Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Städter oder Landei

19.06.2013
Stadtleben verändert die Persönlichkeit von Amseln

Stadtmenschen gelten gemeinhin als offener gegenüber neuen Entwicklungen als Menschen auf dem Land. Bei Tieren, die Städte erfolgreich besiedelt haben, scheint das Stadtleben ebenso den Charakter zu verändern.


Verhaltensexperimente mit Stadt- und Waldamseln: Die Vögel aus der Stadt warten länger bis sie neue Objekte, hier einen Plastikbecher, erkunden.
© MPI f. Ornithologie/Catarina Miranda

Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell konnten nun mit handaufgezogenen Stadt- und Waldamseln zeigen, dass Stadtamseln weniger neugierig gegenüber fremden Gegenständen sind als ihre Artgenossen vom Land. Sie lassen sich von unbekannten Reizen zudem stärker abschrecken. Demnach stellen die Persönlichkeitsunterschiede zwischen Land- und Stadtvögeln nicht nur eine Anpassung des Verhaltens an die urbanen Gegebenheiten dar. Vielmehr sind sie durch die Evolution verändert worden, da das Stadtleben vermutlich bestimmte Persönlichkeitstypen von Wildtieren begünstigt.

Haustier-Besitzer haben es schon immer gewusst: Auch Tiere besitzen Persönlichkeit. Bei über 100 Tierarten haben Wissenschaftler inzwischen festgestellt, dass die einzelnen Individuen dauerhaft eigene Verhaltensstrategien verfolgen und Verhaltensweisen in verschiedenen Situationen ähnlich anwenden. Wissenschaftler vermuten, dass solche Unterschiede auch für die Anpassung an neue Lebensräume wichtig sind.

Gerade die zunehmende Verstädterung unserer Umwelt hat die Lebensbedingungen vieler Tiere deutlich verändert. Sie müssen sich nicht nur physisch, sondern auch in ihrem Verhalten an neue, vom Menschen geprägte Lebensbedingungen anpassen. Ein Paradebeispiel für eine solche Anpassungsfähigkeit ist die Amsel (Turdus merula). Ursprünglich ein scheuer Waldvogel, gehört sie heute zu den häufigsten Vogelarten in Städten, Grünanlagen und Parks. Der neue Lebensraum hat das Verhalten der Tiere auf vielfältige Weise verändert: Stadtamseln ziehen beispielsweise im Winter seltener in den Süden, sie brüten zudem früher und leben enger mit Artgenossen zusammen.

Städte verändern aber offenbar weltweit das Verhalten von Wildtieren grundlegend – nicht nur bei der Amsel, sondern bei vielen verschiedenen Tierarten. Die Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell haben die verfügbaren Erkenntnisse zu Unterschieden zwischen Stadt- und Landpopulationen verschiedener Arten ausgewertet: In 27 von 29 analysierten Studien zu verschiedenen Arten verhalten sich die Tiere in Stadt und Land unterschiedlich gegenüber neuen Reizen. „Dies scheint also ein globales Phänomen zu sein“, so Catarina Miranda, Erstautorin der Studie.

In ihrer Studie haben die Radolfzeller Ornithologen getestet, ob diese Verhaltensunterschiede sich auch in unterschiedlichen Persönlichkeitstypen widerspiegeln und, wenn ja, ob diese das Ergebnis evolutionärer Veränderungen oder der individuellen Verhaltensanpassung sind. Dazu haben die Forscher handaufgezogene Stadt- und Landamseln mehrere Monate lang immer wieder mit unbekannten Gegenständen konfrontiert. Die Tiere waren kurz nach dem Schlüpfen aus dem elterlichen Nest entfernt und von Hand aufgezogen worden. So konnten sie sicherstellen, dass es sich bei den beobachteten Reaktionen nicht um erlernte, sondern vermutlich um angeborene Verhaltensweisen handelte.

Im Vergleich zu den Vögeln aus dem Wald warteten die Tiere aus der Stadt deutlich länger ab, bis sie sich dem neuen Gegenstand nähern. Die Stadttiere reagieren jedoch nicht nur abwartender gegenüber Neuem, sie meiden Unbekanntes regelrecht: In hungrigem Zustand ließen sie sich von fremden Gegenständen vor ihrer Futterbox länger vom Fressen abhalten. Eine eindeutige Erklärung für diese Unterschiede in den Persönlichkeitstypen zwischen Stadt- und Landamseln haben die Wissenschaftler bis jetzt noch nicht. „Möglicherweise müssen Amseln in der schnelllebigen Stadtwelt permanent mit neuen Situationen zurechtkommen, wohingegen das Landleben mit seinen gleichförmigeren Abläufen verlässlichere Lebensbedingungen bietet“, vermutet Catarina Miranda vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell das Ergebnis. „Die Evolution scheint im Laufe der Besiedlung von Städten daher bestimmte Persönlichkeitstypen begünstigt zu haben“, so Miranda.

Diese Erklärung wird durch eine jüngst veröffentlichte Studie gestützt: Gene, die wahrscheinlich an der Ausprägung der hier untersuchten Verhaltensweisen beteiligt sind, zeigen in Stadtamseln eine andere Struktur als in den Waldamseln. Die Amselpersönlichkeit scheint also genetisch festgelegt und kann demnach durch Evolution während des Verstädterungprozesses verändert worden sein.

Originalpublikation:
Ana Catarina Miranda, Holger Schielzeth, Tanja Sonntag & Jesko Partecke
Urbanization and its effects on personality traits: a result of microevolution or phenotypic plasticity?
Global Change Biology, 19 June 2013; doi: 10.1111/gcb.12258

Ansprechpartner:
Dr. Jesko Partecke
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
Telefon: +49 7732 1501-67
E-Mail: partecke@­orn.mpg.de

Ana Catarina Miranda
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
Telefon: +49 7732 1501-54
E-Mail: miranda@­orn.mpg.de
https://www.youtube.com/watch?v=S4F_X81sYVs
Video:Catarina Miranda, Doktorandin am Max-Planck-Institut für Radolfzell und der International Max Planck Research School untersucht die Auswirkungen der Urbanisierung auf Amseln

Dr. Jesko Partecke | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.youtube.com/watch?v=S4F_X81sYVs
http://www.mpg.de/7314957/amseln_persoenlichkeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Krebsdiagnostik: Pinkeln statt Piksen?
25.05.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Kugelmühlen statt Lösungsmittel: Nanographene mit Mechanochemie
25.05.2018 | Technische Universität Dresden

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Berufsausbildung mit Zukunft

25.05.2018 | Unternehmensmeldung

Untersuchung der Zellmembran: Forscher entwickeln Stoff, der wichtigen Membranbestandteil nachahmt

25.05.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

25.05.2018 | Informationstechnologie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics