Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schau’ mir in die Augen, Kleines

08.08.2017

Babys sind ständig einer Flut an Eindrücken ausgesetzt. Um sich darin zurechtzufinden, orientieren sie sich sehr früh an anderen Menschen, die ihnen zeigen, was in ihrer unmittelbaren Umgebung besonders wichtig ist. Bisher war jedoch nicht klar, welche Signale die Kleinen dabei vorrangig nutzen. Wissenschaftlerinnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig und der Universität Heidelberg haben nun herausgefunden, dass es vor allem die Augen ihres Gegenübers sind, durch die sie sich leiten lassen. Besonders wichtig scheint dabei der charakteristische Hell-Dunkel-Kontrast aus dunkler Iris auf weißem Untergrund zu sein.

Der kleine Paul*, gerade mal vier Monate alt, blickt gespannt auf den Bildschirm vor ihm. Von dort starren ihn zwei Augen an, zwei weiße Ellipsen mit jeweils einem schwarzen Punkt in der Mitte. Plötzlich wandert der Blick des Augenpaars zu einer Seite auf einen Stapel Bauklötzer.


Die Bewegung der schwarzen Punkte scheint die Aufmerksamkeit der Babys genauso auf Gegenstände in der Umgebung lenken zu können, wie es der Blickrichtung einer anderen Person gelingt.

MPI CBS


Die Kinder folgen der Blickrichtung der schwarzen Punkte auf weißem Grund (links) deutlich aufmerksamer zu folgen. Sie reagieren offenbar besonders sensibel auf den Kontrast echter Augen.

MPI CBS

Paul folgt ihm aufmerksam. Die bunte Rassel zur anderen Seite schauen die künstlichen Augen hingegen nicht an. Auch Paul scheint ihr daher keine Aufmerksamkeit zu schenken. Als jedoch beide Gegenstände nochmals auf den Bildschirm aufflackern, scheint den Kleinen vor allem die Rassel zu fesseln. Sie ist offenbar neu für ihn.

„Entsprechend der sogenannten Neuheitspräferenz betrachten Babys die Dinge länger, die neu für sie sind. Hier ist es offenbar der Ball, der vom Augenpaar und damit auch von den Babys zunächst nicht beachtet wurde“, so Studienleiterin Christine Michel. Die Bewegung der schwarzen Punkte scheint also die Aufmerksamkeit der Babys genauso gezielt auf Gegenstände in der Umgebung lenken zu können wie es die Blickrichtung einer anderen Person schafft.

Gelingt das jedoch nur bei Punkten, die wie echte Augen aussehen? Um dies herauszufinden zeigten die Forscherinnen den kleinen Studienteilnehmern erneut zwei sich bewegende Punkte, die ihren „Blick“ zur Seite richten - diesmal jedoch weiße Kreise auf schwarzem Untergrund.

Es zeigte sich: Paul scheint diesen Kreisen weniger zielgerichtet zu folgen. Als auch hier beide Spielzeuge nach kurzer Unterbrechung nochmals auftauchen, schenkt er keinem der beiden eine höhere Aufmerksamkeit. Er scheint mit beiden Objekten gleichermaßen vertraut. Seine Aufmerksamkeit war also unabhängig von der Bewegungsrichtung der weißen Kreise zwischen beiden Dingen hin- und hergependelt.

„Die Kinder scheinen der Blickrichtung der schwarzen Punkte deutlich aufmerksamer zu folgen als denen der weißen Punkte“, erklärt die Neurowissenschaftlerin. „Sie lernen also besonders gut von schwarzen Punkten auf weißem Untergrund, die sich bewegen. Sie reagieren damit offenbar sensibel auf den Kontrast echter Augen.“

Bisher ist noch unklar, ob die Fähigkeit, Augen als Signalgeber zu erkennen, angeboren ist oder die Kinder sie in den ersten Monaten erlernen. „Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass es von Geburt an eine Art Modul im Gehirn gibt, das genau auf die Blickrichtung anderer Leute anspringt. Es würde dann erkennen, wohin eine Person schaut und dadurch unsere Interaktion mit ihr beeinflussen“, erklärt Christine Michel. Bei Menschenaffen sei bereits nachgewiesen, dass sie diese speziell ausgerichteten Nervenzellen haben.

„Andere wiederum glauben, dass die Fähigkeit Blicken zu folgen, nicht von Anfang an vorhanden ist. Die Kleinen haben demnach mit der Zeit gelernt, dass es sich lohnt, Augen zu folgen“, fügt Michel hinzu. Sie hätten sich demnach im Laufe ihrer Entwicklung für den charakteristischen Hell-Dunkel-Kontrast sensibilisiert. Laut der Neurowissenschaftlerin müssen nun weitere Studien zeigen, welche der beiden Erklärungen die richtige ist. Die Babys dieser Studie seien immerhin schon vier Monate alt.

Eines ist jedoch bereits sicher: „Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig gerade in den ersten Monaten der direkte Blickkontakt im Umgang mit Babys ist. Schaut man sie bewusst an, bevor man ihnen etwas zeigt, kann man gezielt ihre Aufmerksamkeit darauf lenken“, erklärt Stefanie Hoehl, Senior-Autorin der dazugehörigen Publikation, die nun im renommierten Fachmagazin Scientific Reports erschienen ist. „Andere Wege hingegen, mit denen wir sie auf Dinge hinweisen können, verstehen Kinder erst deutlich später.“ So können sie etwa erst gegen Ende des ersten Lebensjahres dem Hinweis folgen, wenn ein anderer auf einen Gegenstand zeigt - statt auf ihn zu blicken.

*Name von der Redaktion geändert

Weitere Informationen:

http://www.cbs.mpg.de/Augen-lenken-Aufmerksamkeit-von-Babys Die vollständige Pressemitteilung auch auf der Seite des MPI CBS

Verena Müller | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterieller Untermieter macht Blattnahrung für Käfer verdaulich
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

nachricht Neues Werkzeug für gezielten Proteinabbau
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte