Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Stabschrecken als einfallsreiche Verwandlungskünstler

20.03.2014

Göttinger Wissenschaftler an Fossilienfund in China beteiligt – Erkenntnisse über neue Schreckenart

Zweige sind nicht gleich Zweige. Den Beweis dafür liefern Stab- und Gespenstschrecken, die sich auf erstaunliche Weise an ihre Umwelt anpassen können.


Fossil einer Stabschrecke aus der Jehol-Gesteinsgruppe im Nordosten Chinas.

Foto: Capital Normal University, Peking, China


Rekonstruktion einer Stabschrecke in ihrer natürlichen Umgebung.

Rekonstruktion: erstellt von Sophie Fernandez (Centre de recherche sur la paléobiodiversité et les paléoenvironnements, Paris)

Ein Phänomen, das gemeinhin als Mimese bezeichnet wird. Der Evolutionsbiologe Dr. Sven Bradler von der Universität Göttingen hat in Kooperation mit Paläontologen aus Frankreich und China nun eine neue Stabschrecken-Art entdeckt.

Die Wissenschaftler werteten Fossilien aus der Jehol-Gesteinsgruppe im Nordosten Chinas aus und erlangten dadurch neue Erkenntnisse auf dem Forschungsgebiet der Mimese. Offenbar reagierten die Insekten mit der Verwandlung auf Umwelteinflüsse. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift PLoS ONE erschienen.

Die Fossilien stammen aus der Zeit der Unterkreide und sind etwa 125 Millionen Jahre alt. Bisher kamen die weltweit raren Fundstücke der Gruppe Stab- und Gespenstschrecken aus dem deutlich jüngeren, etwa vor 50 Millionen Jahren anzusiedelnden Eozäns. Anhand von drei bemerkenswert gut erhaltenen Individuen – zwei Männchen und einem Weibchen – konnten die Wissenschaftler Details zur frühen Evolution und Biologie dieser Insektengruppe ermitteln.

Bislang gingen Evolutionsbiologen davon aus, dass sich die Insekten an ihre Nahrung anpassten. Spätestens seit der Oberkreide, etwa vor 90 Millionen Jahren, waren dies bedecktsamige Blütenpflanzen, die damals und heute evolutiv erfolgreichste Pflanzengruppe. Die auffällige Färbung der ausgeprägten Flügeladern der Stabschrecken lässt nun aber vermuten, dass die Insekten damals blattförmige Organe einer Ginkgo-verwandten Pflanze imitierten, einer nacktsamigen Pflanze. Diese waren lange vor dem Aufstieg der Blütenpflanzen zu finden.

„Die frühe Form der Blattmimese deutet darauf hin, dass sich die Stabschrecken schon damals als Abwehr gegen Insektenfresser wie Vögel und Säugetiere, die in den Bäumen wohnten, an die Umgebung anpassten. Deren Anwesenheit veranlasste die Stabschrecken vermutlich zu der trickreichen Tarnung“, so Dr. Bradler, der am Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen forscht.

Originalveröffentlichung: Maomin Wang et al: Under cover at pre-angiosperm times: a cloaked phasmatodean insect from the Early Cretaceous Jehol biota. PloS ONE. Doi: 10.1371/journal.pone.0091290

Kontaktadresse:
Dr. Sven Bradler
Georg-August-Universität Göttingen
Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie
Berliner Str. 28, 37073 Göttingen
Telefon (0551) 39-5430
E-Mail: sbradle@gwdg.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-goettingen.de/de/80149.html

Thomas Richter | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Das Rezept für ein motorisches Neuron
09.12.2016 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht "Wächter des Genoms": Forscher aus Halle liefern neue Einblicke in die Struktur des Proteins p53
09.12.2016 | Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entschlüsseln, wie Pflanzen ihre Blätter abwerfen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

"Wächter des Genoms": Forscher aus Halle liefern neue Einblicke in die Struktur des Proteins p53

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie