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Reizvolle Jobs – Beruf ist wichtigster Risikofaktor für junge Neurodermitiker

07.09.2010
Ein Kleinkind, das sich nachts selbst blutig kratzt, leidet möglicherweise an einer atopischen Dermatitis. Der extreme Juckreiz ist typisch für diese auch als Neurodermitis bekannte Hauterkrankung.

Das Leiden tritt häufig schon im Säuglingsalter auf – und ist derzeit in den Industriestaaten auf dem Vormarsch. Die Haut eines Neurodermitikers ist sehr empfindlich und reagiert stark auf äußere Reize. Ein Team um die LMU-Forscherinnen Dr. Astrid Peters und Professor Katja Radon hat nun fast 4000 Probanden von der Kindheit ins Erwachsenenalter begleitet und hinsichtlich atopischer Erkrankungen und eine mögliche berufliche sowie umweltbedingte Exposition befragt.

„Wir haben anhand der Daten Vorhersagemodelle für die Pubertät entwickelt, weil diese Phase im Krankheitsverlauf oft wichtig ist“, sagt Radon. „Dabei zeigte sich, dass der wichtigste Risikofaktor für jugendliche Neurodermitiker der berufliche Kontakt zu bestimmten Substanzen ist, etwa Bäckermehl oder Desinfektionsmittel. Diese Ergebnisse geben den Allergologen ein Instrumentarium zur besseren Beratung der Patienten an die Hand – ganz besonders in Hinsicht auf die Berufswahl.“ (Journal of Allergy and Clinical Immunology online, 7. September 2010)

Eine Neurodermitis bedeutet Stress – für die kleinen Patienten wie auch für ihre Eltern. Denn der extreme Juckreiz führt nicht selten dazu, dass sich die Kinder selbst blutig kratzen, während sich die entzündete Haut infizieren kann. Das atopische Ekzem, wie die Neurodermitis medizinisch heißt, wird den allergischen Krankheiten zugeordnet. Die Erkrankung entsteht wohl aus einem Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren. So sind etwa Tabakrauch und Hausstaub als Risikofaktoren nachgewiesen, während sich Geschwister oder sonstiger Kontakt zu anderen Kindern positiv auswirken. Das atopische Ekzem ist in den Industriestaaten auf dem Vormarsch und betrifft nach manchen Schätzungen bis zu 20 Prozent aller europäischen Kinder.

Häufig tritt eine Neurodermitis schon bei Kleinkindern auf, kann in späteren Jahren aber auch wieder von selbst verschwinden. Eine kritische Phase im Krankheitsverlauf ist oft die Pubertät. Einige Betroffene heilen in dieser Zeit spontan, während es bei anderen zu einer deutlichen Verschlechterung kommt. „Es ist bekannt, dass berufliche Faktoren eine Rolle spielen“, berichtet Radon. „Es gab aber noch keine Möglichkeit, den Verlauf der Erkrankung in späteren Jahren mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorherzusagen. Wir haben deshalb die Daten aus bereits bestehenden Studien zu Asthma und Allergien genutzt, um den Verlauf der atopischen Dermatitis während der Pubertät zu verfolgen, mögliche Risikofaktoren zu identifizieren – und die individuelle Entwicklung zu modellieren.“

Die Daten von fast 4000 Probanden flossen in die Untersuchung ein, die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gefördert wurde. So konnte der natürliche Verlauf einer atopischen Dermatitis im Alter von 9-11 und 16-20 Jahren bestimmt werden. Zudem wurden relevante Risikofaktoren in Hinsicht auf das Auftreten, das erneute Auftreten oder das Bestehen der Erkrankung im Verlauf der Adoleszenz beurteilt. Etwa sieben Prozent aller Teilnehmer entwickelten eine atopische Dermatitis erst in ihrer Jugend. Mädchen trugen ein höheres Risiko, in den Teenagerjahren zu erkranken, während unter den Kindern Jungen verstärkt betroffen sind. Wie erwartet, erwies sich eine bereits bestehende Neurodermitis bei engen Verwandten als ein starker Risikofaktor.

„Besonders wichtig war für uns aber, dass Risikofaktoren der Säuglings- und Kinderjahre generell deutlich an Einfluss verlieren“, sagt Peters. „Dazu gehört unter anderem, dass ein Kind nicht gestillt wurde, keine Geschwister hat und keinen Kindergarten besucht. In der Adoleszenz scheint nur mehr der beruflich bedingte Kontakt zu reizenden Substanzen besonders bedeutend zu sein.“ Zu den Hochrisikojobs werden Arbeiten in der Bäckerei, als Reinigungskraft oder in der Krankenpflege gezählt. „Die Exposition in solchen Berufen wirkt sich selbst dann negativ aus, wenn sie nur vorübergehend oder für kurze Zeit besteht“, betont Peters. „Allergologen sollten diese Ergebnisse berücksichtigen, wenn sie Neurodermitiker oder entsprechend gefährdete Jugendliche bei deren Berufswahl beraten.“ (suwe)

Publikation:
„Prediction of incidence, recurrence and persistence of atopic dermatitis in adolescence: a prospective cohort study“,
Astrid S. Peters et.al.
Journal of Allergy and Clinical Immunology online, Vol. 126, Issue 3, Pages 590-595.e3

7. September 2010

Ansprechpartner:
Dr. Astrid S. Peters
AG Arbeits- und Umweltepidemiologie
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der LMU
Tel.: 089 / 5160 - 2372
Fax: 089 / 5160 - 4954
E-Mail: astrid.peters@med.uni-muenchen.de; sekretariat-radon@med.uni-muenchen.de
Web: http://aumento.klinikum.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://aumento.klinikum.uni-muenchen.de

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