Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

REACH - Besser informiert über Nanomaterialien?

29.01.2013
Zahlreiche Produkte werden heute und in Zukunft vermutlich noch verstärkt mit Nanomaterialien versehen, um sie mit Zusatzeigenschaften auszustatten.

Das Öko-Institut empfiehlt, die Registrierungs- und Prüfanforderungen in den europäischen Chemikalienverordnungen REACH und CLP anzupassen, um den Besonderheiten von Nanomaterialien gerecht zu werden. Denn bisher bleiben die Informationen über die potenziellen Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen dieser Materialien häufig im Verborgenen.

„Die EU sollte bei der Überarbeitung der REACH-Verordnung prüfen, mit welchen Regelungen Nanomaterialien dort stärker als bisher berücksichtigt werden können“, fordert Andreas Hermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Öko-Institut und einer der Autoren der Studie. „Hersteller und Importeure von Nanomaterialen sollten dazu verpflichtet sein, differenzierte Informationen über sie offenzulegen und an nachgeschaltete Anwender weiterzugeben.“

Mengenschwellen herabsetzen

Ein Schwachpunkt von REACH ist derzeit, dass Hersteller und Importeure die Risiken von Nanomaterialien für die Gesundheit und Umwelt erst dann ermitteln müssen, wenn sie mehr als zehn Tonnen eines nanoskaligen Stoffes pro Jahr auf den Markt bringen. Diese Menge erreichen viele der im Umlauf befindlichen Nanomaterialien heute nicht. Aufgrund ihrer geringen Größe können sie jedoch vielfach verwendet werden, was ihre weite Verbreitung begünstigt.

Hermann und die Mitautorinnen und -autoren der im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellten Studie fordern, Nanomaterialien rechtlich als eigene Stoffe zu behandeln, wenn es um die Ermittlung ihrer spezifischen Risiken für Gesundheit und Umwelt geht. Bislang werden diese Informationen zu Nanomaterialien entweder nicht erhoben oder zusammen mit der Großform des gleichen Stoffes, ohne dies jedoch ausreichend zu differenzieren. „Ein Fehler“, mahnt Andreas Hermann, „denn Nanomaterialien entsprechen zwar chemisch ihrer analogen Großform, dem sogenannten ‚analogen Bulkmaterial‘, aber ihre Eigenschaften können sich aufgrund der geringen Größe deutlich unterscheiden.“

Sind Nanomaterialien eigene Stoffe?

Genau hier liegt die zentrale Frage für eine mögliche Anpassung von REACH und CLP: Handelt es sich bei einem Nanomaterial gleicher chemischer Identität um denselben Stoff, wie bei seiner analogen Großform? Oder müssen Nanomaterialien in jedem Fall als eigene Stoffe in REACH behandelt werden und für sie eigene Vorschriften gelten?

„Diesen Weg empfehlen wir nicht. Stattdessen schlagen wir vor, Nanomaterialien bei bestimmten Anforderungen in REACH rechtlich als eigene Stoffe zu betrachten, obwohl sie laut Definition chemisch keine eigenen Stoffe sind.“ sagt Hermann. Mit einer solchen Rechtsfiktion entfällt eine Neudefinition des Stoffbegriffes in REACH und es entsteht die Pflicht, Nanomaterialien gesondert zu behandeln. Darüber hinaus müssen die Kriterien zur Unterscheidung von Nanomaterialien untereinander und zu dem analogen Bulkmaterial, weiterentwickelt werden. Darüber hinaus soll eine Definition für Nanomaterialen in REACH aufgenommen werden.

Mehr Schutz durch Transparenz

Damit wird man dem eigentlichen Ziel von REACH gerecht, Umwelt und Gesundheit zu schützen. Denn eine solche gesonderte Behandlung hat auf viele Angaben, die Hersteller und Importeure von chemischen Stoffen machen müssen, Auswirkungen. So müssen sie beispielsweise Stoffe, die sie auf den Markt bringen möchten, anhand bestimmter Kriterien identifizieren. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern hier, Angaben zu Nanomaterialien verpflichtend zu machen.

Ein weiteres Manko: Bislang dürfen die Hersteller und Importeure ihre Abnehmer in einem gemeinsamen „Beipackzettel“ (Sicherheitsdatenblatt) für Nano- und Bulkmaterialien über die Risiken aufklären ohne in den einzelnen Rubriken zwischen den dem nanoskaligen Stoff und dem analogen Bulkmatarial zu unterscheiden. In Zukunft sollte eine Darstellung in getrennten „Beipackzetteln“ und mit weiteren Angaben, zum Beispiel zu einer Oberflächenbehandlung des Nanomaterials, erfolgen, um gezielt über Nanomaterialien zu informieren.

Weitere Informationen

Endbericht zum Forschungsvorhaben „Rechtsfragen zur Anwendung des Stoffbegriffs auf Nanomaterialien im Rahmen der REACH-Verordnung“

http://www.oeko.de/oekodoc/1632/2012-004-de.pdf

Ansprechpartnerin und -partner am Öko-Institut

Andreas Hermann
Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institutsbereich Umweltrecht & Governance
Öko-Institut e.V., Büro Darmstadt
Telefon: +49 6151 8191-0
E-Mail: a.hermann(at)oeko.de
Rita Groß
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institutsbereich Produkte & Stoffströme
Öko-Institut e.V., Geschäftsstelle Freiburg
Telefon: +49 761 45295-264
E-Mail: r.groß(at)oeko.de
Das Öko-Institut ist eines der europaweit führenden, unabhängigen Forschungs- und Beratungsinstitute für eine nachhaltige Zukunft. Seit der Gründung im Jahr 1977 erarbeitet das Institut Grundlagen und Strategien, wie die Vision einer nachhaltigen Entwicklung global, national und lokal umgesetzt werden kann. Das Institut ist an den Standorten Freiburg, Darmstadt und Berlin vertreten.

Neues vom Öko-Institut auf Twitter: http://twitter.com/oekoinstitut

Interesse an eco@work, dem kostenlosen E-Paper des Öko-Instituts?
Abo unter http://www.oeko.de/newsletter_ein.php

Romy Klupsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.oeko.de/oekodoc/1632/2012-004-de.pdf

Weitere Berichte zu: Großform Importeur Nanomaterial REACH REACH-Verordnung Öko-Institut

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nanogefäß mit einer Perle aus Gold
22.05.2015 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Was Chromosomen im Innersten zusammenhält
22.05.2015 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kieler Forschende bauen die kleinsten Maschinen der Welt

Die DFG stellt Millionenförderung für die Entwicklung neuartiger Medikamente und Materialien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bereit.

Großer Jubel an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU): Wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heute (Donnerstag, 21. Mai) bekannt gab,...

Im Focus: Basler Physiker entwickeln Methode zur effizienten Signalübertragung aus Nanobauteilen

Physiker haben eine innovative Methode entwickelt, die den effizienten Einsatz von Nanobauteilen in elektronische Schaltkreisen ermöglichen könnte. Sie entwickelten dazu eine Anordnung, bei der ein Nanobauteil mit zwei elektrischen Leitern verbunden ist. Diese bewirken eine hocheffiziente Auskopplung des elektrischen Signals. Die Wissenschaftler vom Departement Physik und dem Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel haben ihre Ergebnisse zusammen mit Kollegen der ETH Zürich in der Fachzeitschrift «Nature Communications» publiziert.

Elektronische Bauteile werden immer kleiner. In Forschungslabors werden bereits Bauelemente von wenigen Nanometern hergestellt, was ungefähr der Grösse von...

Im Focus: Basel Physicists Develop Efficient Method of Signal Transmission from Nanocomponents

Physicists have developed an innovative method that could enable the efficient use of nanocomponents in electronic circuits. To achieve this, they have developed a layout in which a nanocomponent is connected to two electrical conductors, which uncouple the electrical signal in a highly efficient manner. The scientists at the Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute at the University of Basel have published their results in the scientific journal “Nature Communications” together with their colleagues from ETH Zurich.

Electronic components are becoming smaller and smaller. Components measuring just a few nanometers – the size of around ten atoms – are already being produced...

Im Focus: Phagen übertragen Antibiotikaresistenzen auf Bakterien – Nachweis auf Geflügelfleisch

Bakterien entwickeln immer häufiger Resistenzen gegenüber Antibiotika. Es gibt unterschiedliche Erklärungen dafür, wie diese Resistenzen in die Bakterien gelangen. Forschende der Vetmeduni Vienna fanden sogenannte Phagen auf Geflügelfleisch, die Antibiotikaresistenzen auf Bakterien übertragen können. Phagen sind Viren, die ausschließlich Bakterien infizieren können. Für Menschen sind sie unschädlich. Phagen könnten laut Studie jedoch zur Verbreitung von Antibiotikaresistenzen beitragen. Die Erkenntnisse sind nicht nur für die Lebensmittelproduktion sondern auch für die Medizin von Bedeutung. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Applied and Environmental Microbiology veröffentlicht.

Antibiotikaresistente Bakterien stellen weltweit ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar. Gängige Antibiotika sind bei der Behandlung von Infektionskrankheiten...

Im Focus: Die schreckliche Schönheit der Medusa

Astronomen haben mit dem Very Large Telescope der ESO in Chile das bisher detailgetreueste Bild vom Medusa-Nebel eingefangen, das je aufgenommen wurde. Als der Stern im Herzen dieses Nebels altersschwach wurde, hat er seine äußeren Schichten abgestoßen, aus denen sich diese farbenfrohe Wolke bildete. Das Bild lässt erahnen, welches endgültige Schicksal die Sonne einmal ereilen wird: Irgendwann wird aus ihr ebenfalls ein Objekt dieser Art werden.

Dieser wunderschöne Planetarische Nebel ist nach einer schrecklichen Kreatur aus der griechischen Mythologie benannt – der Gorgone Medusa. Er trägt auch die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

TU Darmstadt: Gipfel der Verschlüsselung - CROSSING-Konferenz am 1. und 2. Juni in Darmstadt

22.05.2015 | Veranstaltungen

Internationale neurowissenschaftliche Tagung

22.05.2015 | Veranstaltungen

Biokohle-Forscher tagen in Potsdam

21.05.2015 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nanogefäß mit einer Perle aus Gold

22.05.2015 | Biowissenschaften Chemie

Ferngesteuerte Mikroschwimmer: Jülicher Physiker simulieren Bewegungen von Bakterien an Oberflächen

22.05.2015 | Physik Astronomie

Was Chromosomen im Innersten zusammenhält

22.05.2015 | Biowissenschaften Chemie