Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie wir schnell richtige Entscheidungen fällen

13.11.2008
Wenn wir Entscheidungen unter Zeitdruck treffen, gilt es, eine sichere Balance zu finden zwischen schnellen oder möglichst akkuraten Lösungen. Dabei sind zwei Gehirnareale aktiviert

Wir alle müssen täglich viele Entscheidungen treffen - und das oftmals unter Zeitdruck. Sei es bei der Arbeit oder beim Sport: Kontinuierlich gilt es, die richtige Balance zu finden zwischen Schnelligkeit und Akkuratheit. Wie das Gehirn dies ermöglicht, haben nun Neurowissenschaftler und mathematische Psychologen an der Universität Amsterdam, dem Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität Newcastle in Australien herausgefunden (PNAS, Online-Veröffentlichung 6.11.2008).


A) Aktivierungen in den Basalganglien (anterior Striatum) und in der prä-SMA sind stärker bei schnellen als bei akkuraten Entscheidungen. B) Die Aktivierungen in diesen beiden Arealen sind abhängig von der interindividuellen Flexibilität bei der Balancierung zwischen schnellen und akkuraten Antworten. Bild: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Um der Frage nachzugehen, wie das Gehirn den Ausgleich zwischen schnellem und akkuratem Antworten herstellt, untersuchten die Wissenschaftler insgesamt 19 Versuchspersonen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), während diese an einem psychologischen Experiment teilnahmen. Die fMRT ermöglicht es dabei, die Stoffwechselaktivität von Hirnarealen bildlich darzustellen.

Am Anfang eines jeden Versuchsdurchgangs wurden die Versuchspersonen instruiert, entweder besonders schnell, besonders akkurat oder schnell und akkurat zu entscheiden. Die Versuchspersonen mussten mittels eines rechten oder linken Tastendrucks beurteilen, ob sich eine Punktwolke nach rechts oder nach links bewegt.

Die Wissenschaftler stellten mittels eines mathematischen Modells fest, dass es große interindividuelle Unterschiede zwischen den Versuchspersonen gab. Einige Versuchspersonen waren sehr effizient in der Balancierung zwischen schnellem und akkuratem Antworten, andere hingegen zeigten ein weniger flexibles Verhaltensmuster.

Zwei Hirnregionen regulieren schnelle und akkurate Entscheidungen

Im Gehirn waren das prä-supplementär-motorische Areal (prä-SMA), das Teil der Großhirnrinde ist, und die Basalganglien (anteriores Striatum) an der Regulierung von schnellen und akkuraten Entscheidungen in besonderer Weise beteiligt (Abb. 1A). Als Basalganglien werden Kerne, beziehungsweise Kerngebiete zusammengefasst, die in jeder Hirnhälfte unterhalb der Großhirnrinde liegen. Sie sind für funktionelle Aspekte motorischer, kognitiver und limbischer Regelungen von großer Bedeutung.

Besonders bemerkenswert am Resultat der Studie ist, dass die Stärke der Aktivierung in diesen Arealen durch individuelle Unterschiede moduliert ist (Abb. 1B, C). Versuchspersonen, die eine effiziente Balance zwischen schnellen und langsamen Entscheidungen herstellen können, zeigen stärkere Aktivierungen als Versuchspersonen, die weniger flexibel sind.

"Uns interessierte dabei, ob die neurobiologischen und mathematischen Theorien zu diesem Thema mit neurowissenschaftlichen Methoden kombiniert werden können", erklärt Birte Forstmann, die leitende Wissenschaftlerin des Projekts. "Dabei wollten wir eine Brücke zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen in der Psychologie schlagen, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die jeder Einzelbereich für sich nicht liefern kann." Von besonderer Bedeutung ist, dass formale mathematische Modelle wesentlich spezifischere Annahmen über unser individuelles Entscheidungsverhalten liefern als intuitiv formulierte Hypothesen.

Mit diesen Ergebnissen verdeutlicht das Team von Neurowissenschaftlern und mathematischen Psychologen, dass interindividuelle Unterschiede in unserem Entscheidungs¬verhalten mit der Aktivität in bestimmten Hirnarealen korrelieren, und liefern somit einen wichtigen Beitrag für das Verstehen von Hirnfunktionen generell.

Originalveröffentlichung:

Forstmann, BU, Dutilh, G, Brown, S, Neumann, J, von Cramon, DY, Ridderinkhof, KR, Wagenmakers, EJ (2008)
Striatum and pre-SMA facilitate decision-making under time pressure
PNAS, Online-Veröffentlichung 6.11.2008

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Aufschlussreiche Partikeltrennungen
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Bildgebung von entstehendem Narbengewebe
20.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Im Focus: Das Proton präzise gewogen

Wie schwer ist ein Proton? Auf dem Weg zur möglichst exakten Kenntnis dieser fundamentalen Konstanten ist jetzt Wissenschaftlern aus Deutschland und Japan ein wichtiger Schritt gelungen. Mit Präzisionsmessungen an einem einzelnen Proton konnten sie nicht nur die Genauigkeit um einen Faktor drei verbessern, sondern auch den bisherigen Wert korrigieren.

Die Masse eines einzelnen Protons noch genauer zu bestimmen – das machen die Physiker um Klaus Blaum und Sven Sturm vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

Technologietag der Fraunhofer-Allianz Big Data: Know-how für die Industrie 4.0

18.07.2017 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - September 2017

17.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1,4 Millionen Euro für Forschungsprojekte im Industrie 4.0-Kontext

20.07.2017 | Förderungen Preise

Von photonischen Nanoantennen zu besseren Spielekonsolen

20.07.2017 | Physik Astronomie

Bildgebung von entstehendem Narbengewebe

20.07.2017 | Biowissenschaften Chemie