Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neuroblastom-Tumoren: Fortschritt in der Forschung

07.01.2009
Neuroblastome sind Tumoren, die bei sehr kleinen Kindern auftreten und sich nicht immer behandeln lassen.

Bei der Erforschung dieser Krebsform sind Würzburger Wissenschaftler einen Schritt weitergekommen: Durch das Ausschalten eines Gens konnten sie das Wachstum der Tumorzellen zügeln. Darüber berichtet die neue Ausgabe (6. Januar) der Zeitschrift Cancer Cell.

Häufig entstehen Neuroblastome im Bauch. Die erkrankten Kinder - sie sind meist jünger als ein Jahr - haben dann Bauchschmerzen oder Atembeschwerden, weil der Tumor auf die Lunge drückt. Glücklicherweise kommt diese Krebserkrankung nur relativ selten vor; in Deutschland werden pro Jahr rund 130 Fälle diagnostiziert.

Die Aussichten der Patienten

"Etwa 80 Prozent der erkrankten Kinder geht es relativ gut, bei ihnen wirken die herkömmlichen Therapien", sagt Professor Martin Eilers von der Universität Würzburg.

Anders sieht es bei den restlichen 20 Prozent aus: Sie sind in schlechter Verfassung, die Behandlungsmethoden versagen und die meisten von ihnen müssen sterben. Alle Versuche, die Therapien für diese Gruppe zu verbessern, sind bislang gescheitert.

Neuroblastome, die sich derart drastisch auswirken, haben etwas gemeinsam: In den Tumorzellen ist ein Gen namens MYCN mutiert. "Wir haben vermutet, dass diese Mutation nicht allein für die Therapieresistenz der Tumoren verantwortlich ist", sagt Martin Eilers.

Die Suche nach Krebs-Genen

Sein Team fahndete darum nach weiteren Genen, die für das Wachstum der aggressiven Neuroblastome nötig sind, für gesunde Zellen aber bedeutungslos: "Wir haben in Zellkulturen systematisch Gen für Gen abgeschaltet und dann geprüft, welchen Effekt das jeweils auf die Krebszellen hat."

Rund 200 Gene mussten die Forscher lahmlegen und fünf Jahre Arbeit investieren, bis ihre Suche erfolgreich war: Als sie das so genannte AURKA-Gen ausgeschaltet hatten, stellten die Neuroblastom-Zellen ihr Wachstum ein.

Warum das passiert? "Das AURKA-Gen erzeugt das Protein Aurora A. Das wiederum bindet sich an das Mycn-Protein und stabilisiert es. Fehlt Aurora A, wird das andere Protein instabil und die Tumorzellen wachsen nicht weiter", erklärt der Würzburger Professor.

Die nächsten Forschungsschritte

Bis diese Erkenntnisse möglicherweise einmal zu einer Therapie für krebskranke Kinder führen können, sind noch viele Jahre Forschungsarbeit nötig. Zunächst werden Eilers und sein Team in den Zellkulturen weitere Details des neu entdeckten Mechanismus studieren. Gleichzeitig beginnt die Suche nach Hemmstoffen, die das Aurora-Protein unterdrücken können.

"Stabilization of N-Myc Is a Critical Function of Aurora A in Human Neuroblastoma", Tobias Otto,Sebastian Horn,Markus Brockmann,Ursula Eilers,Lars Schüttrumpf,Nikita Popov,Anna Marie Kenney,Johannes H. Schulte,Roderick Beijersbergen,Holger Christiansen,Bernd BerwangerundMartin Eilers, Cancer Cell, Vol. 15 (1), Seiten 67-78, 6. Januar 2009, doi:10.1016/j.ccr.2008.12.005

Der Beitrag ist auf der Homepage von Cancer Cell als Featured Article öffentlich zugänglich: http://www.cell.com/cancer-cell/home

Die Forschung von Martin Eilers

Martin Eilers hat seit Oktober 2008 den Lehrstuhl für Physiologische Chemie II am Biozentrum der Universität Würzburg inne. Er erforscht grundlegende Mechanismen der Tumorentstehung. Dabei spielen die drei MYC-Gene - eines davon ist MYCN - eine wichtige Rolle: "Sie tragen zur Entstehung vieler, möglicherweise fast aller Tumore beim Menschen bei", so der Professor.

Die MYC-Gene steuern die Produktion der Myc-Proteine. Von diesen Proteinen stellen Tumore in aller Regel viel größere Mengen her als normale Gewebe. Außerdem regen Myc-Proteine normale Zellen dazu an, unkontrolliert zu wachsen. "Es gibt viele Hinweise darauf, dass es eine gute Tumortherapie wäre, wenn man Myc-Proteine mit Medikamenten hemmen könnte".

Zur Person: Martin Eilers

Martin Eilers, 1960 in Bonn geboren, studierte Chemie und Biochemie an den Universitäten Münster, Tübingen und Edinburgh. Seine Dissertation fertigte er am Biozentrum der Universität Basel an. Als Postdoc forschte er von 1988 bis 1990 an der University of California in San Francisco im Labor des Nobelpreisträgers Michael Bishop.

1991 kam er zurück nach Deutschland und leitete eine Forschungsgruppe am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg. Von 1997 bis 2008 war er Professor am Institut für Molekularbiologie und Tumorforschung der Universität Marburg.

Mit den Marburger Wissenschaftlern wird Eilers weiterhin eng zusammenarbeiten: im Transregio-Sonderforschungsbereich "Ras-dependent pathways in human Cancer" und in der Klinischen Forschergruppe "Genetics of Drug Resistance in Cancer", ebenfalls eine Kooperation zwischen Würzburg und Marburg.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Martin Eilers, T (0931) 888-4442, martin.eilers@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de
http://www.cell.com/cancer-cell/home

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht In Hochleistungs-Mais sind mehr Gene aktiv
19.01.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Warum es für Pflanzen gut sein kann auf Sex zu verzichten
19.01.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie