Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seltener Fund aus der Tiefsee

20.02.2018

Dumbo-Oktopusse leben Tausende Meter tief in den Meeren. Ein seltenes Schauspiel gibt nun erstmals weiteren Einblick: Ein US-Wissenschaftler filmte an Bord eines Forschungsschiffes, wie ein nur wenige Zentimeter kleiner Dumbo-Oktopus aus seinem Ei schlüpft. Anhand der Videoaufzeichnungen und MRT-Aufnahmen der inneren Organe konnten Forscher des Delaware Museum of Natural History, der Universität Bonn, des Universitätsklinikums Münster und der Woods Hole Oceanographic Institution eine erstaunliche Ähnlichkeit des Schlüpflings mit erwachsenen Tieren feststellen. Der Fund wird nun in "Current Biology" vorgestellt.

Wieder taucht der Unterwasserroboter auf und hat diesmal eine Koralle aus einer Tiefe von fast 2.000 Metern heraufgeholt. An Bord des US-Forschungsschiffes Ronald H. Brown wird der Fund sofort in einen Behälter mit Seewasser gelegt, das annähernd die gleiche Temperatur wie die Tiefsee hat.


3D-Modell des Dumbo-Schlüpflings mit transparentem Dottersack. Augen orange, Nervensystem gelb, Darmtrakt blau, Schale rot, Flossenknorpel pink, Kiemen und Kiemenmilz grün, Statozysten lila.

© Alexander Ziegler


Der Dumbo-Schlüpfling kurz nach dem Verlassen der Eikapsel, die nur knapp zwei Zentimeter lang ist.

© Foto: Timothy M. Shank und NOAA Office of Exploration and Research

Der Biologe Dr. Tim Shank beobachtet zufällig, wie aus einer an der Koralle befestigten, knapp zwei Zentimeter großen Eikapsel ein kleiner Tiefsee-Oktopus schlüpft und sofort synchron seine Flossen bewegt. Geistesgegenwärtig filmt er das seltene Ereignis und konserviert später das kleine Meerestier für weitere Untersuchungen.

Das war im Jahr 2005. Damals nahm Shank von der Woods Hole Oceanographic Institution an einer Expedition teil, die eine der Ostküste der USA vorgelagerte Kette von Unterwasserbergen erkundete – die „New England and Corner Rise Seamounts“.

„Dumbo“ ist eine Entlehnung aus dem Disney-Trickfilm

„Es war das erste Mal, dass ein solcher Tiefsee-Oktopus direkt beim Schlüpfen beobachtet wurde“, sagt Dr. Liz Shea vom Delaware Museum of Natural History. Das nur etwa drei Zentimeter große Tier verfügt über Flossen am Mantelende, die wie Elefantenohren geformt sind. In Anlehnung an „Dumbo“, den fliegenden Elefanten aus den Walt-Disney-Zeichentrickfilmen, werden solche Tiefsee-Kraken auch „Dumbo-Oktopusse“ genannt.

Die erwachsenen weiblichen Tiere legen ihre Eier bevorzugt in das Geäst von Tiefseekorallen und verschwinden anschließend. „Wie das Video von Dr. Shank zeigt, bewegt sich der Dumbo-Oktopus sofort wie ein etwa zehn Mal größeres erwachsenes Tier“, sagt Dr. Alexander Ziegler vom Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie der Universität Bonn, der zusammen mit Dr. Shea den Schlüpfling wissenschaftlich untersuchte.

„Durchleuchtung“ im Magnetresonanztomografen

Um mehr über das seltene Tier zu erfahren, „durchleuchtete“ es das Team von Prof. Cornelius Faber am Universitätsklinikum Münster mit einem hochauflösenden Magnetresonanztomografen. Aus den MRT-Aufnahmen erstellte Dr. Ziegler dann ein dreidimensionales Modell der inneren Organe des kleinen Tiefseekraken. „Auffällig war ein großer Dottersack, der direkt nach dem Schlüpfen als Nährstoffquelle dient, bis das Jungtier selbstständig Beute in der Tiefsee fangen kann“, erklärt Ziegler.

