sofortigen programmierten Selbstmord - und löst so ein massives Absterben der Krebszellen aus. Gesunde Zellen blieben dagegen verschont. "Wir konnten beobachten, dass alle Zellen als Antwort auf die künstliche Viren-RNA vermehrt Proteine produzierten, die normalerweise die Apoptose einleiten", berichtet Besch. "Das Spannende daran ist, dass ein Protein namens Bcl-xL in gesunden Zellen - und nur dort - den programmierten Zelltod verhindert hat." In der Studie, die von der Deutschen Krebshilfe und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, verringerten sich im Tierversuch die Tumoren in Größe und Masse deutlich.

Zusätzlichen Schub erfährt dieser therapeutische Ansatz durch einen weiteren wichtigen Akteur, der durch Virus-RNA auf den Plan gerufen wird: "Tumoren sind oft im Körper quasi unsichtbar und werden nicht angegriffen", sagt Privatdozent Dr. Simon Rothenfusser von der Medizinischen Klinik Innenstadt der LMU. "Unsere Versuche zeigten, dass die Behandlung mit Virus-RNA dazu führte, dass die Melanomzellen vom Immunsystem wieder erkannt werden. Die Körperabwehr konnte dann die restlichen Tumorzellen als Fremdkörper identifizieren und angreifen", ergänzt Dr. Hendrik Poeck ebenfalls maßgeblich an der Studie beteiligt.

"Dank seiner kombinatorischen Wirkung ist dies ein vielversprechender Ansatz für eine neue Therapie des malignen Melanoms und möglicherweise auch für andere Krebserkrankungen", meint Besch. "Bis die neue Methode auch an Patienten getestet oder tatsächlich in der Krebstherapie eingesetzt werden könnte, sind zunächst aber noch ausführlichere Forschungsarbeiten nötig." Die Untersuchung wurde in enger Zusammenarbeit der Dermatologischen Klinik mit der Abteilung für Klinische Pharmakologie der LMU und dem Institut für Klinische Chemie und Pharmakologie des Universitätsklinikums Bonn durchgeführt, und unter anderem im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs 1202 "Oligonukleotide in Zellbiologie und Therapie" unterstützt. (CA/suwe)

Publikation:
"Proapoptotic signaling induced by RIG-I and MDA-5 results in type I interferon-independent apoptosis in human melanoma cells";
Robert Besch, Hendrik Poeck, Tobias Hohenauer, Daniela Senft, Georg Häcker, Carola Berking, Veit Hornung, Stefan Endres, Thomas Ruzicka, Simon Rothenfusser, Gunther Hartmann;
The Journal of Clinical Investigation,
20. Juli 2009 (online)
Ansprechpartner:
PD Dr. Robert Besch
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der LMU
Tel.: 089 / 5160 - 6365
E-Mail: robert.besch@med.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Superkondensatoren aus Holzbestandteilen
24.05.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Was einen guten Katalysator ausmacht
24.05.2018 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was einen guten Katalysator ausmacht

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superkondensatoren aus Holzbestandteilen

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Schaltschrank-Plattform für die Energiewelt

24.05.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics