Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Synthetischer Wirkstoff in einer afrikanischen Pflanze entdeckt

24.09.2013
Natürliches Schmerzmittel

Forscher haben den bisher vollsynthetisch hergestellten Wirkstoff Tramadol nun in der Wurzelrinde einer afrikanischen Medizinpflanze (Nauclea latifolia Sm.) gefunden. Dies ist ein seltenes Beispiel dafür, dass ein synthetischer Wirkstoff auch in relevanten Konzentrationen in der Natur vorkommt.


Nauclea latifolia Sm. ist eine Medizinpflanze, die in der Wurzelrinde den Wirkstoff Tramadol produziert. (Quelle: © Stefan Dressler / West African plants - A Photo Guide*)

Tramadol ist ein pharmazeutischer Wirkstoff, der vollsynthetisch hergestellt und zur Linderung mäßig starker bis starker Schmerzen angewendet wird. Er wurde erstmals von der Grünenthal GmbH in Deutschland produziert und ist seit den späten 1970er Jahren als Schmerzmittel auf dem Markt.

Afrikanische Medizinpflanze als pflanzliche Quelle

Forscher entdeckten den Stoff nun jedoch auch in der Natur: In der in Afrika heimischen Pflanze Nauclea latifolia Sm. Diese zählt zur Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) und wächst in tropischem Klima. Die Pflanze gilt als Medizinpflanze und wird in Afrika beispielsweise als natürliches Schmerzmittel, gegen Fieber und auch Malaria eingesetzt.

Auf der Suche nach natürlichen Wirkstoffen zur Behandlung von Schmerzen untersuchte ein Forscherteam die Pflanze Nauclea latifolia Sm. genauer: Die Chemiker fanden den Wirkstoff Tramadol in der Wurzelrinde. Nach mehreren chemischen Untersuchungen konnte belegt werden, dass der Stoff tatsächlich in der Pflanze produziert wird und somit natürlichen Ursprungs ist. Die Ergebnisse waren für die Forscher so überraschend, dass sie drei weitere unabhängige Labore beauftragten, unterschiedliche Proben der Pflanze zu untersuchen. Auch diese bestätigten den Fund. In Versuchen mit Mäusen konnte darüber hinaus die schmerzlindernde Wirkung bestätigt werden. Die Forscher lieferten damit auch Beweise für die Wirkung der traditionell gegen Schmerzen genutzten Medizinpflanze.

Wirkstoff wird in hohen Konzentrationen, aber nur in der Wurzelrinde produziert

Tramadol konnte lediglich in der Wurzelrinde und in keinen anderen Pflanzenteilen, wie den Blättern oder den Zweigen, gefunden werden. In der Wurzelrinde wurden allerdings hohe Konzentrationen gefunden: Die getrockneten Wurzelrinden enthielten 0,4 Prozent des Wirkstoffs.

Die Forscher betonen, dass dies ein seltenes Beispiel dafür ist, dass ein synthetischer Wirkstoff auch in relevanten Konzentrationen in der Natur vorkommt. Zum dritten Mal konnte ein synthetisches und klinisch verwendetes Medikament in natürlichen Quellen identifiziert werden. Allerdings sei dies der erste natürliche Fund in medizinisch relevanten Konzentrationen, der jemals in einer Pflanze gemacht wurde, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Die Wissenschaftler sehen hier noch weiteren Forschungsbedarf. Da bis zu zehn Arten der Gattung Nauclea bekannt sind, sollten diese nun auch auf den Wirkstoff Tramadol hin gescreent werden. Aber auch ein anderer Aspekt wird durch diese Studie deutlich, wie wichtig es ist, die in der Natur vorkommende Vielfalt zu erhalten. Viele noch unbekannte Inhaltsstoffe, egal ob in Pflanzen, Tieren oder Mikroorganismen erzeugt, sind ein Beispiel für die Sinnhaftigkeit, Biodiversität zu erhalten, zu erforschen und zu nutzen. Dies gilt ungeachtet der Tatsache, dass in diesem Fall die Wirksubstanz unabhängig vom Vorbild der Natur durch eine rein chemische Synthese entwickelt wurde.

Quelle:
Boumendjel, A. et al. (2013): Occurrence of the Synthetic Analgesic Tramadol in an African Medicinal Plant. In: Angew. Chem. Int. Ed., (online 06. September 2013), doi: 10.1002/anie.201305697.

Titelbild: Nauclea latifolia Sm. ist eine Medizinpflanze, die in der Wurzelrinde den Wirkstoff Tramadol produziert. (Quelle: © Stefan Dressler / West African plants - A Photo Guide*)

*Brunken, U., Schmidt, M., Dressler, S., Janssen, T., Thiombiano, A. & Zizka, G. 2008. West African plants - A Photo Guide. www.westafricanplants.senckenberg.de. - Forschungsinstitut Senckenberg, Frankfurt/Main, Germany.

Brunken, U. u.a. | Pflanzenforschung.de
Weitere Informationen:
http://www.pflanzenforschung.de/index.php?cID=9376

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Adenoviren binden gezielt an Strukturen auf Tumorzellen
23.04.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Im Focus: Metalle verbinden ohne Schweißen

Kieler Prototyp für neue Verbindungstechnik wird auf Hannover Messe präsentiert

Schweißen ist noch immer die Standardtechnik, um Metalle miteinander zu verbinden. Doch das aufwändige Verfahren unter hohen Temperaturen ist nicht überall...

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Moleküle brillant beleuchtet

23.04.2018 | Physik Astronomie

Sauber und effizient - Fraunhofer ISE präsentiert Wasserstofftechnologien auf Hannover Messe

23.04.2018 | HANNOVER MESSE

Fraunhofer IMWS entwickelt biobasierte Faser-Kunststoff-Verbunde für Leichtbau-Anwendungen

23.04.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics