Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Seltene Erbkrankheit entschlüsselt

24.09.2013
Gemeinsam mit internationalen Kollegen entdeckten Jenaer Humangenetiker die Ursache einer seltenen Störung des autonomen Nervensystems und klärten die damit verbundenen molekularen Mechanismen der Erkrankung auf.

Die drei Geschwister, Kinder blutsverwandter pakistanischer Eltern, hatten schon im ersten Lebensjahr große Probleme beim Schlucken und Essen, und ihre Tränendrüsen arbeiteten nicht. Eine erbliche Erkrankung war aufgrund der Familiensituation wahrscheinlich.

Ähnlichkeit bestand mit dem sogenannten Triple-A-Syndrom, für das neben dem Fehlen der Tränen (Alakrimie) und Muskelstörungen der Speiseröhre (Achalasie) eine Schwäche der Nebenniere (adrenale Insuffizienz) charakteristisch ist. Letztere fehlte im Krankheitsbild, und auch eine Analyse des mit dem Triple-A-Syndrom assoziierten Gens bestätigte, dass diese genetische Erkrankung nicht vorlag.

„Wir untersuchten daraufhin das gesamte Exom, also alle kodierenden Abschnitte des Genoms der Familie mit next generation sequencing, dem modernsten und schnellsten Verfahren der Genomanalyse“, so Prof. Dr. Christian Hübner, Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Jena. „Bei beiden Eltern fanden wir eine heterozygote Mutation im GMPPA-Gen, d.h. neben der Normalform lag auch eine mutierte GMPPA-Variante vor.

Bei allen betroffenen Kindern lag die elterliche Mutation homozygot vor, d.h. sie trugen kein funktionelles GMPPA mehr.“ Veränderungen im selben Gen fanden die Jenaer Humangenetiker auch bei zehn weiteren Patienten in Europa, die an verschiedenen Kliniken wegen ihrer schweren Symptome behandelt werden.

Wichtige Partner dabei waren Kindermediziner des Uniklinikums in Dresden, wo Proben von Kindern mit Triple-A-Syndrom und ähnlichen Erkrankungen schon lange gesammelt werden. „Für einige dieser Patienten konnten wir ebenfalls GMPPA Veränderung nachweisen“, so Prof. Dr. Angela Hübner, stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Auch bei diesen kleinen Patienten arbeiteten die Nebennieren normal, aber wie die pakistanischen Kinder litten sie auch an neurologischen Störungen und einer Entwicklungsverzögerung.

Das Gen GMPPA ist noch wenig untersucht. Das mit ihm eng verwandte Gen GMPPB verschlüsselt ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der Anbindung spezieller Zuckermoleküle an Proteine und Lipide spielt. Ist dieser Prozess gestört, so kommt es u.a. von Geburt an zu Lähmungen der Muskulatur des Schulter- und Beckengürtels. Bei der gefundenen Mutation in GMPPA war allerdings das Enzym, das den Zucker anbindet, normal aktiv, die Konzentration des Zuckers in Immunzellen aber stark erhöht. „Das ist ein Hinweis darauf, dass GMPPA als Regulator in diesem Prozess wirkt, und zeigt uns einen wichtigen Krankheitsmechanismus bei genetischen Veränderungen auf“, wertet Christian Hübner das Ergebnis.

Für die von dem Gendefekt betroffenen Patienten eröffnet das Forschungsergebnis möglicherweise eine spezielle Diät als Behandlung. Das wird Gegenstand künftiger Untersuchungen sein.

Originalliteratur:
Koehler K, Malik M, et al. Mutations in GMPPA Cause a Glycosylation Disorder Characterized by Intellectual Disability and Autonomic Dysfunction, American Journal of Human Genetics, 2013, doi:10.1016/j.ajhg.2013.08.002

http://www.cell.com/AJHG/abstract/S0002-9297%2813%2900347-9

Kontakt:
Prof. Dr. Christian Hübner,
Institut für Humangenetik, Universitätsklinikum Jena
Tel. 03641/935501
E-Mail: Christian.Huebner[at]med.uni-jena.de

Dr. Uta von der Gönna | Universitätsklinikum Jena
Weitere Informationen:
http://www.uniklinikum-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie