Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Produktivität und Artenvielfalt: „Kein kausaler Zusammenhang“

23.09.2011
Warum beherbergen einige Lebensräume – wie beispielsweise ein Stück subtropische Savanne oder tropischer Regenwald – so viel mehr Pflanzen- und Tierarten als andere?

Jahrzehntelang begnügte sich die Wissenschaft mit der Antwort, dass es die Produktivität des Lebensraums sei, die seine Artenvielfalt bestimme. Nun haben ÖkologInnen des internationalen Forschungsnetzwerks „Nutrient Network (NutNet)“ die gängige Lehrmeinung überprüft – und zweifeln sie an. Die Ergebnisse der Untersuchungen dokumentiert der Forschungsartikel „Productivity is a poor predictor of plant species richness“. Erschienen ist er in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ (Band 333, Ausgabe 6050).

„Unsere Studie zeigt, dass kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Produktivität und pflanzlicher Artenvielfalt besteht“, resümiert der Erstautor der Studie, Dr. Peter Adler, Pflanzenökologe der Utah State University (USA). Zu den Hauptautoren gehört auch der Oldenburger Biologe und Biodiversitätsexperte Prof. Dr. Helmut Hillebrand vom Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Universität Oldenburg. Für ihn bedeuten die gewonnenen Ergebnisse einen „signifikanten Fortschritt im ökologischen Denken“, durch den sich beispielsweise der weltweite Artenschwund besser beurteilen lasse.

„Das allgemein gültige Modell“, so Hillebrand, „taucht seit den frühen 1970er Jahren in allen wichtigen Ökologielehrbüchern auf und sagt voraus, dass die Artenvielfalt mit zunehmender Produktivität zunächst ansteigt, um dann im weiteren Verlauf abzunehmen.“ Beinahe vier Jahrzehnte galt diese Diversitäts-Produktivitäts-Beziehung, die sich grafisch in Form eines Bergs darstellt, als unumstößliche Regel – und das, obwohl es seitens der theoretischen Ökologie bereits früh Bedenken gab, ob es sich dabei tatsächlich um einen kausalen Zusammenhang handele.

Um die Regel überprüfen zu können, gründete Adler zusammen mit zahlreichen internationalen ÖkologInnen die Forschungsinitiative NutNet. Unter der Koordination von Dr. Elisabeth Borer und Dr. Eric Seabloom (University of Minnesota, USA) untersucht das Team ökologische Fragestellungen zu Artenvielfalt und Funktion von Ökosystemen auf Grasflächen rund um den Globus. Für Hillebrand, der seit Beginn an dem Forschungsnetzwerk beteiligt ist, liegen dessen Vorteile auf der Hand: „In der Ökologie ist es schwer, generelle Schlussfolgerungen zu ziehen, denn viele Ergebnisse sind abhängig von Faktoren wie dem Standort oder der Jahreszeit.“ Durch das Netzwerk sei es gelungen, in 48 Untersuchungsgebieten auf fünf Kontinenten einen Datensatz von noch nicht dagewesener Qualität zu erheben. Dabei seien standardisierte Verfahren für die experimentellen Behandlungen und die Auswertung genutzt worden.

„Die Diversitäts-Produktivitätsbeziehung entpuppt sich als reines Muster ohne kausalen Zusammenhang“, so Hillebrand, der den einzigen deutschen Standort untersuchte. „Unsere Experimente legen den Schluss nahe, dass sowohl Produktivität als auch Diversität der Pflanzengemeinschaften von der Verfügbarkeit von Ressourcen für das Pflanzenwachstum abhängen.“ Hierbei sei nicht nur die Menge wichtig, sondern vor allem das Verhältnis der Bausteine untereinander. Beides, Verfügbarkeit und Verhältnisse, unterlägen stark dem globalen Wandel durch menschliches Wirken. „Für das Ziel, Auswirkungen von Umweltveränderungen auf die Biodiversität vorhersagen zu können, müssen wir zu besseren Modellvorstellungen kommen und uns von zu einfachen Erklärungsmustern verabschieden“. Adler ergänzt: „Die Erkenntnisse der NutNet-Gruppe sollen Ökologen ermutigen, wichtige Details näher zu untersuchen, die die Diversität ebenso beeinflussen.“

Kontakt: Prof. Dr. Helmut Hillebrand, Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM), Tel.: 0441/798-3614 oder 04421/944-8102, E-Mail: helmut.hillebrand@uni-oldenburg.de

Dr. Corinna Dahm-Brey | idw
Weitere Informationen:
http://www.icbm.de/planktologie/index.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Kaltwasserkorallen: Versauerung schadet, Wärme hilft
27.04.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

nachricht Auf dem Gipfel der Evolution – Flechten bei der Artbildung zugeschaut
27.04.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

Jenaer Akustik-Tag: Belastende Geräusche minimieren - für den Schutz des Gehörs

27.04.2017 | Veranstaltungen

Ballungsräume Europas

26.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

VLC 200 GT von EMAG: Neue passgenaue Dreh-Schleif-Lösung für die Bearbeitung von Pkw-Getrieberädern

27.04.2017 | Maschinenbau

Induktive Lötprozesse von eldec: Schneller, präziser und sparsamer verlöten

27.04.2017 | Maschinenbau

Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

27.04.2017 | Informationstechnologie