Die Wissenschaftler waren überrascht, wie sehr die anderen inneren Organe und das Nervensystem des kleinen Kraken strukturell dem von erwachsenen Tieren glichen. „Während die aus dem Flachwasser bekannten Oktopusse in aller Regel Brutpflege betreiben, scheint so ein Verhalten bei dem Tiefsee-Dumbo-Oktopus keinen evolutiven Vorteil zu bringen“, führt Ziegler aus.

Der Fund gehört zur Gattung Grimpoteuthis

Anhand der Größenverhältnisse der Organe konnte der Fund der Dumbo-Gattung Grimpoteuthis zugeordnet werden, ein absolutes Novum bei Dumbo-Jungtieren überhaupt. „Die Bestimmung der Art war aber leider nicht möglich, weil die Tiefseefauna im Nord-Atlantik noch nicht vollständig beschrieben ist“, sagt Dr. Shea. Die Tiefsee zeigt also noch viele weiße Flecken auf der globalen Biodiversitätslandkarte.

Die Wissenschaftler weisen deshalb in ihrer Publikation nochmal auf die Bedeutung des Schutzes dieses sensiblen Lebensraumes hin. Grundschleppnetzfischerei und das Schürfen nach Rohstoffen gefährdeten den Lebensraum der Tiefseekorallen und alle mit diesen Tieren assoziierten, zum Teil noch unerforschten Organismen.

Publikation: Elizabeth K. Shea, Alexander Ziegler, Cornelius Faber, Timothy M. Shank: Dumbo octopod hatchling provides insight into early cirrate life cycle, Current Biology, DOI: 10.1016/j.cub.2018.01.032

Kontakt für die Medien:

Dr. Alexander Ziegler
Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie
Universität Bonn
Tel. 0228/735758
E-Mail: aziegler@evolution.uni-bonn.de

Johannes Seiler | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Elektrifizierendes Bettgeflüster von Messerfischen in freier Wildbahn belauscht
28.05.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Krebsdiagnostik: Pinkeln statt Piksen?
28.05.2018 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Starke IT-Sicherheit für das Auto der Zukunft – Forschungsverbund entwickelt neue Ansätze

Je mehr die Elektronik Autos lenkt, beschleunigt und bremst, desto wichtiger wird der Schutz vor Cyber-Angriffen. Deshalb erarbeiten 15 Partner aus Industrie und Wissenschaft in den kommenden drei Jahren neue Ansätze für die IT-Sicherheit im selbstfahrenden Auto. Das Verbundvorhaben unter dem Namen „Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 7,2 Millionen Euro gefördert. Infineon leitet das Projekt.

Bereits heute bieten Fahrzeuge vielfältige Kommunikationsschnittstellen und immer mehr automatisierte Fahrfunktionen, wie beispielsweise Abstands- und...

Im Focus: Powerful IT security for the car of the future – research alliance develops new approaches

The more electronics steer, accelerate and brake cars, the more important it is to protect them against cyber-attacks. That is why 15 partners from industry and academia will work together over the next three years on new approaches to IT security in self-driving cars. The joint project goes by the name Security For Connected, Autonomous Cars (SecForCARs) and has funding of €7.2 million from the German Federal Ministry of Education and Research. Infineon is leading the project.

Vehicles already offer diverse communication interfaces and more and more automated functions, such as distance and lane-keeping assist systems. At the same...

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

12. COMPAMED Frühjahrsforum: Innovative Herstellungsverfahren moderner Implantate

28.05.2018 | Veranstaltungen

Im Fokus: Klimaangepasste Pflanzen

25.05.2018 | Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

IAB-Arbeitsmarktbarometer sinkt zum zweiten Mal in Folge

28.05.2018 | Wirtschaft Finanzen

Elektrifizierendes Bettgeflüster von Messerfischen in freier Wildbahn belauscht

28.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Smarte Lösungen für alle Edge-Szenarien

28.05.2018 | CeBIT 2017

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics