Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Passionsblume ist Arzneipflanze des Jahres

23.11.2010
Ihre Extrakte wirken auf den Menschen beruhigend und angstlösend, sie hat die wohl schönste Blüte der Welt: die Passionsblume.

Der „Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen“ an der Universität Würzburg hat das exotische Gewächs jetzt zur Arzneipflanze des Jahres 2011 gewählt. Weil sein Wirkungsprofil einmalig ist, weil es als Arzneipflanze eine lange Geschichte besitzt.

Extrakte aus der Passionsblume (Passiflora incarnata) werden bei nervöser Unruhe, leichten Einschlafstörungen und nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden angewendet. Um den beruhigenden Effekt zu verstärken, geschieht das oft in Kombination mit anderen pflanzlichen Mitteln, etwa mit Baldrian.

„Untersuchungen am Menschen haben zudem ergeben, dass Passionsblumenextrakt eine gute angstlösende Wirkung besitzt“, teilen Franz-Christian Czygan, Johannes Gottfried Mayer und Heike Will vom Würzburger Studienkreis mit. „Zugleich treten, anders als bei vielen Psychopharmaka, keine muskelentspannenden Effekte auf.“ Das mache die Passionsblume zu einem Beruhigungsmittel, das sich besonders tagsüber gut einsetzen lasse – weil es den Menschen in seiner „Alltagstauglichkeit“ nicht beeinträchtigt.

Botenstoff im Nervensystem wird geblockt

Was der Extrakt aus der Passionsblume im Körper des Menschen bewirkt? Seine beruhigenden und angsthemmenden Effekte rühren daher, dass im Nervensystem die Bindung des Botenstoffs 3H-GABA am GABAA-Rezeptor gehemmt wird, so der Studienkreis. Die beste Wirksamkeit lasse sich mit Extrakten aus den Blättern erzielen. Welche Inhaltstoffe dafür verantwortlich sind, ist bislang nicht geklärt. Vermutlich geht die Hauptwirkung auf so genannte Flavonoide zurück.

Biologie der Passionsblumen

Die ursprüngliche Heimat der Passionsblumen sind die tropischen Regenwälder Mittel- und Südamerikas. Weltweit gibt es mehr als 400 Arten, etliche davon bringen essbare Früchte hervor. Für den Handel bedeutsam ist nur die Maracuja, die Frucht von Passiflora edulis.

Alle Passionsblumen sind immergrüne Schlinggewächse mit spektakulären Blüten. Wer jemals eines dieser Wunderwerke gesehen hat, vergisst es nie wieder: Wie ein Kunstwerk in Form und Farbe erinnert die Blüte der Passionsblume an die gewagte Konstruktion eines Stararchitekten. Der Blüte, die nur einen Tag lang lebt, entströmt außerdem ein angenehmes Aroma.

Herkunft des Namens

Der Name der Passionsblume geht darauf zurück, dass die Missionare im neu entdeckten Kontinent Amerika die Blüten unter einem christlichen Aspekt deuteten: Sie sahen in den weiß-violetten Wunderwerken die Marterwerkzeuge der Passion Christi: Die Fäden der Nebenkrone waren ein Symbol für die Dornenkrone, die fünf Staubblätter standen für die Wundmale, die Säule mit Fruchtknoten für den Pfahl der Geißelung und die drei Griffel mit den Narben für die Nägel am Kreuz.

Erster Bericht über Verwendung der Passionsblume

Die Mönche und Ärzte, die mit den spanischen Eroberern nach Amerika kamen, beobachteten, wie die Indianer Pflanzen verwendeten. Der Arzt Francisco Hernández (1517-1587) hinterließ von seiner Amerikareise umfangreiche Notizen. Mit Kommentaren versehen, wurden sie erst 1649 unter dem Titel: „Schatz der Arzneimittel aus Neuspanien“ (Rerum medicarum novae Hispaniae thesaurus) als Buch herausgegeben.

Über die Passionsblume schreibt Hernández, dass sie gegen Schlaflosigkeit helfe, schmerzstillend wirke, den Appetit anrege und die Harnausscheidung fördere. Außerdem beschrieb er sie als hervorragendes Mittel gegen Gifte und gegen Melancholie.

Früher Einsatz als Arzneipflanze in Nordamerika

In Nordamerika befassten sich im 19. Jahrhundert Ärzte und Homöopathen mit der fleischfarbenen Passionsblume (Passiflora incarnata), die in einigen Südstaaten der USA beheimatet ist. Dadurch wurde die Passionsblume in den Vereinigten Staaten noch vor der Wende zum 20. Jahrhundert zu einer bedeutenden Arzneipflanze. Ihre Einsatzgebiete warnen Nervosität, Einschlafstörungen, Schlaflosigkeit und Krämpfe.

In Europa dagegen dauerte es noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, bis die Wirkungen der Passionsblume wissenschaftlich untersucht wurden.

Kriterien zur Wahl der Arzneipflanze des Jahres

Seit 1999 wählt der Würzburger Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen“ eine Arzneipflanze des Jahres. Das gekürte Gewächs soll eine interessante Kultur- und Medizingeschichte aufweisen, seine Wirkung muss in wissenschaftlichen Studien überprüft sein.

Gewählt wurden bisher: 1999 Buchweizen; 2001 Arnika; 2002 Ruscus (Stechender Mäusedorn); 2003 Artischocke; 2004 Pfefferminze; 2005 Arzneikürbis; 2006 Thymian; 2007 Hopfen; 2008 Weiße oder Gemeine Roßkastanie, 2009 Fenchel, 2010 Efeu.

Kontakt
Dr. Johannes Gottfried Mayer, T (0931) 83264, johannes.mayer@mail.uni-wuerzburg.de

Gunnar Bartsch | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen
16.01.2018 | Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

nachricht Leuchtende Echsen - Knochenbasierte Fluoreszenz bei Chamäleons
15.01.2018 | Staatliche Naturwissenschaftliche Sammlungen Bayerns

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Im Focus: Wie Metallstrukturen effektiv helfen, Knochen zu heilen

Forscher schaffen neue Generation von Knochenimplantaten

Wissenschaftler am Julius Wolff Institut, dem Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien und dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

Fachtagung analytica conference 2018

15.01.2018 | Veranstaltungen

Tagung „Elektronikkühlung - Wärmemanagement“ vom 06. - 07.03.2018 in Essen

11.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal mit neuem Onlineauftritt - Lösungskompetenz für alle IT-Szenarien

16.01.2018 | Unternehmensmeldung

Die „dunkle“ Seite der Spin-Physik

16.01.2018 | Physik Astronomie

Wetteranomalien verstärken Meereisschwund

16.01.2018 | Geowissenschaften