Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Rapamycin lässt Mäuse länger leben, bremst aber kaum den Alterungsprozess

26.07.2013
Der Wirkstoff Rapamycin verlängert erwiesenermaßen die Lebensspanne von Mäusen. Ein Forscherteam unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) sowie des Helmholtz Zentrums München hat nun festgestellt, dass Alterungsprozesse dabei kaum aufgehalten werden.

Der lebensverlängernde Effekt könnte vielmehr darauf zurückzuführen sein, dass Rapamycin das Wachstum von Krebsgeschwüren bremst. Dadurch wirkt das Präparat einer der Haupttodesursachen von Mäusen entgegen.

Die Wissenschaftler berichten darüber in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Journal of Clinical Investigation“ (Online-Veröffentlichung vom 25. Juli 2013).

Mit dem Alter lassen die Reparaturmechanismen des Körpers nach. In der Folge mehren sich Verschleißerscheinungen und es steigt das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimer, Diabetes oder Störungen des Herz-Kreislauf-Systems. „Aktuelle Therapien setzen darauf, solche Erkrankungen gezielt zu behandeln“, sagt Dr. Dan Ehninger, Gruppenleiter am Bonner Standort des DZNE. „Denkbar wäre aber auch eine breitangelegte Strategie, die altersbedingte Erkrankungen gewissermaßen bei der Wurzel packt. Das Altern durch Medikamente zu verlangsamen, das wäre ein solcher Ansatz.“

In diesem Zusammenhang ist der Wirkstoff Rapamycin bemerkenswert. Dieses Präparat wird bei Organtransplantationen eingesetzt, da es die Immunabwehr in Schach hält und so eine Abstoßung des Fremdgewebes verhindern kann. US-amerikanische Wissenschaftler konnten 2009 eine weitere Wirkung nachweisen: Mäuse, die Rapamycin zu sich nahmen, lebten einige Monate länger als ihre unbehandelten Artgenossen. „Rapamycin ist das erste Medikament, das einen Effekt auf die maximale Lebensspanne bei Säugetieren gezeigt hat. Diese Studie hat einiges an Aufsehen erregt“, so Ehninger.

Für ein Team um den Bonner Forscher war dieser Befund Anlass, den Ursachen nachzugehen: „Wir haben uns gefragt, ob Rapamycin das Altern der Mäuse verlangsamt oder ob die Verlängerung der Lebensspanne möglicherweise andere Gründe hat.“

Kein Jugendelixier

Ehningers Arbeitsgruppe untersuchte gemeinsam mit Wissenschaftlern des Helmholtz Zentrums München und weiteren Kollegen wie sich Rapamycin auf Mäuse auswirkte. Das Ergebnis ist ernüchternd. „Unsere Studie kommt zu dem Fazit, dass Rapamycin das Leben zwar verlängert, aber nur sehr begrenzte Effekte auf das Altern an sich hat“, fasst Ehninger die Befunde zusammen. „Wir sehen zwar sehr vereinzelt einen positiven Trend, etwa beim Lernverhalten oder bei manchen Blutwerten. Aber das betrifft gleichermaßen junge wie alte Mäuse. Rapamycin wirkt also nicht auf das Altern an sich, sondern nur auf ganz bestimmte Eigenschaften des Organismus.“

Darin sehen die Forscher auch die Ursache der lebensverlängernden Wirkung. „Wir gehen davon aus, dass die Verlängerung der Lebensspanne dadurch zustande kommt, dass Rapamycin die Tumorbildung hemmt. Das ist eine bekannte Wirkung, die wir auch bestätigen konnten. Bei den untersuchten Mausstämmen sind Krebsgeschwüre eine der Haupttodesursachen“, sagt der Molekularmediziner. „Demnach hat Rapamycin zwar einen isolierten Effekt auf lebensbegrenzende Erkrankung von Mäusen. Wir sehen aber keinen allgemeinen Einfluss auf die Alterung von Säugetieren.“

Umfassende Beurteilung des Alterns

Mehr als 150 Eigenschaften, die sich beim Altern in typischer Weise verändern, nahmen die Forscher unter die Lupe: Neben Sehfähigkeit, Reflexen, Funktion des Herz-Kreislauf-Systems sowie Lern- und Orientierungsvermögen überprüften sie beispielsweise auch das Bewegungsverhalten der Tiere, ihre Immunreaktion oder suchten nach Anzeichen für Arterienverkalkung. „Altern ist ein komplexer Vorgang, der sich nicht an einer Kenngröße festmachen lässt. Das Altern führt zu Veränderungen in den Zellen, in den Organen und auch im Verhalten“, erläutert Ehninger. „Deshalb haben wir eine große Zahl an strukturellen und funktionellen Alterungserscheinungen analysiert. Eine Studie, die mögliche Anti-Aging-Effekte in diesem Umfang untersucht, hat es bislang noch nicht gegeben.“

Die Tiere fielen in drei verschiedene Altersgruppen, dazu gehörten sowohl relativ junge Tiere wie auch solche im „Seniorenalter“. „Die US-amerikanische Studie hat seinerzeit gezeigt, dass Rapamycin die Lebensspanne verlängert, unabhängig davon, ob die Behandlung bei jungen oder alten Tieren einsetzt“, so der Bonner Forscher. „Auch wir haben für unsere Studie verschiedene Altersgruppen untersucht. So konnten wir prüfen, ob mögliche Effekte von Rapamycin mit dem Alter zusammenhängen, in dem die Behandlung begonnen wurde.“

Bei den Tieren handelte es sich um genetisch identische Zwillingsmäuse. Alle Tiere hatten Rapamycin regelmäßig über den Zeitraum eines Jahres erhalten. Zu jeder Altersklasse gab es auch eine Kontrollgruppe, die den Wirkstoff nicht zu sich nahm.

Detaillierte Analysen notwendig

„Grundsätzlich zeigen unsere Untersuchungen, dass man bei der Beurteilung möglicher Anti-Aging-Effekte viele Paramater berücksichtigen muss. Es kommt auf deren Kombinationen und auf das Gesamtbild an. Die Lebensspanne allein ist nicht aussagekräftig“, betont Ehninger. „Die Suche nach Wirkstoffen, die den Alterungsprozess verlangsamen, ist insofern mühsam, aber eben auch vielversprechend. Denn solche Substanzen würden der Medizin neue Möglichkeiten eröffnen. Das ist aber noch Zukunftsmusik.“

Originalveröffentlichung
„Rapamycin extends murine lifespan but has limited effects on aging “, Frauke Neff, Diana Flores-Dominguez u. a., Journal of Clinical Investigation (Online-Veröffentlichung vom 25. Juli 2013), http://dx.doi.org/10.1172/JCI67674

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erforscht die Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems und entwickelt Strategien zur Prävention, Therapie und Pflege. Es ist eine Einrichtung in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren mit Standorten in Berlin, Bonn, Dresden, Göttingen, Magdeburg, München, Rostock/Greifswald, Tübingen und Witten. Das DZNE kooperiert eng mit Universitäten, deren Kliniken und außeruniversitären Einrichtungen. Website: http://www.dzne.de / Twitter: http://twitter.com/DZNE_de

Dr. Marcus Neitzert | idw
Weitere Informationen:
http://www.dzne.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wegbereiter für Vitamin A in Reis
21.07.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Pharmakologie - Im Strom der Bläschen
21.07.2017 | Ludwig-Maximilians-Universität München

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten