Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stoffe als Endokrine Disruptoren nach einheitlichen wissenschaftlichen Kriterien identifizieren

22.03.2013
Bundesinstitut für Risikobewertung und britische Fachbehörde Chemicals Regulation Directorate (CRD) schlagen Konzept für die gesundheitliche Bewertung vor

Als endokrin wirksame Substanzen bezeichnet man Stoffe, die das Hormonsystem von Organismen beeinflussen können. Führt diese Wechselwirkung zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen, dann spricht man von Endokrinen Disruptoren. In der Europäischen Union sind jetzt auch Endokrine Disruptoren in verschiedenen rechtlichen Bereichen spezifisch geregelt worden.

Dabei wurde allerdings noch nicht festgelegt, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage derartige Stoffe identifiziert und charakterisiert werden sollen. Deshalb wurde die EU-Kommission vom europäischen Gesetzgeber beauftragt, konkrete und transparente Kriterien für die Bestimmung von endokrinschädlichen Eigenschaften eines Stoffes zu erarbeiten. Derzeit stehen unterschiedliche Vorgehensweisen zur Diskussion. „Das BfR vertritt die Auffassung, dass bei der Bewertung von Stoffen mit endokrinschädlichen Eigenschaften das Prinzip ´ein Stoff- eine Bewertung´ angewandt werden sollte“, sagt Professor Dr. Dr. Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

„Wird ein Stoff in unterschiedlichen Rechtsbereichen verwendet, muss die Bewertung dennoch identisch sein und nur auf Basis der dem Stoff inhärenten Eigenschaften erfolgen.“ Es könne nicht sein, dass für denselben Stoff, etwa in den unterschiedlichen Rechtsbereichen wie Biozid-, Pflanzenschutz- oder Chemikalienrecht, unterschiedliche toxikologische Grenzwerte zugrunde gelegt werden, da die Toxizität immer die gleiche sei. Das BfR hat bereits 2011 gemeinsam mit der britischen Bewertungsbehörde CRD ein strukturiertes und abgestuftes Bewertungskonzept für Endokrine Disruptoren im Hinblick auf die menschliche Gesundheit erarbeitet, das unter Berücksichtigung der aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen fortentwickelt wurde.

Das fortentwickelte Konzept weist im Wesentlichen drei Stufen auf: In einer ersten Stufe wird geprüft, ob der Stoff als Endokriner Disruptor anzusehen ist (Hazard Identification). Grundlage dieser Prüfung ist die international akzeptierte Definition der WHO, wonach Endokrine Disruptoren exogene, also dem Organismus zugeführte Substanzen darstellen, die die Funktion des Hormonsystems verändern und als Konsequenz daraus schädliche Effekte im intakten Organismus verursachen. Aus dieser Definition ergeben sich drei Grundbedingungen, die erfüllt sein müssen: Zum Einen muss feststehen, dass die Substanz relevante Funktionen des Hormonsystems beeinträchtigt. Zum Anderen müssen als Folge dieser Beeinträchtigung schädliche Effekte auftreten und zudem müssen die schädlichen Effekte im intakten Organismus beobachtet werden können.

Für die Identifizierung werden alle für eine Substanz verfügbaren toxikologischen Studien und sonstige wissenschaftlichen Informationen betrachtet. Alle Substanzen, die die genannten Kriterien erfüllen, werden als Endokrine Disruptoren angesehen.

Für die regulatorische Entscheidung muss jedoch im weiteren Verfahren eine Differenzierung durch Charakterisierung des Gefährdungspotenzials vorgenommen werden. In der zweiten Stufe des Konzepts erfolgt daher die Charakterisierung des Gefährdungspotenzials (Hazard Characterization). Bei experimentellen Daten wird - sofern keine gegenteiligen Informationen vorliegen - angenommen, dass die in einem intakten Organismus beobachteten Effekte am Versuchstier auch für den Menschen relevant sind. Außerdem werden eine Reihe weiterer Faktoren berücksichtigt, die in international harmonisierten Regelungen oder wissenschaftlichen Leitfäden zur Beurteilung toxischer Wirkungen verwendet werden. Zu den wichtigsten Faktoren zählen insbesondere die Spezifität, der Schweregrad, die Reversibilität und die Konsistenz der auftretenden Effekte. Außerdem ist die Potenz, also die Dosis, bei der diese Effekte auftreten, entscheidend.

In der dritten Stufe erfolgt die spezifische regulatorische Entscheidung. Durch die in dem Konzept vorgesehene Charakterisierung des Gefährdungspotentials ist es möglich, Endokrine Disruptoren mit besonders hohem Besorgnisgrad für die menschliche Gesundheit zu benennen. Auf dieser Grundlage können dann die für das jeweilige Verfahren spezifischen regulatorischen Entscheidungen getroffen werden. Dies kann zum Beispiel ein Verbot der Verwendung als Wirkstoff für Pestizide und Biozide oder eine Zulassungspflicht für Chemikalien bedeuten. Ziel jeder regulatorischen Entscheidung ist es, ein hohes Schutzniveau für den Menschen zu gewährleisten.

Das vom BfR fortentwickelte Konzept geht über den von der EU-Kommission präsentierten Vorschlag hinaus und hat den entscheidenden Vorteil, dass die Charakterisierung des Gefährdungspotenzials mit Hilfe einer komplexen Entscheidungsmatrix (Spezifität, Schweregrad, Reversibilität, Konsistenz, Potenz) zu einer wissenschaftlich präzisen, transparenten und nachvollziehbaren Bewertung führt. Sie ist auf alle wesentlichen stoffbasierten Regulationsbereiche anwendbar und ermöglicht die einheitliche Umsetzung des Prinzips „Ein Stoff - eine Bewertung“. Die von der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA kürzlich veröffentlichte Stellungnahme zu dieser Thematik unterstützt das vom BfR vorgeschlagene Vorgehen.

Über das BfR

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist eine wissenschaftliche Einrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV). Es berät die Bundesregierung und die Bundesländer zu Fragen der Lebensmittel-, Chemikalien und Produktsicherheit. Das BfR betreibt eigene Forschung zu Themen, die in engem Zusammenhang mit seinen Bewertungsaufgaben stehen.

Dr. Suzan Fiack | idw
Weitere Informationen:
http://www.bfr.bund.de/cm/349/regulatory_definition_of_an_endocrine_disrupter_in_relation_to_potential_threat_to_human_health.pdf
http://www.efsa.europa.eu/en/press/news/130320.htm?utm_source=homepage&utm_medium=infocus&utm_campaign=easopinion

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Junger Embryo verspeist gefährliche Zelle
18.05.2018 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

nachricht Weiße Gespenster am Straßenrand - die Pfaffenhütchen-Gespinstmotte
18.05.2018 | Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

Tagung »Anlagenbau und -betrieb der Zukunft«

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Wie Immunzellen Bakterien mit Säure töten

18.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics