Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Primärdaten aus der chemischen Forschung sollen übers Netz zur Nachnutzung verfügbar werden

18.10.2010
In einem von der DFG geförderten Projekt haben das FIZ CHEMIE, die Technische Informationsbibliothek (TIB) und die Universität Paderborn untersucht, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um primäre Analyse- und Messdaten aus chemischen Experimenten und Untersuchungen einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Nach- und Weiternutzung zur Verfügung stellen zu können / Die Primärdaten sollen mit einem eindeutigen, persistenten Identifier (DOI) versehen, dadurch unverwechselbar, wissenschaftlich zitierbar, auf Dauer archivierbar und für Suchmaschinen auffindbar werden / Die Konzeptstudie ist im Netz zum kostenlosen Abruf bereitgestellt

Analyse- und Messdaten aus grundlegenden chemischen Untersuchungen und Experimenten, sogenannte chemische Primärdaten, sollen in Zukunft viel stärker durch Dritte nachgenutzt werden können als dies bisher möglich ist.

Damit eine breite wissenschaftliche Öffentlichkeit auf die oft mit teuren Geräten und Apparaten in aufwendigen Untersuchungen gewonnenen Forschungsdaten zugreifen kann, um darauf eigene Forschungsarbeiten aufzubauen, sollen diese online für den Zugriff nach Bedarf verfügbar gemacht werden. In der Chemie gibt es bislang kaum Möglichkeiten, primäre Forschungsdaten in zentralen Repositorien zu speichern, um sie so für eine breite Nachnutzung verfügbar zu machen.

In der Konzeptstudie "Vernetzte Primärdaten-Infrastruktur für den Wissenschaftler-Arbeitsplatz in der Chemie" haben das FIZ CHEMIE, die Technische Informationsbibliothek (TIB) und der Arbeitskreis von Professor Dr. Gregor Fels am Department Chemie der Universität Paderborn im Auftrag der Fachgruppe Chemie-Information-Computer (CIC) der Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V. (GDCh) am Beispiel der Synthesechemie ein Jahr lang untersucht, welche Voraussetzungen geschaffen wer-den müssen, um diese Situation zu ändern. Nun haben die Projektpartner ihr Ergebnis vorgelegt. Die Studie, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, ist kostenlos auf der Homepage von FIZ CHEMIE zum Herunterladen bereitgestellt (Rubrik: News und Termine).

Dr. Jost Bohlen, Leiter der Abteilung Produktentwicklung und Internet bei FIZ CHEMIE, erklärt dazu: "Das Prinzip der Nachnutzung von bereits existierenden Daten ist in der Chemie nicht sehr verbreitet. Bisher haben meistens nur die Mitglieder der Forschungsgruppe, die am jeweiligen Experiment arbeitet, Zugriff auf die Forschungsprimärdaten. Bei der Publikation der Arbeitsergebnisse synthetisch arbeitender Wissenschaftler steht dann üblicherweise die Reproduzierbarkeit des beschriebenen Experiments an erster Stelle. Wenn man aber nicht nur ihre Ergebnisse, sondern auch die Ausgangsdaten einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung stellt, können Dritte auf dieser Datenbasis eigene Forschungsansätze und vielleicht ganz andere Ideen mit einem ganz anderen Ziel aufsetzen", so Bohlen. In anderen Wissenschaften wie der Meteorologie oder den Erd- und Umweltwissenschaften sei das bereits ganz selbstverständlich. Dort könne eine breite wissenschaftliche Öffentlichkeit z.B. auf Unmengen an Wetterbeobachtungsdaten und Messdaten aus der Grundlagenforschung zugreifen. In der Chemie fehle eine solche Infrastruktur noch.

Ausgehend von der Erfassung der Ist-Situation und der Analyse wissenschaftlicher Arbeitsprozesse gibt die Studie Antworten darauf, was organisatorisch und technisch berücksichtigt werden muss, um eine vernetzte Primärdaten-Infrastruktur für den wissenschaftlichen Arbeitsplatz in der Chemie zu schaffen.

Wichtige Voraussetzung für die Nach- und Weiternutzung von Primärdaten ist die Vergabe eines eindeutigen und dauerhaften Identifiers wie dem Digital Object Identifier (DOI) für einen Primärdatensatz, um diesen jederzeit referenzieren zu können. Die TIB ist die weltweit erste DOI-Registrierungsagentur für Primärdaten. „In einem Pilotprojekt mit dem Georg Thieme Verlag haben wir bereits wertvolle Erfahrungen mit der DOI Vergabe für Primärdaten in der Chemie sammeln können, die wir in der Erarbeitung dieser Konzeptstudie erfolgreich anwenden konnten“, so Dr. Irina Sens, stellvertretende Direktorin der TIB.

Die Studie hat auch umfangreiche Informationen zur Bereitschaft der betroffenen Forscherinnen und Forscher erfasst, ihre Primärdaten der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Um eine breite Akzeptenz zu bekommen, so eine wichtige Aussage der Studie, sei zur Gewinnung der Primärdaten eine weitgehende Automatisierung der Datenerfassung von grundlegender Bedeutung. Nur wenn es den forschenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern so einfach wie möglich gemacht werde, ihre Forschungsprimärdaten zu dokumentieren, könnten diese für eine breite Nutzung verfügbar gemacht werden. Hier sehen die Projektpartner große Chancen für Gerätehersteller und Anwendungsentwickler, ihre bereits jetzt hoch entwickelten technischen Systeme mit entsprechender Software nicht nur zur Messdatenerfassung, sondern auch zur Erfassung der Bedingungen, unter denen das Experiment ausgeführt wurde, auszurüsten und Schnittstellen für den Datenexport zu entwickeln.

Da die Chemie keine homogene Wissenschaft ist, gehen die Projektpartner davon aus, dass es notwendig sein wird, für die Bereitstellung chemischer Primärdaten am wissenschaftlichen Arbeitsplatz disziplinspezifische Ansätze zu entwickeln, die auf den Bedarf und die Arbeitsweise der jeweiligen Fachrichtung bzw. des Fachbereiches ausgerichtet sind. Es werde, so eine zentrale Erkenntnis der Studie, nicht möglich sein, ein System oder einen Prozess zu entwickeln, der trivial auf alle Fachbereiche der Chemie übertragen werden könne. Manche Fachbereiche würden vergleichbar den Geowissenschaften eine zentrale Datenstruktur benötigen. Für andere würden unter Verwendung allgemein-gültiger Standards individuelle Lösungen in Form von verteilten Datenrepositorien zu betreiben sein. Auch mit der Frage, wer diese zentralen Datenstrukturen und Repositorien betreiben könnte und wie die wissenschaftliche Wertschöpfungskette und die Zusammenarbeit der Partner gestaltet werden könnte, haben sich die Projektpartner befasst und dazu ein Pyramidenmodell skizziert.
Download der Studie:
http://www.fiz-chemie.de/home/news-termine/newsdetails/article/konzeptstudie-zu-forschungsprimaerdaten-erfolgreich-abgeschlossen.html
Beispiel DOI-registrierter Primätendaten (Pilotprojekt der TIB und Georg Thieme Verlag): Mit Primärdaten angereicherter Artikel von K. Jarowicki, C.

Kilner, P. J. Kocienski, et.al. bei Thieme - http://dx.doi.org/10.1055/s-2008-1067226

Weitere Informationen
FIZ CHEMIE
Postfach 12 03 37
D-10593 Berlin
http://www.chemistry.de
E-Mail: info@fiz-chemie.de
Für die Presse:
Richard Huber
Tel.: +49 (0)30 / 399 77- 0
E-Mail: info@fiz-chemie.de
Über FIZ CHEMIE
FIZ CHEMIE ist eine von Bund und Ländern geförderte gemeinnützige Einrichtung mit der primären Aufgabe, der Wissenschaft, Lehre und Industrie qualitativ hochwertige Informationsdienstleistungen im Bereich der allgemei¬nen Chemie, der chemischen Technik und angrenzender Gebiete zur Verfügung zu stellen. Es ist nach der Qua¬litätsnorm DIN EN ISO 9001:2008 zertifiziert. FIZ CHEMIE unterhält Beziehungen zu Forschungs- und Informati¬onseinrichtungen im In- und Ausland und hat Marketingabkommen mit Partnerorganisationen weltweit. Das Fachinformationszentrum engagiert sich für die Weiterentwicklung und Verknüpfung der nationalen und internationalen chemischen Fachinformation. FIZ CHEMIE ist ein Institut der wissenschaftlichen Infrastruktur in der Leibniz-Gemeinschaft (WGL).

Vanessa Vogt-Herrmann | idw
Weitere Informationen:
http://dx.doi.org/10.1055/s-2008-1067226
http://www.chemistry.de
http://www.fiz-chemie.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut
20.10.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise