Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Paviane folgen der Mehrheit

21.07.2015

In einer Pavian-Gruppe kann jeder die Richtung vorgeben, nicht nur das ranghöchste Tier

Paviane leben in hierarchischen Gruppen zusammen. Doch wichtige Entscheidungen werden nicht von den ranghöchsten Gruppenmitgliedern diktiert, sondern demokratisch beschlossen. Das haben Wissenschaftler unter Beteiligung von Iain Couzin vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell herausgefunden.


Meister der Demokratie: Anubispaviane treffen demokratische Entscheidungen über ihre Reiserouten.

© mhgallery/123RF

Die Forscher überwachten die Bewegungen einer Affengemeinschaft mit GPS-Geräten sekundengenau. Dadurch konnten sie beobachten, wie die Affen entscheiden, in welche Richtung sich die Gruppe bewegt. Ausgelöst wird der Prozess von Individuen, die eine Richtung vorschlagen. Gab es geteilte Meinungen, dann schlossen sich die unentschiedenen Affen der Mehrheit an – ganz demokratisch und unabhängig davon, welche Richtung die dominanten Tiere gewählt hatten.

Anubis-Paviane sind unglaublich flink. Es ist nahezu unmöglich, ihnen über längere Zeit zu folgen und sie bei Entscheidungen zu beobachten. Deswegen war es Forschern bisher nicht gelungen, herauszufinden, wie die Tiere mit Interessenkonflikten umgehen und wer in den hierarchisch organisierten Gruppen die Entscheidungen trifft. „Das Faszinierende an Pavianen ist, dass sie sich zusammen fortbewegen und deshalb auf eine gemeinsame Richtung einigen müssen“, erklärt Iain Couzin.

Die Forscher statteten die Tiere mit GPS-Sendern aus und dokumentierten die Bewegungen von jedem einzelnen Tier. Mithilfe einer selbstentwickelten Software berechnete sie dann aus diesen Daten, wie sich die Affen bei ihren Streifzügen durch die kenianische Savanne für eine Laufrichtung entschieden.

Einige Individuen schlugen einen Weg vor, indem sie sich von der Gruppe entfernten. Je mehr dieser Initiatoren zielstrebig die gleiche Richtung wählten, umso wahrscheinlicher war es, dass die restliche Gruppe ihnen folgte. Den Pavianen war dabei egal, was das ranghöchste Tier präferierte. „Das Alpha-Tier bestimmt also nicht diktatorisch, sondern die Gruppe trifft demokratische Entscheidungen“, erklärt Couzin.

Oft kam es vor, dass etwa gleich viele Tiere in unterschiedliche Richtungen wollten. Dann kam es auf den Winkel zwischen den einzelnen Untergruppen an. War der kleiner als 90 Grad, dann wählten die restlichen Affen den Mittelweg. Bei einem größeren Winkel wählten sie hingegen die der Richtung aus, die von der größeren Gruppe bevorzugt wurde.

Dieses Verhalten hatte Iain Couzin schon vor zehn Jahren theoretisch vorhergesagt. Das erstaunt ihn selbst ein wenig: „Ich bin überrascht, dass die Vorhersagen über eine extrem komplexe Gemeinschaft so akkurat sind. Aber es ist wunderbar, wie alles zusammenpasst und dass die Beobachtungen unsere theoretischen Vorhersagen bestätigt hat.“

Die Auswertung der GPS-Daten war extrem kompliziert und hat mehrere Jahre gedauert. „Es war schwierig für uns zu verstehen, wann die Paviane versuchen, sich gegenseitig zu beeinflussen und wann nicht“, sagt Couzin. Deswegen flogen Couzin und seine Kooperationspartner gemeinsam nach Kenia, um die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. „Ohne diese Feldstudien hätten wir niemals unseren Algorithmus entwickeln können, und ohne den Algorithmus hätten wir nie verstanden, wie Entscheidungsfindung abläuft“, fasst Couzin zusammen.

Ein Puzzleteil fehlt jedoch noch: der Einfluss des Geländes. Deswegen lassen die Wissenschaftler jetzt eine Drohne fliegen, die aus der Luft eine detaillierte dreidimensionale Karte erstellt. Couzin erklärt: „Wir glauben, dass die Informationen über die Umwelt uns noch ganz andere Einblicke in das Sozialverhalten der Tiere geben können.“


Ansprechpartner

Prof. Iain D. Couzin, Ph.D.
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
E-Mail: icouzin@orn.mpg.de


Originalpublikation
Ariana Strandburg-Peshkin, Damien R. Farine, Iain D. Couzin, Margaret C. Crofoot
Shared decision-making drives collective movement in wild baboons
Science; June 19, 2015

Prof. Iain D. Couzin, Ph.D. | Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen
12.12.2017 | Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

nachricht Undercover im Kampf gegen Tuberkulose
12.12.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Stottern: Stoppsignale im Gehirn verhindern flüssiges Sprechen

12.12.2017 | Biowissenschaften Chemie

E-Mobilität: Neues Hybridspeicherkonzept soll Reichweite und Leistung erhöhen

12.12.2017 | Energie und Elektrotechnik

Wie Brände die Tundra langfristig verändern

12.12.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz