Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Strahlentierchen werden immer dünner - warum?

28.05.2009
Schlankheitswahn? Keineswegs!

Der Paläontologe David Lazarus vom Museum für Naturkunde Berlin und seine Arbeitsgruppe haben herausgefunden, weshalb die Schalen der mikroskopisch kleinen Strahlentierchen, auch Radiolarien genannt, im Lauf der letzten 45 Millionen Jahre immer dünner wurden.

Sowohl biologische als auch physikalische Steuerungsfaktoren sind für diese evolutionäre Entwicklung verantwortlich. Bisher waren die Wissenschaftler der Meinung, dass hauptsächlich physikalische Faktoren Einfluss haben. Die Erkenntnis ist für das allgemeine Verständnis der Faktoren, wie sich Organismen entwickeln und auf Veränderungen reagieren, von großer Bedeutung.

Was sind die Mechanismen der Evolution? Eine Theorie besagt, dass eine Art, wenn sie überleben will, keine andere Wahl hat, als besser zu sein als die andere in ihrem Lebensraum - ein regelrechtes Wettrüsten entsteht, in welchem die Lebewesen sich verändern, ohne dass sich ihre Umweltbedingungen verändern. Einer anderen Theorie zufolge müssen sich die Lebewesen an veränderte Umweltbedingungen anpassen - wer es schafft, der überlebt; wer nicht, stirbt aus. Gäbe es keine physikalischen Veränderungen, z.B. Klimaänderungen, gäbe es auch keine Evolution.

David Lazarus und seine Arbeitsgruppe untersuchten Radiolarien in 40 Proben aus bis zu 60 Millionen Jahre alten Gesteinsbohrkernen, die an verschiedenen Stellen der Weltozeane genommen wurden. Tausende der darin befindlichen Radiolarien wurden ausgelesen und vermessen. Radiolarien kommen ausschließlich im Meerwasser vor. Sie bevorzugen oberflächennahe Bereiche und benötigen zum Bau ihrer Skelette Siliziumdioxid, das sie dem Meerwasser entziehen - wenn sie können. Denn auch Kieselalgen, die in diesem Bereich leben, benötigen in riesigen Mengen dieses Biomaterial als Baustoff.

Vor 45 Millionen Jahren gab es viel Kieselalgen. Starben diese ab, sanken sie zu Boden und zersetzten sich. Da jedoch das Wasser in den Ozeanen sowohl in den oberen als auch unteren Schichten warm war, konnten sich die Wasserschichten gut durchmischen und das frei werdenden Siliziumdioxid wieder nach oben transportieren. Dort wurde es von den Radiolarien wieder in die Gerüstschalen eingebaut. Obwohl es viele Kieselalgen gab, stand auch genügend Baustoff für die Radiolarien zur Verfügung.

Vor 35 Millionen Jahren kam es zu einem Klimawandel, der dazu führte, dass das Meerwasser sich abkühlte und nur noch in den obersten Schichten vergleichsweise warm waren. Das absinkende Siliziumdioxid blieb daraufhin in den bodennahen, schweren und kalten Wasserschichten. Die Wasserdurchmischung fehlte. Beide Faktoren führten dazu, dass es den Radiolarien an Baustoff mangelte

und sie immer dünnere, gerüstartigere Schalen bilden mussten.

Heutige Radiolarien haben etwa nur noch ein Drittel so dicke Schalen wie die vor 45 Millionen Jahren ausgestorbenen dickschaligen Arten. Die Evolution der Radiolarien wurde also sowohl von biologischen Faktoren (Konkurrenz mit den Kieselalgen um das Siliziumdioxid) wie von physikalischen Faktoren (Mangel an Siliziumdioxid als Folge eines Klimawandels) beeinflusst.

Originalveröffentlichung: David B. Lazarus, Benjamin Kotrc, Gerwin Wulf, Daniela N. Schmidt: Radiolarians decreased silicification as an evolutionary response to reduced Cenozoic ocean silica availability. PNAS ; doi:10.1073/pnas.0812979106

Fotos erhalten Sie unter: http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Radiolarien

Fotocredit: wenn nicht anders angegeben "Museum für Naturkunde, Berlin"

Kontakt:
Dr. David Lazarus, Tel. +49(0)30 2093 8579, e-mail david.lazarus@mfn-berlin.de

Dr. Gesine Steiner | idw
Weitere Informationen:
http://www.museum.hu-berlin.de
http://download.naturkundemuseum-berlin.de/presse/Radiolarien

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterieller Untermieter macht Blattnahrung für Käfer verdaulich
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

nachricht Neues Werkzeug für gezielten Proteinabbau
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte