Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pfeil in die Achillesferse der Leukämie: neuer Wirkstoff-Kandidat zeigt positive Resultate

04.08.2011
Ein neuer möglicher Wirkstoff gegen die akute-myeloische Form der Leukämie wurde gefunden und auch bereits erfolgreich getestet. Dieser Erfolg gelang Wissenschaftlern in den USA. Federführend dabei war Johannes Zuber, nun Gruppenleiter am IMP in Wien.

Die akute-myeloische Leukämie (AML) ist eine aggressive Form der Leukämie, die bei 70% der Patienten nicht beherrschbar ist. Eine neue Therapiemöglichkeit steht nun in Aussicht – entdeckt durch eine in der klassischen Tumorforschung ungewöhnliche Herangehensweise: Gesucht wurde weniger nach dem Auslöser der Leukämie als vielmehr nach einer genetischen Achillesferse, einer Schwachstelle des Krebses. Gefunden wurde das Gen Brd4. Mit einem ebenfalls bereits entwickelten Inhibitor gegen dieses Protein konnten bereits erfolgversprechende Resultate erzielt werden. Gelungen ist die Entdeckung Wissenschaftlern aus dem Cold Spring Harbor Laboratory in New York, allen voran Johannes Zuber, der mittlerweile am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien eine eigene Forschungsgruppe etabliert hat, sowie sein früherer Kollege Junwei Shi.


Mit Hilfe der „Hairpin-Technologie“ wurde die Schwachstelle der Leukämiezelle, das Gen Brd4, gezielt ausgeschaltet. Eine deutliche Verbesserung des Krankheitsbildes war die Folge.
Foto: IMP

„Der neue Wirkstoff-Kandidat zeigte sich nicht nur sehr wirksam gegen Leukämiezellen, sondern scheint in bisherigen Tests gesunden, nicht entarteten Körperzellen kaum zu schaden,“ freut sich Christopher Vakoc, der das Team in Cold Spring Harbor leitete, über die zwei wesentlichsten Voraussetzungen, damit der Wirkstoff überhaupt als solcher in Erwägung gezogen werden kann.

Johannes Zuber erklärt die innovative Herangehensweise, die die Forscher gewählt hatten: „Krebs ist ganz klar eine genetisch bedingte Erkrankung. Es ist aber nicht unbedingt notwendig, sich jede Mutation im Detail anzusehen. Wir haben uns mehr dafür interessiert, von welchen Genen ein Tumor abhängig ist, was ihn am Leben hält. Zum Beispiel wissen wir, dass die Chromatinanteile, die regulieren wie die DNA abgelesen wird, in Leukämie und anderen Krebszellen stark verändert sind.“ Die Gruppe der Chromatin modifizierenden Gene wurde daher als möglicher Therapieansatzpunkt systematisch getestet.

Systematische Schwachstellenanalyse bei Akuter Myeloischer Leukämie

Durchgeführt wurden diese Untersuchungen an einer besonders hartnäckigen Form der akuten-myeloischen Leukämie, die meist unempfindlich gegenüber Chemotherapie ist und nicht geheilt werden kann. Für die systematische Analyse von 243 bekannten Chromatin-Regulatoren nutzten die Wissenschaftler die „Hairpin-Technologie“, die Zuber als Postdoktorand im Labor des Wissenschaftlers Scott Lowe in Cold Spring Harbor für Studien in Tumormodellen optimiert hatte. Hierbei werden kleine RNA Moleküle, die aussehen wie Haarnadeln, dazu verwendet, um größere Moleküle der messenger-RNA (mRNA) zu zerstören. Die mRNA ist zuständig für die Übertragung der Information vom Erbgut (DNA) zum Ribosom („Proteinfabrik“). Wird sie zerstört, kann das betreffende Gen nicht in Protein umgesetzt werden und ist somit „ausgeschaltet“.

Wurde in der Studie der Forscher ein Gen ausgeschaltet, das offensichtlich für das Überleben des Tumors essenziell ist, zeigte sich die Folge als deutliche Verbesserung des Krankheitsbildes. Bei einem Gen, Brd4, war der Erfolg besonders drastisch. Die Unterdrückung des Gens führte zum sofortigen Teilungsstopp, ja sogar zum Tod von Leukämiezellen, verlangsamte so das Fortschreiten der Krankheit und verlängerte damit die Lebenszeit der an Leukämie erkrankten Maus signifikant.

“Mit Brd4 haben wir die Achillesferse dieser Leukämieform gefunden“, freut sich Zuber. Brd4 reguliert Myc, das als Onkogen an der Entstehung von 50% aller Krebsarten beteiligt ist und offenbar auch die Leukämiezellen am Leben hält.

Ein neuer Wirkstoff gegen Akute Myeloische Leukämie

Die Entwicklung einer Therapie gegen diese heimtückische Form der Leukämie könnte nun schneller gehen als gedacht. Zufälligerweise wurde von James Bradner am Bostoner Dana-Farber Cancer Institut genau gegen das entscheidende Gen Brd4 kürzlich der Inhibitor JQ1 entwickelt. Umfangreiche Tests zeigten, dass JQ1 die Chromatinbindung von Brd4 komplett blockiert und dadurch tödlich für Leukämie und möglicherweise auch andere Krebsarten ist. Zum Großteil wurden diese Analysen in Cold Spring Harbor durchgeführt, doch auch aus Wien gab es entscheidende Beiträge. Neben dem Aufbau seines eigenen Labors am IMP hat sich bereits eine erfolgversprechende Kooperation zwischen Johannes Zuber und der Forschungsgruppe von Peter Valent am Wiener AKH ergeben. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wurden in Wien die ersten erfolgreichen Tests des neuen Wirkstoffs an Leukämiezellen von Patienten durchgeführt. Johannes Zuber hofft nun, „dass bald klinische Studien beginnen können“.

Originalpublikation:
Zuber, J. et. al. 2011. RNAi screen identifies Brd4 as a therapeutic target in acute myeloid leukemia. Nature.
Illustration, Download & Legende:
http://www.imp.ac.at/pressefoto-leukaemie
Legende: "Mit Hilfe der „Hairpin-Technologie“ wurde die Schwachstelle der Leukämiezelle, das Gen Brd4, gezielt ausgeschaltet. Eine deutliche Verbesserung des Krankheitsbildes war die Folge."
Über Johannes Zuber:
Johannes Zuber wurde 1974 in Dresden geboren. Sein Medizinstudium an der Humboldt-Universität in Berlin schloss er 2003 mit einer Doktorarbeit in der molekularen Krebsforschung ab. Als Assistenzarzt an der Universitätsklinik Charité wurden Tumoren des blutbildenden Systems zum Schwerpunkt seiner klinischen und wissenschaftlichen Arbeit. Im Jahr 2005 wechselte er in die USA, wo er im Labor von Prof. Scott Lowe in Cold Spring Harbor an neuartigen Therapiemöglichkeiten für Leukämien forschte. Seit Jänner 2011 ist Johannes Zuber Gruppenleiter am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie in Wien.
Über das IMP:
Das Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie betreibt in Wien biomedizinische Grundlagenforschung. Hauptsponsor ist der internationale Unternehmensverband Boehringer Ingelheim. Mehr als 200 ForscherInnen aus über 30 Nationen widmen sich am IMP der Aufklärung grundlegender molekularer und zellulärer Vorgänge, um komplexe biologische Phänomene im Detail zu verstehen. Die bearbeiteten Themen umfassen die Gebiete der Zell- und Molekularbiologie, Neurobiologie, Krankheitsentstehung, Bioinformatik. Das IMP ist Gründungsmitglied des Campus Vienna Biocenter.
Kontakt:
IMP – Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie
Mag. Evelyn Missbach, Kommunikation
Dr. Bohr Gasse 7
1030 Wien
Tel. +43 1 797 30 – 3626
missbach@imp.ac.at

Evelyn Missbach | idw
Weitere Informationen:
http://www.imp.ac.at
http://www.imp.ac.at/pressefoto-leukaemie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise