Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Protein-Code der Schizophrenie

01.09.2008
Magdeburger Forscher fanden heraus, dass bei schizophrenen Patienten an den Synapsen im Gehirn eine andere Protein-Zusammensetzung vorliegt als bei Gesunden.

Eines dieser veränderten Proteine, Prohibitin, scheint am Entstehen der Krankheit ursächlich beteiligt zu sein.

Im Film 'A Beautiful Mind' sagt Russell Crowe als Darsteller des genialen schizophrenen Mathematikers John Nash: "Das ist der Albtraum bei der Schizophrenie. Nicht zu wissen, was wahr ist.

Stellen sie sich vor, sie würden plötzlich erfahren, dass die Menschen und die Orte und die Momente, die ihnen am wichtigsten sind, nicht nur weg, nicht tot wären, sondern noch viel schlimmer: nie existiert hätten. Was für eine Hölle wäre das?"

Schizophrenie ist etwa so häufig wie Diabetes: ca. ein Prozent der Bevölkerung erkrankt daran. Doch während Diabetes als gut behandelbare Stoffwechselkrankheit mit klar verstandener Ursache und guter Therapierbarkeit gilt, wird Schizophrenie als die dunkle Seite der Seele gefürchtet:

Unverständnis, Stigma, und soziale Isolation der Patienten sind die Folge. Das hat vor allem mit der nach wie vor unklaren Entstehung der Krankheit zu tun.

Genetische Veranlagung, psychische und soziale Faktoren tragen dazu bei, doch was geschieht genau im Gehirn?

Wie das US-Journal 'Molecular Psychiatry' in seiner September-Ausgabe berichtet*, gelang jetzt einer Gruppe Magdeburger Neurobiologen um Dr. Michael Kreutz vom Leibniz-Institut für Neurobiologie ein echter Durchbruch bei der gezielten Suche nach molekularen Veränderungen in den Hirnen von Schizophrenie-Patienten. Ihre Hypothese: Schizophrenie ist eine Erkrankung der Nervenzellkommunikation, also der synaptischen Übertragung, die sich in einer veränderten Zusammensetzung der Synapsen äußert.

In Zusammenarbeit mit Profs. Bernhard Bogerts und Hans-Gerd Bernstein von der Universitätsklinik für Psychiatrie Magdeburg sowie mit Amsterdamer Proteomics-Spezialisten verglichen sie die Muster und Mengen von mehr als 1000 Proteinen in post mortem Gewebeproben von Schizophrenen und Kontrollpersonen. Dabei wurden 35 Proteine identifiziert, die im Frontalhirn der Kranken viel stärker an den synaptischen Kontaktstellen der Nervenzellen angereichert waren als bei den Gesunden, das heißt, die 'molekulare Ausstattung' der Synapsen ist deutlich verändert.

Eines dieser Proteine, Prohibitin, erregte die besondere Aufmerksamkeit der Magdeburger Neurobiologen, weil sie es auch in einem anderen Experiment identifizierten: bei Ratten, die durch das Narkosemittel Ketamin eine Schizophrenie-ähnliche Psychose entwickelt hatten, ist ebenfalls deutlich mehr Prohibitin an den Synapsen der Großhirnrinde konzentriert als bei ihren gesunden Artgenossen.
Was also bewirkt dieses Protein an den synaptischen Kontaktstellen? Um dem genauen Mechanismus auf die Spur zu kommen, untersuchten Dr. Kreutz und sein Team isolierte Nervenzellen, die künstlich mehr Prohibitin enthalten, und fanden dort massive Veränderungen, wie man sie aus dem anatomischen Studium schizophrener Gehirne bereits seit langem kennt: die Zellen haben viel kürzere und dünnere Dendriten, und die Struktur der Kontaktstellen auf den Dornenfortsätzen selbst ist ebenfalls abnorm.

Das heißt, das Protein Prohibitin könnte tatsächlich an der Entstehung der schizophrenen Erkrankung ursächlich beteiligt sein und einen Schlüssel darstellen, um den molekularen Code der Schizophrenie vielleicht in nicht so ferner Zukunft zu knacken.

*Originalpublikation: Smalla et al., Mol Psychiatry 13: 878-896, 2008.

Dr. Constanze Seidenbecher | idw
Weitere Informationen:
http://www.ifn-magdeburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden neue Ansätze gegen Wirkstoffresistenzen in der Tumortherapie
15.12.2017 | Universität Leipzig

nachricht Moos verdoppelte mehrmals sein Genom
15.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik