Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein spektakulärer Schädelraub ohne Aufklärung

17.11.2009
Die Suche nach dem echten Schiller-Schädel ist beendet

Seit Mai vorigen Jahres steht fest, dass keiner der Schädel, die bisher Schiller zugeschrieben wurden, der "echte" Schiller ist. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher wie Prof. Ursula Wittwer-Backofen vom Institut für Anthropologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

In Kooperation mit dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und der Stiftung Weimarer Klassik untersuchte die Anthropologin Schädel, die in der Fürstengruft in Weimar gefunden wurden. Ebenfalls an dem Projekt beteiligt war die Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Freiburg mit Dr. Marc Christian Metzger. Der Schädel von Schiller wurde offensichtlich vertauscht mit einem Schädel, der ähnliche morphologische Züge und ein vergleichbares Gebiss aufwies. Nur einem ausgewiesenen Schädelexperten, der zudem Zugang zum Kassengewölbe in Weimar hatte, trauten die Anthropologen einen solchen Coup zu.

Die Frage stellte sich, wo der echte Schädel hingekommen sei und ob es Spuren gäbe, die zu ihm hinführten. Die Spurensuche war Thema des Folgeprojektes "Schillers Schädel-Schicksal" des Mitteldeutschen Rundfunks, das vergangenen Sonntagabend ausgestrahlt wurde. Ausgehend von den großen Schädelsammlern des 19. Jahrhunderts, geriet vor allem ein Schädelgelehrter ins Visier der Wissenschaftler. Der Anatom August von Froriep hatte nicht nur Zugang zum Kassengewölbe, er war es, der im Jahre 1826, 21 Jahre nach Schillers Tod, aufgerufen war, die Echtheit des Schädels festzustellen. Er identifizierte einen Schädel als Schillers Schädel, den Goethe im gleichen Jahr aus dem Kassengewölbe holte. Die Anthropologen fügten alle Puzzelsteine zusammen und kamen zu dem Schluss, dass der Austausch schon vor der Echtheitsbestimmung erfolgt sein musste. Alle Abgüsse, vermutlich auch die Totenmaske Schillers, beruhen auf dem falschen Schädel. Mit kriminalistischem Spürsinn kam Prof. Wittwer-Backofen mit Froriep einem Schädelexperten auf die Spur, der die nötigen Kenntnisse besaß, Zugang zum Gewölbe hatte, Schillers Gebiss kannte und vor allem ein Motiv hatte. Als Schüler des berühmten Schädelsammlers Franz Joseph Gall wusste er, wie begehrt zu jener Zeit der Schädel eines Prominenten war und wie sehr seine eigene Sammlung an Wert gewinnen würde. "Die Anatomen haben zu jener Zeit Schädel wie Briefmarken gesammelt", sagt Wittwer Backofen.

Für Verblüffung sorgte, dass der falsche Schädel das gleiche Schwermetallmuster aufwies wie es Schillers echter Schädel aufgrund der blei- und arsenhaltigen Tapete in seinem Arbeitszimmer wohl gezeigt hätte. Der Anatom Froriep hatte in eine Tuchhändlerfamilie eingeheiratet und die Arbeiter waren aufgrund der Produktionsbedingungen mit Schwermetallen belastet. Möglicherweise hatte er sogar einem toten Arbeiter die Totenmaske abgenommen, den Schädel abgetrennt, in das Kassengewölbe geschafft und dafür Schillers Schädel entwendet.

Frorieps Sammlung gelangte durch seinen Enkel an die Tübinger Universität, wo sich noch etwa 200 der ursprünglich 1.500 Schädel umfassenden Sammlung befinden. Die Freiburger Anthropologen analysierten tagelang aufgrund der Morphologie und anhand des Gebisses die Reste der Sammlung mit Unterstützung des Tübinger Anthropologen Dr. Alfred Czarnetzki und des Kurators Dr. Michael Francken und wählten zwei Schädel für die DNA-Analyse aus. Beide stimmten nicht mit Schillers Gencode überein, so dass fest steht: In der Tübinger Sammlung ist der Schädel nicht mehr. Er kann als Tauschobjekt in andere Sammlungen dieser Zeit gewandert oder verloren gegangen sein. "Damit ist die Suche jetzt offiziell beendet", sagt Wittwer-Backofen. Der Aufwand stehe in keinem Verhältnis mehr zu einem möglichen Ergebnis. Die Spur des vermutlich spektakulärsten Schädelraubes des 19. Jahrhunderts führt ins Nichts.

Kontakt:
Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen
Institut für Humangenetik und Anthropologie
Tel.: 0761/203-6896
Fax: 0761/203-6898
E-Mail: anthropologie@uniklinik-freiburg.de

Rudolf-Werner Dreier | idw
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen
12.12.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Undercover im Kampf gegen Tuberkulose
12.12.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mit Quantenmechanik zu neuen Solarzellen: Forschungspreis für Bayreuther Physikerin

12.12.2017 | Förderungen Preise

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik