Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Schlüsselenzym für die Virusvermehrung entdeckt

30.07.2012
Wissenschaftler des TWINCORE stören die Infektionskette des Hepatitis-C-Virus.

Viren sind – im weiteren Sinn – Schmarotzer. Sie klinken sich geschickt in die Abläufe in den Zellen ihres Wirtes ein und missbrauchen sie, um sich zu vervielfältigen.


Figur 1: HCV infizierte Zellen (rot: HCV Core Protein, grün: zelluläre "lipid droplets", blau: Zellkerne, Pfeile: Kolokalisation von Core und lipid droplets).

Wissenschaftler am TWINCORE haben entdeckt, wie Hepatitis-C- und Dengue-Viren die Funktion eines zellulären Enzyms für ihre Vervielfältigung nutzen. Dieses Ergebnis könnte auf verkürztem Weg zu einem neuen Therapieansatz führen, denn verschiedene Labore und auch die Pharmaindustrie testen Wirkstoffe, die genau dieses Enzym blockieren: als Entzündungshemmer.

Das Hepatits-C- und Dengue-Virus gehören zu der Gruppe der behüllten Viren – so wie beispielsweise auch Influenza oder Corona-Viren, zu denen SARS zählt. Behüllte Viren sind von einer Membran aus Fett- und Eiweißmolekülen umgeben, die über komplizierte Mechanismen in den Zellen des Virus-Wirtes zusammengebaut werden. Vor der Freisetzung wickelt sich der Kern des Virus in diese Membran und verlässt dann als reifes, infektiöses Partikel die Wirtszelle. Ist diese Virushülle nicht korrekt zusammengesetzt, stecken die Viren keine weiteren Zellen mehr an und die Infektionskette bricht ab.

„Um Faktoren zu finden, die für die Virusvermehrung und den Zusammenbau neuer Viren wichtig sind, haben wir einen neuen Ansatz gewählt“, sagt Thomas Pietschmann, Leiter des Instituts für Virologie am TWINCORE. „Wir haben zunächst nicht einzelne Faktoren – Eiweißmoleküle – in den Zellen blockiert, sondern ganze zentrale Signalwege.“ Damit stören die Wissenschaftler sozusagen einen ganzen Funkkanal für einzelne Zellaufgaben und können beobachten, was dabei in Zellen geschieht, die mit dem Hepatits-C-Virus infiziert sind. Die Blockade eines Pfades stoppte die Virusvermehrung. Daraufhin begann die Suche nach dem entscheidenden Faktor, der durch diesen Pfad angeschaltet wird und für das Virus wichtig ist. „Wir habendie Zytosolische Phospholipase als das zentrale Enzym identifiziert“, sagt Nicolas Menzel, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Experimentelle Virologie. „Dieses Enzym spielt eine wichtige Rolle bei Entzündungsreaktionen und am Endoplasmatischen Retikulum (ER) innerhalb der Wirtszelle.“ An diesem ER, einem „Organ“ innerhalb der Zelle, werden zelluläre Eiweiße gebildet – und auch Hepatitis-C-Viren vermehrt. „Wir haben dann die Zytosolische Phospholipase in humanen Zellkulturen blockiert und konnten beobachten, dass Viren, die dann noch produziert wurden, eine deutlich veränderte Zusammensetzung der Virushülle hatten. Gleichzeitig waren diese Viren wesentlich geschwächt und kaum mehr infektiös.“

Da das nicht nur mit dem Hepatits-C-Virus gelang, sondern auch mit dem Dengue-Virus, „hoffen wir, dass dies ein allgemeines Prinzip für behüllte Viren ist, die sich an diesem „Organ“, dem ER, bilden “, sagt Thomas Pietschmann. „Zunächst untersuchen wir jetzt weitere Wirkstoffe, die ebenfalls die Zytosolische Phospholipase angreifen. Darunter sind auch Verbindungen, die die Pharmaindustrie als neuartige Entzündungshemmer testet. Auf diese Weise wollen wir herausfinden, ob die Zytosolische Phospholipase als Ziel für eine antivirale Therapie gegen Hepatitis C und möglicherweise auch andere Viruserkrankungen in Frage kommt.“

Hepatitis-C-Virus

Eine Infektion mit dem Hepatitis C Virus (HCV) ist ein – zweifelhaftes – Privileg von Menschen und Schimpansen. Etwa 170 Millionen Menschen sind chronisch mit dem Virus infiziert, das heißt, sie tragen es dauerhaft in ihren Leberzellen. Und das bleibt in vielen Fällen nicht ohne Folgen für die Leber: Ihr Risiko, eine chronische Entzündung und letztlich Leberkrebs zu bilden, steigt. Deshalb arbeiten Wissenschaftler auf der ganzen Welt an neuen Strategien gegen das Virus.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Thomas Pietschmann
thomas.pietschmann(at)twincore.de
Tel: +49 (0)511-220027-130

Dr. Jo Schilling | idw
Weitere Informationen:
http://www.twincore.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung
22.03.2017 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

nachricht Mit voller Kraft auf Erregerjagd
22.03.2017 | Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Im Focus: Physiker erzeugen gezielt Elektronenwirbel

Einem Team um den Oldenburger Experimentalphysiker Prof. Dr. Matthias Wollenhaupt ist es mithilfe ultrakurzer Laserpulse gelungen, gezielt Elektronenwirbel zu erzeugen und diese dreidimensional abzubilden. Damit haben sie einen komplexen physikalischen Vorgang steuern können: die sogenannte Photoionisation oder Ladungstrennung. Diese gilt als entscheidender Schritt bei der Umwandlung von Licht in elektrischen Strom, beispielsweise in Solarzellen. Die Ergebnisse ihrer experimentellen Arbeit haben die Grundlagenforscher kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „Physical Review Letters“ veröffentlicht.

Das Umwandeln von Licht in elektrischen Strom ist ein ultraschneller Vorgang, dessen Details erstmals Albert Einstein in seinen Studien zum photoelektrischen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

Unter der Haut

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Neues Schiff für die Fischerei- und Meeresforschung

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit voller Kraft auf Erregerjagd

22.03.2017 | Biowissenschaften Chemie