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Sanfte Pinzette gegen Alzheimer

09.01.2013
Erstmals ist es jetzt gelungen, alzheimererkrankte Mäuse mithilfe einer „molekularen Pinzette“, die Chemiker der Universität Duisburg-Essen (UDE) entwickelt haben, erfolgreich zu behandeln. Dieser Forschungserfolg wurde jetzt in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht.

Prof. Dr. Thomas Schrader, einer der Erfinder des Moleküls und Professor für Biosupramolekulare Chemie an der UDE: „Wir stellten vor einigen Jahren ein neues Molekül her, das die weit verbreitete, die Aminosäure Lysin wie eine Pinzette greifen kann.“ Für Neurologen an der University of California in Los Angeles (UCLA) war dies hochinteressant, denn sie hielten ein bestimmtes Lysin im Alzheimer-Peptid für den Auslöser der Eiweiß-Aggregation (Zusammenballung), die zum Tod von Millionen von Nervenzellen führt.


Molekulare Pinzette mit gebundenem Lysin (blau) am Protein

Die deutsch-amerikanische Forschergruppe untersuchte seither gemeinsam den Einfluss der Pinzette auf diesen Prozess. Schrader: „Die Kollegen an der UCLA konnten geradezu sensationelle Ergebnisse erzielen; zunächst in Nervenzellen, dann auch im Tierversuch.“ Bei einer lebendigen Maus mit Alzheimer-Syndrom wurde jetzt zum ersten Mal gezeigt, dass die molekulare Pinzette die Blut-Hirnschranke überwindet und die toxischen Aggregate des Alzheimer-Peptids auflöst. Darüber hinaus wurden die Synapsen (neuronale Kontaktstellen) der Nervenzellen geschützt, die ebenfalls von der Krankheit betroffen sind. Die Entdecker nennen die Substanz CLEAR 01, kurz CLR01.

"Unsere Arbeiten belegen, dass CLR01 zahlreiche krankhafte Befunde zurückdrängen kann, Verklumpungen (‚Plaques`) auflöst und die Entzündung von Nervenzellen verhindert. In der Zellkultur sehen wir, wie die Synapsen und ihre Kommunikation untereinander durch die Pinzette beschützt werden“, so der amerikanische Forscher Gal Bitan.

Die Pinzette wirkt sanft und ohne Nebenwirkungen

Schrader ergänzt: "Das Schöne ist, dass es praktisch keine Anzeichen für Nebenwirkungen gibt. Die Pinzette wirkt sanft.“ Wirksamkeit und Ungiftigkeit weisen auf einen neuen Wirkmechanismus hin. Sie machen die molekulare Pinzette zu viel versprechenden Kandidaten für eine zukünftige Alzheimer-Therapie. Möglicherweise können auch verwandte Erkrankungen, wie Parkinson oder Diabetes mellitus, erfolgreich behandelt werden.

Zusammen mit Forschern der Università Cattolica in Rom konnte zunächst in Zellkulturen nachgewiesen werden, dass die molekulare Pinzette das Verklumpen des Alzheimer-Peptids an den Synapsen verhindert. Im Tierversuch zeigte sich dann, dass sich kurzfristig abgestorbene Nervenzellen mit der molekularen Pinzette neu bilden können. Die behandelten Mäuse erhielten ihre Lern- und Gedächtnisfähigkeit zurück.

"Wir glauben, dass die einzigartige Wirkung der neuen molekularen Pinzette am Prozess der Protein-Verklumpung ansetzt und nicht auf ein bestimmtes Protein beschränkt ist“, so Schrader. Er meint damit, dass CLR01 nur die giftigen, wachsenden Proteinaggregate angreift und nicht normale Prozesse im gesunden Körper. "Das ist eine große Sache, denn so kann man mit den Pinzetten eine neue Alzheimer-Therapie entwickeln, ohne schwere Nebenwirkungen befürchten zu müssen", erläutert der UDE-Forscher.

"Noch ist allerdings Geduld erforderlich, denn leider ist die Situation für den Menschen schwieriger. Die Krankheit verläuft schleichend, unsere Nerven sterben nur langsam ab", sagt Frank-Gerrit Klärner, Schraders Partner und ehemaliger UDE-Lehrstuhlinhaber. "Deshalb müssen wir die Behandlung so früh wie möglich anfangen. Möglichweise eignet sich der nachweislich ungiftige neue Wirkstoff für eine vorbeugende Behandlung."

Als nächstes muss betätigt werden, dass CLR01 wirklich das Erinnerungsvermögen wiederherstellt und nicht nur „im Gehirn aufräumt”. Die Forscher an der UDE und UCLA arbeiten mit Hochdruck an dieser Frage und haben schon ermutigende vorläufige Daten.

Weitere Informationen:
• doi:10.1093/brain/aws289
• Thomas Schrader, T. 0201-183-308, thomas.schrader@uni-due.de
Redaktion: Beate H. Kostka, Tel. 0203/379-2430

Beate Kostka | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-due.de

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