Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

So fliegen die Motten zum Licht: Straßenleuchten wirken wie Barrieren in der Nachtlandschaft

08.09.2016

Nächtliche Beleuchtung verändert das Verhalten von Tieren. Eine Studie unter Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zeigt, dass Nachtfalter – umgangssprachlich auch „Motten“ – in einem Radius von etwa 23 Metern von einer Straßenleuchte angelockt werden. Wie viele Tiere angezogen werden, hängt von der Position der Leuchte ab: An der Grenze zu dunkleren Zonen fliegen mehr Nachtfalter zum Licht als im Zentrum eines Areals, in dem viele Lampen stehen. Die angelockten Tiere verlieren wertvolle Zeit und Energie an den Leuchten, so dass die zunehmende Beleuchtung bei Nacht ein Grund für ihren Rückgang sein kann.

Motten fliegen zum Licht – das weiß jedes Schulkind. Bisher wussten Wissenschaftler jedoch nicht, in welcher Entfernung die Tiere von Straßenbeleuchtung angezogen werden, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und ob es dadurch zu einer Barrierewirkung bei der Ausbreitung von Nachtfaltern kommt.


Experimentierfeld im Westhavelland nordwestlich von Berlin, einer der dunkelsten Regionen Deutschlands.

Stefan Heller/IGB


Experimentierfeld im Westhavelland nordwestlich von Berlin, einer der dunkelsten Regionen Deutschlands.

Stefan Heller/IGB

Dies ist eine wichtige ökologische Fragestellung, denn angesichts von acht bis neun Millionen Straßenleuchten allein in Deutschland werden Milliarden von Insekten täglich in ihrem Verhalten beeinflusst. So verändern sich ganze Nahrungsnetze und ökologische Prozesse – ungesehen – während der Nacht. Für Ökosysteme sind Nachtfalter dabei von besonderer Bedeutung: sie bestäuben Pflanzen und sind eine wichtige Nahrungsquelle für andere Tiere.

Dr. Franz Hölker leitet am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) den Forschungsverbund „Verlust der Nacht“, der sich mit den ökologischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Lichtverschmutzung beschäftigt. Seine Arbeitsgruppe hat im Westhavelland ein Experimentierfeld installiert.

Dort, siebzig Kilometer nordwestlich von Berlin, gibt es kaum Lichtverschmutzung. Die Nächte sind hier fast so dunkel wie vor der Einführung der elektrischen Beleuchtung, so dass man die Milchstraße und manchmal sogar Polarlichter sehen kann. Ein Anblick, der sonst deutschlandweit kaum noch möglich ist.

In diesem Landstrich haben Hölker und seine Kollegen in einem begrenzten Areal Straßenleuchten und Insektenfallen aufgebaut. Über zwei Jahre analysierten die Forscher, wie sich nächtliche Beleuchtung auf nachtaktive Insekten auswirkt. Sie konnten zeigen, dass Straßenleuchten wie Staubsauger die Nachtfalter in einem Umkreis von etwa 23 Metern anziehen. „Dabei fanden wir mehr Tiere an den Randleuchten als an den Leuchten im Inneren des Beleuchtungsfeldes“, sagt Tobias Degen, Erstautor der Studie.

„In Europa liegen die Abstände der Masten in der Regel zwischen 25 und 45 Metern. Wir rechnen deshalb in vielen Fällen mit einer erhöhten Barrierewirkung bei der Ausbreitung von Nachtfaltern“, fasst Franz Hölker zusammen. Wandernde Tiere würden dadurch wertvolle Zeit und Energie verlieren, die ihnen bei der Futtersuche und für eine erfolgreiche Fortpflanzung nicht mehr zur Verfügung stünden. Um bedrohte Nachtfalterpopulationen zu schützen, empfehlen die Autoren, störendes Licht in den primären Lebensräumen der Tiere zu reduzieren.

Studie:

Degen, T., Mitesser, O., Perkin, E. K., Weiß, N.-S., Oehlert, M., Mattig, E. and Hölker, F. (2016), Street lighting: sex-independent impacts on moth movement. Journal of Animal Ecology 2016, 85, 1352–1360

Die Studie wurde durch das BMBF (033L038A) im Rahmen des Projektes „Verlust der Nacht“ gefördert und durch das BfN (3514821700) unterstützt.

Kontakt:

Dr. Franz Hölker,
Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB),
Müggelseedamm 310
12587 Berlin
Telefon: 030 64181665
E-Mail: hoelker@igb-berlin.de

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit IGB
Angelina Tittmann
Telefon: 030 64181631
E-Mail: tittmann@igb-berlin.de

Weitere Informationen zum Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)

http://www.igb-berlin.de

Die Arbeiten des IGB verbinden Grundlagen- mit Vorsorgeforschung als Basis für die nachhaltige Bewirtschaftung der Gewässer. Das IGB untersucht dabei die Struktur und Funktion von aquatischen Ökosystemen unter naturnahen Bedingungen und unter der Wirkung multipler Stressoren. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Langzeitentwicklung von Seen, Flüssen und Feuchtgebieten bei sich rasch ändernden globalen, regionalen und lokalen Umweltbedingungen, die Entwicklung gekoppelter ökologischer und sozioökonomischer Modelle, die Renaturierung von Ökosystemen und die Biodiversität aquatischer Lebensräume. Die Arbeiten erfolgen in enger Kooperation mit den Universitäten und Forschungsinstitutionen der Region Berlin/Brandenburg und weltweit. Das IGB gehört zum Forschungsverbund Berlin e. V., einem Zusammenschluss von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Instituten in Berlin. Die Einrichtungen sind Mitglieder der Leibniz-Gemeinschaft.

Angelina Tittmann | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers
26.09.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck
26.09.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie