Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neues Mittel gegen Bienensterben in Sicht

20.05.2015

Forscher der Universität Hohenheim entwickeln völlig neuen Ansatz zur Bekämpfung der Varroa-Milbe.  Der Duftstoff ist für die Bienen unschädlich und hinterlässt nach bisherigen Messungen keine Rückstände in Bienenprodukten. Die Wissenschaftler sehen in ihrer Methode daher einen Grundstein für eine biologische und bienenverträgliche Bekämpfung des Milbenbefalls.

Die Technologie-Lizenz-Büro (TLB) GmbH betreut die Patentierung der Erfindung und sucht nun im Auftrag der Universität einen Entwicklungspartner zur Vermarktung der Innovation.


Künstliche Infektion einer Brutzelle mit einer Varroa-Milbe.

Foto: Dr. Bettina Ziegelmann


Jungbiene mit Milben.

Foto: Dr. Bettina Ziegelmann

Bienen sind nicht nur wichtige Honig-Lieferanten – sie übernehmen auch einen großen Teil der Bestäubung von Obstbäumen und Blütenpflanzen weltweit. Honigbienen sind damit – zusammen mit weiteren Hautflüglern – ein unersetzlicher Partner im natürlichen Zusammenspiel der Nahrungsmittelproduktion und gelten als das drittwichtigste Nutztier des Menschen: Ohne Bienen keine Bestäubung, kein Obst und keinen Honig.

Viele Bestände der Honigbienen sind aufgrund von Krankheiten und Parasiten stark bedroht. Neben dem Rückgang an Blütenpflanzen und dem Einsatz von Pestiziden gilt vor allem die aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe als Hauptschuldige am Bienensterben. Allein in der EU sind mehr als 14 Millionen Bienenvölker von dieser Milbe bedroht. Befallene Bienenvölker gehen unbehandelt innerhalb von zwei bis drei Jahren ein. Trotz des hohen Bedarfs an Varroose-Behandlungsmethoden gibt es bislang noch keinen einfach anwendbaren biologischen Bekämpfungsansatz, der weder die Bienen schädigt noch Rückstände im Honig hinterlässt.

Herkömmliche Bekämpfungsmittel sind oft entweder nicht ausreichend wirksam, verursachen Resistenzen beim Parasiten oder Rückstände in Bienenprodukten. Viele sind schwierig zu handhaben oder sie verursachen Nebenwirkungen bei den Bienen bzw. der Bienenbrut. Dr. Peter Rosenkranz und Dr. Bettina Ziegelmann von der Landesanstalt für Bienenkunde der Universität Hohenheim entwickelten nun eine Methode, mit der das Fortpflanzungsverhalten der Varroa-Milbe nachhaltig gestört wird.

Die Forscher isolierten und extrahierten biologisch aktive Duftstoffe des Milbenweibchens, die als Sexualpheromone paarungsbereite Varroa-Männchen anlocken. Diese Duftstoffe können nun dazu genutzt werden, diese Milbenmännchen so zu verwirren, dass junge Varroaweibchen nicht mehr begattet werden. Nicht-begattete Varroa-Weibchen können aber keine weiblichen Nachkommen mehr produzieren, was in der Folge den Anstieg der Varroa-Population im Bienenvolk deutlich reduziert.

Im Gegensatz zu den bisherigen Bekämpfungsmaßnahmen, die zumeist erst nach dem Ende der Bienensaison im August eingesetzt werden, verhindert dieser biologische Behandlungsansatz bereits die Entstehung eines für das Bienenvolk gefährlichen Varroa-Befalls. Dies hat den großen Vorteil, dass die ab August gebildeten Winterbienen besser vor Varroaschäden geschützt werden.

Diese langlebigen „Winterbienen“ müssen im Gegensatz zu den „Sommerbienen“, die nur wenige Wochen leben, über die gesamten Wintermonate ihre Arbeit für das Volk verrichten. Eine Schädigung dieser Winterbienen durch hohen Varroabefall führt zu erhöhten Verlusten an Bienen im Winter und im schlimmsten Fall zum Tod des gesamten Volkes.

So haben im vergangenen Winter über 20 Prozent der Bienenvölker die kalte Jahreszeit nicht überlebt und stehen für die Bestäubung von Blüten nicht zur Verfügung. Daher sind Maßnahmen zur Stärkung der Winterbienen von besonderer Bedeutung für die Gesundheit der Bienenvölker. Der von Dr. Peter Rosenkranz und Bettina Ziegelmann entwickelte Ansatz zur Varroa-Bekämpfung kann entscheidend dazu beitragen.

Derzeit arbeiten die Wissenschaftler in Feldversuchen mit Ölsäure, einer kostengünstigen und lebensmittelrechtlich unbedenklichen Komponente des Varroa-Sexualpheromons, die beispielsweise durch einfache Sprühapplikation in die Bienenbrutzellen eingebracht werden kann.

Erste Versuche im Bienenvolk haben bestätigt, dass dadurch tatsächlich etliche Varroa-Weibchen unbegattet bleiben und sich somit nicht mehr vermehren können. Derzeit wird intensiv an einer Vereinfachung der Applikationsmethode gearbeitet. Dabei wird unter anderem der Duftstoff direkt ins Bienenwachs eingeschmolzen, um den Einsatz dieser vielversprechenden Behandlungsmethode unter imkerlichen Praxisbedingungen zu erleichtern.

Da der Duftstoff für die Bienen unschädlich ist und nach bisherigen Messungen keine Rückstände in Bienenprodukten hinterlässt, sehen die Wissenschaftler in ihrer Methode einen Grundstein für eine biologische und bienenverträgliche Bekämpfung des Milbenbefalls.

Die Technologie-Lizenz-Büro (TLB) GmbH betreut die Patentierung der Erfindung und sucht nun im Auftrag der Universität einen Entwicklungspartner zur Vermarktung der Innovation.
Weitere Informationen erteilt TLB-Innovationsmanagerin Dr. Iris Kräuter (ikraeuter@tlb.de).

Weitere Informationen:

http://www.tlb.de
https://bienenkunde.uni-hohenheim.de/

Annette Siller | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterien aus dem Blut «ziehen»
07.12.2016 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

nachricht HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle
07.12.2016 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Das Universum enthält weniger Materie als gedacht

07.12.2016 | Physik Astronomie

Partnerschaft auf Abstand: tiefgekühlte Helium-Moleküle

07.12.2016 | Physik Astronomie

Bakterien aus dem Blut «ziehen»

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie