Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Senckenberg-Wissenschaftlerin aus Görlitz setzt sich für Wirbellose ein

11.11.2010
Was bisher als Schätzung vorlag, ist nun Gewissheit: Die Zahl der gefährdeten Arten auf der Rote Liste der IUCN nimmt zu.

Das belegt eine Studie im international renommierten Wissenschaftsmagazin Science, die kürzlich in Nagoya auf der 10. Vertragstaatenkonferenz zur Biologischen Vielfalt vorgestellt wurde.

Demnach ist rund ein Fünftel der Wirbeltierarten vom Aussterben bedroht. Erstmals erfasst wurden nun auch die Wirbellosen, darunter Libellen, die als Insekten zur artenreichsten Klasse überhaupt gehören. Dr. Viola Clausnitzer vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz war an der Studie beteiligt und hat weltweit 1500 Libellenarten untersucht.

„Die publizierten Ergebnisse sind ein Meilenstein in der internationalen Diskussion um die Bedrohung der Artenvielfalt auf der Erde. Hier wird das Ausmaß der Bedrohung aller Tiergruppen deutlich“, kommentiert die Senckenberg-Wissenschaftlerin vom Standort Görlitz die umfassende Studie des Autorenkollektivs. Und ähnlich wie bei den Wirbeltieren zeichnet sich auch bei den wirbellosen Tieren eine deutliche Gefährdung vieler Arten ab. Da aber gerade die Wirbellosen in großer Zahl alle Lebensräume besiedeln und empfindlich auf veränderte Umweltbedingungen reagieren, sind sie eine wichtige Organismengruppe in der Biodiversitätsforschung.

Libellen, die wassernah leben und das flüssige Element auch als Brutstätte und Kinderstube für ihren Nachwuchs nutzen, stellen ganz spezifische Ansprüche an die Wasserqualität und die Struktur ihres Lebensraums. Da ihr Vorkommen wie auch ihr Fehlen Rückschlüsse auf dessen Zustand zulässt, nutzt man die Tiere auch als so genannte Zeigerorganismen. Die Untersuchungen der Senckenberg-Wissenschaftlerin ergaben, dass vor allem Libellen-Arten an tropischen Fließgewässern gefährdet sind. In der Regel handelt es sich dabei um Gebiete, die von den Menschen verändert wurden. So fallen Gewässer unter anderem auch durch das Abholzen von Wäldern in Wassereinzugsgebieten trocken. Das, wie auch Verschmutzung und weitere Eingriffe in das Gefüge ihres Lebensraums, entzieht den Libellen und auch ihrer Beute die Lebensgrundlage. Die Populationen der schönen Tiere, denen man auch in der Mythologie verschiedener Kulturen begegnet, reduzieren sich oder verschwinden ganz.

Die menschliche Einflussnahme bleibt also nicht ohne Folgen. Dabei wirken die kontinuierlich zunehmenden Veränderungen in der Natur sich nicht nur auf diese Tierordnung, sondern auf die Artenvielfalt insgesamt aus und bleiben auch nicht ohne Folgen für die Menschen, die ja ebenfalls auf den Zugang zu sauberem Wasser angewiesen sind.

Bei ihren Untersuchungen richtete Viola Clausnitzer sich nach den Kriterien der globalen Roten Liste der IUCN (www.iucnredlist.org, "The IUCN Red List of Threatened Species"). Danach sind schon jetzt knapp 15 Prozent aller schätzungsweise 6000 auf der Erde vorkommenden Libellenarten in eine Gefährdungskategorie einzustufen. „Deshalb ist es wichtig, auf den gewonnenen Erkenntnissen aufzubauen und zur Erfassung und zum Schutz der Arten weitere Anstrengungen zu unternehmen“, betont Viola Clausnitzer. Nach Meinung der Görlitzer Zoologin wurden die wirbellosen Tiere in der globalen Diskussion um die Bedrohung der Artenvielfalt viel zu lange vernachlässigt.

Die Gefährdungssituation der Libellen ist mit der der Vögel zu vergleichen, von denen mittlerweile sogar 20 Prozent als vom Aussterben bedroht gelten müssen. Hierbei ist jedoch auch der Status der erfassten Arten zu berücksichtigen: Als Wirbeltiere sind die Vögel mit mehr als 99 Prozent ihrer Arten sehr viel besser erfasst. Demgegenüber stehen lediglich 65 Prozent der Libellenarten. Über etwa 35 Prozent, also schätzungsweise 2100 Arten, weiß man bisher noch nichts.

Aktuell arbeitet die Viola Clausnitzer gemeinsam mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern an einer vollständigen Bewertung der 6000 Libellenarten, die weltweit vorkommen. Das Ziel ist, mit der Erfassung nicht nur den aktuellen Status zu dokumentieren, sondern passende Schutzprogramme - insbesondere für die Regionen gefährdeter Arten - zu erarbeiten. Auf diese Weise lässt sich auch die Entwicklung der Populationen überwachen und die Wissenschaftler erwarten sich von ihrer Arbeit weitere Erkenntnisse für die Biodiversitätsforschung.

Dr. Viola Clausnitzer ist Mitarbeiterin in der Sektion Entomologie des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz. Die Biologin forscht seit 15 Jahren über afrikanische Libellen. Sie führt ausgedehnte Feldarbeiten in Äthiopien, Uganda, Kenia und Tansania durch. Seit 10 Jahren arbeitet sie mit der IUCN zusammen und ist zurzeit Vorsitzende der Odonata Specialist Group sowie Mitglied im Red List Committee und im Insect Conservation SubCommittee. Im Rahmen des PanAfrica Freshwater Assessments war Dr. Clausnitzer an der kompletten Erfassung der Libellen Afrikas beteiligt. Dies beinhaltete neben der Erstellung von Verbreitungskarten auch die Einschätzung des Gefährdungsstatus der rund 800 afrikanischen Arten.

Ansprechpartner:
Dr. Christian Düker
Öffentlichkeitsarbeit
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Tel.: 03581/ 4760-5210
E-Mail: christian.dueker@senckenberg.de

Doris von Eiff | idw
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de
http://www.sciencemag.org/cgi/content/abstract/science.1194442v1

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise