Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Auf der Spur des Choleraerregers

16.07.2010
Ein Forscherteam am ZMT untersucht in den Feuchtgebieten der Sundarbans die Umwelteinflüsse, die die Ausbreitung der Cholera begünstigen.

Der größte Mangrovenwald der Erde, die Sundarbans, erstreckt sich an der Grenze zwischen Indien und Bangladesh. Hier führen in weitverzweigten Verästelungen Ganges und Brahmaputra die Niederschläge von den Hängen des Himalaya und der Monsungebiete ins Meer ab. Dieses Überschwemmungsland gilt als die Wiege der Cholera, da die meisten großen Epidemien hier ihren Anfang hatten.

Ein Forscherteam am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen untersucht in den Feuchtgebieten der Sundarbans die Umwelteinflüsse, die die Ausbreitung der Krankheit begünstigen. Die Cholera, eine schwere Infektionskrankheit, wird durch das Bakterium Vibrio cholerae verursacht, das im Wasser lebt. Die Infektion erfolgt zumeist über verunreinigtes Trinkwasser oder infizierte Nahrung. In Entwicklungsländern ist die Krankheit noch immer ein Grund für hohe Mortalitätsraten. Choleraepidemien rafften allein im letzten Jahrzehnt viele Tausend Menschen in Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas hinweg; in 1994 traten sie in über 90 Ländern auf.

Vibrio cholerae lebt in engem Kontakt mit dem Plankton, kleinen, im Wasser treibenden Lebewesen wie den Ruderfußkrebsen. Es nistet sich bevorzugt in deren Chitinpanzer ein, nutzt aber auch Chitinhäute von Mikroalgen und von anderen Pflanzen- und Pilzfragmenten, die ins Wasser gespült wurden. Mit Hilfe einer Geißel bewegt es sich fort, die für ihren Antrieb das Natrium des Meersalzes benötigt. Vibrio kommt daher hauptsächlich im Meer und im Brackwasser von Flussmündungen vor.

An Ganges und Brahmaputra liegen große Ballungszentren, die ihre Abwässer größtenteils ungeklärt in die Flüsse einleiten. Dadurch kommt es regelmäßig zu Algenblüten. Von den Algen ernähren sich die kleinen Planktonkrebse, die sich dann sprungartig vermehren – und mit ihnen die Choleraerreger. Die Forscher des ZMT und ihre Kollegen aus Indien sind jedoch noch anderen Gründen für das plötzliche Auftreten von Epidemien auf der Spur.

In der Region wüten häufig Wirbelstürme, treiben das Meerwasser die Uferzonen und Flussläufe hoch und wirbeln Schlamm und Pflanzen auf. Auch die heftigen Monsunregen der Sommermonate führen zu Überschwemmungen und einem hohen Gehalt an Schwebstoffen in den Wasserfluten. Das sind ideale Bedingungen für die Verbreitung der Choleraerreger. Um sich vor den Überschwemmungen zu schützen, bauen die Einheimischen hier ihre Häuser auf warftenartigen Erdhügeln. Die ausgehobenen Erdlöcher sind mit Grundwasser gefüllt, das zum Trinken, Kochen und Waschen benutzt wird. Bei Überflutung wird dort Brackwasser eingespült, das reich an Choleraerregern ist.

Solche Naturgewalten führen auch dazu, dass viel freies genetisches Material von toten Pflanzen- und Tierzellen in den trüben Gewässern der Sundarbans treibt. Wie auch andere Bakterien, kann Vibrio fremde Gene aufnehmen und in sein Erbmaterial einbauen. Dadurch taucht der Erreger in vielen Artenvarianten auf, die unterschiedlichste Infektionen beim Menschen hervorrufen können. Auch Meerestiere wie Fische und Garnelen können befallen werden, und über die Nahrungskette wiederum der Mensch. In Europa hat die Klärung des Trinkwassers zwar zu einer Eindämmung der Cholera seit Beginn des 20. Jahrhunderts geführt. Laut Berichten aus Schweden und Holland haben sich jedoch schon häufiger Badende im Meer Hautinfektionen zugezogen, die auf eine Art des Vibriobakteriums zurückgeführt werden.

Es ist abzusehen, dass mit der Klimaerwärmung tropische Wirbelstürme noch häufiger und die sturzflutartigen Regenfälle des Monsuns noch heftiger werden, mit entsprechenden Folgen für die Verbreitung krankheitserregender Arten von Vibrio. Das ZMT wird seine Untersuchungen im Gangesdelta in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem indischen Forschungsministerium finanzierten Projekt weiterführen und dabei eng mit dem Nationalen Institut für Cholera in Kalkutta zusammenarbeiten. Selten gingen bisher Umweltforschung und medizinische Forschung Hand in Hand. Eine solche interdisziplinäre Arbeit ist jedoch unabdingbar, um Verbreitungsmechanismen von Krankheitserregern zu verstehen.

Das Projekt ist eines von zehn deutschlandweit ausgewählten Projekten der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit in der Grundlagenforschung. Diese Initiative wurde 2009 ins Leben gerufen.

Weitere Informationen:

Dr. Ruben Lara
Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie
Tel: 0421 / 23800 – 62
Email: ruben.lara@zmt-bremen.de
Das LEIBNIZ-ZENTRUM FÜR MARINE TROPENÖKOLOGIE - ZMT in Bremen widmet sich in Forschung und Lehre dem besseren Verständnis tropischer Küstenökosysteme. Im Mittelpunkt stehen Fragen zu ihrer Struktur und Funktion, ihren Ressourcen und ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber menschlichen Eingriffen und natürlichen Veränderungen. Das ZMT führt seine Forschungsprojekte in enger Kooperation mit Partnern in den Tropen durch, wo es den Aufbau von Expertise und Infrastruktur auf dem Gebiet des nachhaltigen Küstenzonenmanagements unterstützt. Das ZMT ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft.

Dr. Susanne Eickhoff | idw
Weitere Informationen:
http://www.zmt-bremen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur
17.08.2017 | Deutsches Krebsforschungszentrum

nachricht Magenkrebs: Auch Bakterien können Auslöser sein
17.08.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten