Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ruderfußkrebse entwickeln Giftcocktail mit bisher unbekannten Toxinen

01.08.2017

Der Evolutionsbiologe Dr. Björn Marcus von Reumont von der Universität Leipzig hat den bisher nur wenig erforschten Ruderfußkrebsen (Remipedia) ein Geheimnis entlockt: Gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Großbritannien und Australien fand er in Studien über diese Höhlenkrebsart heraus, dass diese etwa vier Zentimeter großen, blinden Tiere einen eigenen Giftcocktail mit bisher unbekannten Toxinen entwickeln. Diesen injizieren die Krebse ihrer Beute und lähmen sie, damit sie diese in den überwiegend nahrungsarmen Höhlen nicht wieder verlieren. Die Wissenschaftler haben ihre neuen Erkenntnisse über die Remipedia soeben im Fachjournal "Toxins" veröffentlicht.

Diese Ruderfußkrebse leben in Höhlensystemen in der Karibik, auf den Kanaren und in Australien, die unterirdisch mit dem Meer verbunden sind und deshalb eine Salz- und eine Süßwasserschicht haben.


Dr. Björn Marcus von Reumont sucht im Höhlensystem “Systema Crustacea” in Mexiko in 25 Metern Tiefe nach Ruderfußkrebsen.

Foto: Privat


Ruderfußkrebs (Remipedia)

Foto: Dr. Björn Marcus von Reumont/Universität Leipzig

"Über die Biologie der Remipedia ist auch durch diesen schwierig zu erforschenden Lebensraum noch wenig bekannt, ihre Evolution und Verbreitung auch noch nicht vollständig erklärt", sagt von Reumont, der selbst ausgebildeter Höhlentaucher ist und den Lebensraum der Remipedia in 20 bis 25 Metern Tiefe erforscht.

Vor seinen Studien mit Kollegen aus London und Brisbane sei sogar unklar gewesen, ob die Tiere tatsächlich Gifte besitzen. Es wurde immer aufgrund ihres hundertfüßerartigen Aussehens vermutet, dann aber auch wieder angezweifelt.

"In ihrer dunklen Umgebung macht der Einsatz einer der wichtigsten evolutionären Entwicklungen im Tierreich - Gift - durchaus Sinn. Unsere neuen Ergebnisse zeigen, dass sie dabei ein Multikomponenten-Gift mit 32 verschiedenen Toxin-Proteinen verwenden.

Einige der Proteine sind strukturell bekannten Neurotoxinen ähnlich und lähmen die Beute vermutlich zunächst. Dann werden andere Toxine injiziert, die unter anderem die innere Struktur der Beute auflösen. Am Ende kann dann die verflüssigte Beute eingesaugt werden", erklärt der Biologe.

Neu sei die Erkenntnis, dass Remipedien offensichtlich eigene Toxine entwickelt haben. Diese Peptide sind von Reumont zufolge bisher von keiner anderen Art bekannt. Der Giftcocktail enthalte auch ein potentielles Nervengift, das dem von Trichternetzspinnen sehr ähnlich ist. Gerade diese Strukturen sind jüngst in den Fokus der angewandten Forschung gerückt, weil sie bei der Entwicklung hochspezifischer Insektizide oder pharmazeutischer Wirkstoffe verwendet werden.

Der Leipziger Forscher war auch der Erste, der mit molekularen Analysen herausfand, dass die Remipedien am engsten mit den Insekten verwandt sind und nicht, wie ursprünglich wegen ihrer äußeren Gestalt vermutet, die ältesten Krebse sind. Die Ruderfußkrebse wurden erst in den 1980er Jahren entdeckt.

Originaltitel der Veröffentlichung in "Toxins":
"Venomics of Remipede Crustaceans Reveals Novel Peptide Diversity and Illuminates the Venom’s Biological Role", Doi: 10.3390/toxins9080234

Weitere Informationen:

Dr. Björn Marcus von Reumont
Institut für Biologie der Universität Leipzig
Telefon: +49 341 97 36742
E-Mail: bjoern_marcus.von_reumont@uni-leipzig.de

Weitere Informationen:

http://www.mdpi.com/2072-6651/9/8/234 Link zur Veröffentlichung

Katrin Henneberg | Universität Leipzig
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Biologie Giftcocktail Gifte Höhlensystemen Kanaren Peptide Proteine Remipedia Ruderfußkrebse Toxine Toxinen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Live-Verfolgung in der Zelle: Biologische Fussfessel für Proteine
19.06.2018 | Universität Basel

nachricht Tag it EASI - neue Methode zur genauen Proteinbestimmung
19.06.2018 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Im Focus: Overdosing on Calcium

Nano crystals impact stem cell fate during bone formation

Scientists from the University of Freiburg and the University of Basel identified a master regulator for bone regeneration. Prasad Shastri, Professor of...

Im Focus: AchemAsia 2019 in Shanghai

Die AchemAsia geht in ihr viertes Jahrzehnt und bricht auf zu neuen Ufern: Das International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production findet vom 21. bis 23. Mai 2019 in Shanghai, China statt. Gleichzeitig erhält die Veranstaltung ein aktuelles Profil: Die elfte Ausgabe fokussiert auf Themen, die für Chinas Prozessindustrie besonders relevant sind, und legt den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation.

1989 wurde die AchemAsia als Spin-Off der ACHEMA ins Leben gerufen, um die Bedürfnisse der sich damals noch entwickelnden Iindustrie in China zu erfüllen. Seit...

Im Focus: AchemAsia 2019 will take place in Shanghai

Moving into its fourth decade, AchemAsia is setting out for new horizons: The International Expo and Innovation Forum for Sustainable Chemical Production will take place from 21-23 May 2019 in Shanghai, China. With an updated event profile, the eleventh edition focusses on topics that are especially relevant for the Chinese process industry, putting a strong emphasis on sustainability and innovation.

Founded in 1989 as a spin-off of ACHEMA to cater to the needs of China’s then developing industry, AchemAsia has since grown into a platform where the latest...

Im Focus: Li-Fi erstmals für das industrielle Internet der Dinge getestet

Mit einer Abschlusspräsentation im BMW Werk München wurde das BMBF-geförderte Projekt OWICELLS erfolgreich abgeschlossen. Dabei wurde eine Li-Fi Kommunikation zu einem mobilen Roboter in einer 5x5m² Fertigungszelle demonstriert, der produktionsübliche Vorgänge durchführt (Teile schweißen, umlegen und prüfen). Die robuste, optische Drahtlosübertragung beruht auf räumlicher Diversität, d.h. Daten werden von mehreren LEDs und mehreren Photodioden gleichzeitig gesendet und empfangen. Das System kann Daten mit mehr als 100 Mbit/s und fünf Millisekunden Latenz übertragen.

Moderne Produktionstechniken in der Automobilindustrie müssen flexibler werden, um sich an individuelle Kundenwünsche anpassen zu können. Forscher untersuchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Hengstberger-Symposium zur Sternentstehung

19.06.2018 | Veranstaltungen

LymphomKompetenz KOMPAKT: Neues vom EHA2018

19.06.2018 | Veranstaltungen

Simulierter Eingriff am virtuellen Herzen

18.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Rätselhaftes IceCube-Ereignis könnte von Tau-Neutrino stammen

19.06.2018 | Physik Astronomie

Automatisierung und Produktionstechnik – Wandlungsfähig – Präzise – Digital

19.06.2018 | Messenachrichten

Überdosis Calcium

19.06.2018 | Medizin Gesundheit

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics