Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Genetischer Müll" löst Herzmuskelschwäche aus

01.12.2008
Winzige Bruchstücke des Erbguts - so genannte "micro-RNAs", die bis vor kurzem als unwichtig galten, könnten jetzt die Prävention, Diagnose und Therapie der Herzmuskelschwäche revolutionieren.

Würzburger Forscher fanden eine solche erstmals im Herzen, blockierten sie und konnten damit nicht nur gefährdete Mäuse vor dem Ausbruch der Erkrankung schützen, sondern auch an Herzmuskelschwäche erkrankte Mäuse heilen. Die Ergebnisse beschreiben die Wissenschaftler der Universität Würzburg in dem renommierten Wissenschaftsmagazin Nature.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms brachte eine überraschende Nachricht mit sich: Nur ungefähr 1,5 Prozent der gesamten genetischen Information wird für die Herstellung unserer Proteine benötigt, wobei die Gene über eine Art Kopie, die Boten-RNA, in Proteine umgeschrieben werden. Der Rest der Gene galt lange als bedeutungsloser "genetischer Müll", weil deren RNA ohne nennenswerte Funktion sei. 2006 wurde jedoch für die Entdeckung, dass RNAs, aus denen keine Proteine entstehen, auch wichtige Aufgaben im Körper besitzen den Medizin-Nobelpreis verliehen. Diese RNA-Stücke regulieren die Bildung der Proteine über Bindung an die Boten-RNA direkt. Geht hier etwas schief, produziert der Körper also beispielsweise zu viel oder zu wenig Proteine, gerät die Körperzelle aus dem Gleichgewicht - Krankheiten entstehen.

Wissenschaftler um Stefan Engelhardt vom Rudolf-Virchow-Zentrum sowie Thomas Thum und Johann Bauersachs von der Medizinischen Klink und Poliklinik I der Universität Würzburg haben nun erstmals ein kleines RNA-Stück, eine sogenannte micro-RNA, im Herzen ausfindig gemacht, das sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen für die Entstehung der Herzmuskelschwäche mit verantwortlich ist. Diese micro-RNA reguliert die Bildung wichtiger Proteine im Herzen. Bei der Entwicklung einer Herzmuskelschwäche gerät diese Regulation aus dem Gleichgewicht: Das RNA-Stück blockiert die Bildung eines dieser Proteine, wodurch sich die Funktion von Zellen des Bindegewebes im Herzen (Herzfibroblasten) verändert. Dieser Umbau führt über kurz oder lang bei Patienten zur Herzmuskelschwäche. Ist das Herz einmal geschwächt, gibt es bisher keine Hoffnung auf Heilung.

Herzmuskelschwäche gehört zur Haupttodesursache in westlichen Ländern. "Bisher haben wir nur Medikamente wie Beta-Blocker, Diuretika oder ACE-Hemmer, die das Fortschreiten der Erkrankung verzögern und dazu führen, dass die Patienten länger leben können, heilen können wir sie aber bisher nicht", so der Kliniker Johann Bauersachs. Große Hoffnung verspricht jetzt der Fund der Würzburger Herzforscher: Blockiert man diese micro-RNA bei Mäusen, so sind diese gegen die Herzmuskelschwäche geschützt. Sogar bereits erkrankte Mäuse konnten die Herzforscher mit der neuen Therapie heilen. Als Therapie verabreichten die Forscher den Mäusen ein synthetisch hergestelltes Stück RNA, das wie eine Art Gegenstück auf die gefundene micro-RNA passt und diese so unschädlich macht. Diese Therapie ist eine überaus vielsprechende Herangehensweise, die sich von der herkömmlichen stark unterscheidet. Angegriffen wird nicht am Protein, sondern an der RNA selbst.

Die Ergebnisse sind vermutlich direkt auf den Menschen übertragbar, da das RNA-Stück auch bei Menschen die Herzmuskelschwäche auslöst. Natürlich müsste ein solcher Blocker beim Menschen erst noch in klinischen Studien getestet werden, doch die Würzburger Herzforscher sehen großes Potential in diesem neuen Ansatz: "Wir haben jetzt ein ganz neues therapeutisches Werkzeug. Der micro-RNA-Blocker ist chemisch relativ einfach aufgebaut und sehr leicht herzustellen. Wir kooperieren bereits mit einer Firma diesbezüglich", so Stefan Engelhardt. Die weitere Entwicklung dieser neuwertigen Therapie laufe derzeit auf Hochtouren.

Thum, T., Gross, C., Fiedler, J., Fischer, T., Kissler, S., Bussen, M., Galuppo, P., Just, S., Rottbauer, W., Frantz, S., Castoldi, M., Soutschek, J., Koteliansky, V., Rosenwald, A., Basson, M.A., Licht, J.D., Pena, J.T.R., Muckenthaler, M., Tuschl, T., Martin, G.R., Bauersachs, J. and Engelhardt, S. (2008) miR-21 derepresses fibroblast MAPkinase signalling and contributes to myocardial disease. Nature, Nov. 30 [DOI: 10.1038/nature07511].

Kontakt:
Prof. Dr. med. Stefan Engelhardt
Rudolf-Virchow-Zentrum/ DFG-Forschungszentrum für Experimentelle Biomedizin
Seit Oktober: Neuer Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Technischen Universität München, die Arbeiten sind im Rudolf-Virchow-Zentrum der Universität Würzburg entstanden.
Tel: 089-4140-3260
Email: stefan.engelhardt@virchow.uni-wuerzburg.de
Prof. Dr. Johann Bauersachs, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Würzburg
Tel. 0931-201 36301
Email: Bauersachs_J@klinik.uni-wuerzburg.de
Dr. Dr. Thomas Thum
Nachwuchsgruppe des Interdisziplinären Zentrums für Klinische Forschung und der Medizinischen Klinik I, Universitätsklinikum Würzburg
Tel. 0931-201 36455
Email: Thum_T@klinik.uni-wuerzburg.de
Sonja Jülich
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rudolf-Virchow-Zentrum/
DFG-Forschungszentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg
Tel: 0931-201-48714
Fax: 0931-201-48702
Mobil: 0174-2118850 (ab 28.11.08 nur Mobil zu erreichen!)
Email: sonja.juelich@virchow.uni-wuerzburg.de

Sonja Jülich | idw
Weitere Informationen:
http://www.rudolf-virchow-zentrum.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie