Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Qualitätskontrolle auf dem Weg zur Proteinherstellung

30.01.2015

Neue Forschungsarbeiten zeigen, wie fehlerhafte Moleküle sich selbst abbauen

Proteine, die Bausteine des Lebens, sind komplexe Moleküle. Ausgangspunkt ihrer Entstehung in der Zelle ist die DNA. Diese enthält alle genetischen Informationen eines Organismus und somit auch die ‚Baupläne‘ für verschiedenste lebenswichtige Proteine.


Das Enzym, das die Nukleotid-Dreierkette (CCA) an die Transfer-RNAs (tRNAs) anheftet, ist ein Protein, das wie ein Schaubstock wirkt: Es umklammert die jeweilige tRNA, wenn es ein solches CCA-Etikett darauf befestigt (1). Funktionstüchtige tRNA hat eine stabile Struktur und fällt anschlie-ßend sofort vom Enzym ab (2a). Fehlerhafte tRNA ist hingegen instabil und kann sich nicht vom Enzym befreien (2b). Es erhält deshalb ein zweites CCA-Etikett (3b). Erst danach befreit es sich vom Enzym (4b), es ist nun als fehlerhaft gekennzeichnet und wird abgebaut.

Bild: Dr. Claus D. Kuhn; mit Autorangabe zur Veröffentlichung frei.

Der Weg vom ‚Bauplan‘ bis zum fertigen Protein ist aber ein mehrstufiger und daher fehleranfälliger Prozess. Eine Forschungsgruppe am Cold Spring Harbor Laboratory (CSHL) in New York ist jetzt einem Mechanismus auf die Spur gekommen, der wesentlich zur Qualitätskontrolle auf dem Weg zur Proteinherstellung beiträgt.

In der Online-Ausgabe der renommierten Zeitschrift „Cell“ werden die neuen Forschungsergebnisse vorgestellt. Erstautor der Studie ist Dr. Claus D. Kuhn, der seit kurzem ein Labor am Forschungszentrum für Bio-Makromoleküle (BIOmac) der Universität Bayreuth leitet.

Ein Protein, dessen ‚Bauplan‘ in der DNA verankert ist, besteht aus zahlreichen kleineren Bausteinen. Damit es dem Bauplan entsprechend hergestellt werden kann, müssen diese Bausteine – es handelt sich um Aminosäuren – zunächst einmal bereitgestellt werden. Diese Aufgabe übernehmen spezielle Trägermoleküle, die Transfer-RNAs (kurz: tRNAs).

Sie werden mit unterschiedlichen Bausteinen beladen, die dann ihrerseits in der richtigen Reihenfolge zum fertigen Protein zusammengesetzt werden. Damit eine Transfer-RNA mit einem solchen Baustein beladen werden kann, muss sie zuvor mit einer Nukleotid-Dreierkette ausgestattet werden.

Diese Kette wird aufgrund ihrer Struktur „CCA“ genannt. Sie wirkt wie ein Etikett, das die jeweilige Transfer-RNA als funktionstüchtiges Trägermolekül kennzeichnet. Ein spezielles Enzym übernimmt die Aufgabe, ein solches CCA-Etikett an die Transfer-RNA anzuhängen.

Aber was geschieht, wenn eine Transfer-RNA defekt ist und nicht als Trägermolekül infrage kommt? In diesem Fall, so haben die Wissenschaftler herausgefunden, wird es doppelt mit dem CCA-Etikett ausgestattet. Die CCACCA-Struktur signalisiert der Zelle, dass es sich um ein fehlerhaftes Molekül handelt, das bei der Herstellung von Proteinen nicht verwendet werden darf. Infolgedessen wird die Transfer-RNA sehr rasch in der Zelle abgebaut, so dass die potenzielle Fehlerquelle beseitigt ist.

„Aufgrund dieser Erkenntnisse haben wir uns natürlich gefragt: Wie kann das Enzym, das die CCA-Etiketten an den Transfer-RNAs befestigt, zwischen fehlerfreien und defekten Trägermolekülen unterscheiden?“, berichtet Dr. Kuhn. „Die Antwort, die wir mithilfe der Röntgen-Kristallographie herausgefunden haben, hat uns überrascht: Das Enzym ist sozusagen einfältig und besitzt diese Fähigkeit überhaupt nicht. Es ist vielmehr die defekte Transfer-RNA, die aufgrund ihrer fehlerhaften Struktur selbst dafür sorgt, dass sie das CCA-Etikett in doppelter Ausführung erhält. Infolgedessen wird sie blitzschnell abgebaut, damit dem Prozess der Proteinherstellung keine fehlerhaften Transfer-RNAs zugeführt werden.“

Die Röntgenkristallographie macht es möglich, viele photographische Aufnahmen eines Moleküls in unterschiedlichen Stadien herzustellen. Auf diese Weise hat die Forschergruppe den Mechanismus aufklären können, der bewirkt, dass defekte Transfer-RNAs – und nur sie – als fehlerhaft markiert werden. Das Enzym umklammert jede einzelne Transfer-RNA wie ein Schraubstock und versetzt sie eine schraubenförmige Bewegung.

Währenddessen befestigt es die drei Bestandteile des CCA-Etiketts auf der Transfer-RNA. Anschließend versucht das Enzym, diesen Prozess zu wiederholen. Funktionstüchtige Transfer-RNAs können sich diesem Versuch entziehen, indem sie vom Enzym abfallen. Fehlerhafte Transfer-RNAs sind hingegen instabiler und flexibler. Sie können daher nicht verhindern, dass sie ein zweites CCA-Etikett erhalten.

„Diese Form der Qualitätskontrolle bei der Proteinherstellung war der Forschung bisher unbekannt. Wir haben hier erstmals einen Mechanismus entdeckt, mit dem Trägermoleküle sich selbst kontrollieren – und sich letztlich selbst abbauen, falls sie die Produktion fehlerfreier Proteine gefährden“, erläutert Dr. Claus D. Kuhn.

Nach seinem mehrjährigen Forschungsaufenthalt in New York wird er an der Universität Bayreuth diese grundlegenden Forschungsarbeiten zur Wechselwirkung zwischen RNA und Proteinen vertiefen. Das Elitenetzwerk Bayern fördert dafür ein am Forschungszentrum BIOmac eingerichtetes Labor, in dem vier hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kooperieren. „Die Infrastruktur für strukturbiologische Grundlagenforschung ist hier hervorragend, und ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit mit den strukturbiologischen und biochemischen Arbeitsgruppen in Bayreuth auf diesem spannenden Forschungsgebiet“, so der Bayreuther Biochemiker.

Die Forschungsarbeiten am Cold Spring Harbor Laboratory (CSHL) in New York wurden von zahlreichen U.S.-amerikanischen Einrichtungen unterstützt: dem Howard Hughes Medical Institute, den US National Institutes of Health, dem Jane Coffin Childs Memorial Fund for Medical Research, dem Robertson Research Fund of Cold Spring Harbor Laboratory und nicht zuletzt dem Cold Spring Harbor Laboratory Women in Science Award.

Veröffentlichung:
Claus-D. Kuhn, Jeremy E. Wilusz, Yuxuan Zheng, Peter A. Beal, and Leemor Joshua-Tor,
On-Enzyme Refolding Permits Small RNA and tRNA Surveillance by the CCA-Adding Enzyme,
Cell (2015), DOI: 10.1016/j.cell.2015.01.005

Ansprechpartner:
Dr. Claus D. Kuhn
Elitenetzwerk Bayern
Forschungszentrum BIOmac
Universität Bayreuth
D-95440 Bayreuth
Telefon: +49 (921) 55-4356
E-Mail: claus.kuhn@uni-bayreuth.de
URL: www.elitenetzwerk.bayern.de/kuhnlab

Christian Wißler | Universität Bayreuth

Weitere Berichte zu: Bauplan Cell Enzym Mechanismus Proteinherstellung Qualitätskontrolle RNA Transfer-RNA Zelle dna protein

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten
08.12.2016 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Herz-Bindegewebe unter Strom
08.12.2016 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops