Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Schwarzarbeitendes" Protein wirkt entzündungshemmend

29.01.2009
Publikation von Wissenschaftler-Team der Universitäten Gießen, Aachen, Stockholm (Schweden) und Yale (USA) im amerikanischen Fachblatt "Journal of Biological Chemistry"

Ein internationales Wissenschaftlerteam unter Führung der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Andreas Meinhardt (Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Gießen) hat einen neuen "Nebenjob" für ein ribosomales Protein entdeckt und damit möglicherweise einen Beitrag zur Bekämpfung von Krankheiten geleistet an denen der entzündungsfördernde Makrophagen-Migrations-Inhibitionsfaktor ursächlich beteiligt ist. Die Forschungsergebnisse sind gerade vorab online im "Journal of Biological Chemistry" erschienen.

Das menschliche Genom besteht aus überraschend wenigen Genen. Eine Möglichkeit, die Funktionsvielfalt der Proteine, die von diesen Genen kodiert werden, zu erhöhen, ist die "Schwarzarbeit" von Proteinen. Damit ist gemeint, dass einige Proteine neben ihrer Hauptaufgabe Nebentätigkeiten ausüben können. Insbesondere Proteine, die das Ribosom - die Eiweißfabriken der Zelle - aufbauen, sind dafür bekannt. Das Forscherteam aus Deutschland (Gießen und Aachen), Schweden (Stockholm) und den USA (Yale)hat jetzt einen "Nebenjob" für das ribosomale Protein S19 (RPS19) in Säugerzellen identifiziert.

Ein Beispiel, wo die Erkenntnisse von Nutzen sein könnten, ist der Fall eines 15-jährigen Jungen, der sich beim Inline-Skating an der Hand verletzt hat. Aus dieser "Bagatellverletzung" entwickelte sich eine Blutvergiftung, auch Sepsis genannt, in deren Folge mehrere Zähne gezogen sowie Haut- und Muskelpartien transplantiert werden mussten. Entwickelt sich aus so einer noch "glimpflich" verlaufenen Blutvergiftung jedoch eine schwere Sepsis oder gar ein septischer Schock, dann stirbt jeder zweite Patient an den Folgen. Beim skatenden Jungen kam es zu einer bakteriellen Infektion seiner Hand, auf die sein Körper zunächst mit einer angemessenen Entzündungsreaktion reagiert hat, um die eindringenden Bakterien abzuwehren. Im weiteren Verlauf kam es dann jedoch zu einer Intensivierung der Entzündung, die beinahe außer Kontrolle geriet und zu einer Zerstörung einer Reihe von Geweben führte.

Bei der Verstärkung der Entzündung bzw. der Abwehrreaktion spielen Cytokine, Botenstoffe des Immunsystems, eine wichtige Rolle. Ein solches Cytokin ist der Makrophagen-Migrations-Inhibitionsfaktor (MIF), dessen Konzentration in Körperflüssigkeiten wie dem Blut über Dauer und Schwere einer Abwehrreaktion entscheidet. Mäuse, bei denen das MIF-Gen ausgeschaltet ist, sind in den meisten Fällen vor der Entwicklung einer Sepsis geschützt, wohingegen normale Mäuse, die MIF produzieren können, in der Regel daran sterben. Soll eine Entzündung, wie im obigen Beispiel für die Handverletzung beschrieben, nur den Infekt begrenzt bekämpfen, müssen die entzündungsfördernden Eigenschaften von MIF rechtzeitig gehemmt werden, damit es nicht zur Entwicklung eines lebensbedrohlichen septischen Schocks kommt.

Das Wissenschaftlerteam um Andreas Meinhardt konnte jetzt zeigen, dass "RPS19 einen neuen Nebenjob als MIF-Bremser übernehmen kann", wie Dr. Jörg Klug, einer der Autoren der Studie, berichtet. So konnte zunächst mit verschiedenen Methoden gezeigt werden, dass MIF und RPS19 stark aneinander binden. In Anwesenheit von RPS19 kann dann MIF nicht mehr wirksam an seine Rezeptoren andocken und in den Zielzellen seine entzündungsfördernde Wirkung entfalten. Wie andere Untersuchungen gezeigt haben, kann RPS19 von bei einer lokalen Entzündung geschädigten Zellen entlassen werden, um dann, so zeigen es die jetzt veröffentlichten Ergebnisse, in einer "Nebentätigkeit" überschießende Konzentrationen von MIF in Körperflüssigkeiten zu neutralisieren und damit einer unkontrollierten Verstärkung einer Entzündung entgegen zu wirken.

Dieser Befund wurde über die Gesellschaft für Technologietransfer TransMIT, Gießen, bereits zum Patent angemeldet. Als nächstes soll jetzt überprüft werden, inwieweit sich die Hemmung von MIF therapeutisch nutzen lässt.

Titel der Publikation:
Ana-Maria Filip, Jörg Klug, Sevil Cayli, Suada Fröhlich, Tamara Henke, Philipp Lacher, Regina Eickhoff, Patrick Bulau, Monika Linder, Christine Carlsson-Skwirut, Lin Leng, Richard Bucala, Sandra Kraemer, Jürgen Bernhagen und Andreas Meinhardt (2009): Ribosomal protein S19 interacts with macrophage migration inhibitory factor and attenuates its pro-inflammatory function.

J. Biol. Chem, 10.1074/jbc.M808620200

Kontakt:
Prof. Andreas Meinhardt, Institut für Anatomie und Zellbiologie
Aulweg 123, 35385 Gießen
Telefon: 0641 99-47024,
E-Mail: andreas.meinhardt@anatomie.med.uni-giessen.de
Dr. Jörg Klug, Institut für Anatomie und Zellbiologie
Aulweg 123, 35385 Gießen
Telefon: 0641 99-47033
E-Mail: joerg.klug@anatomie.med.uni-giessen.de

Lisa Dittrich | idw
Weitere Informationen:
http://www.med.uni-giessen.de/reprobio/
http://www.transmit.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle
07.12.2016 | Forschungszentrum Jülich

nachricht Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium
07.12.2016 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie