Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Zwerg-Affenart entdeckt

23.11.2010
Forscher der Goethe-Universität kam durch andersartigen Gesang auf die Spur

Riesige Augen, große Ohren und lange, dünne Finger und Zehen lassen die nur 12 Zentimeter großen Koboldmakis wie Kuscheltiere aussehen. Die nachtaktiven Insektenjäger leben im Unterholz der südostasiatischen Regenwälder und gehören zu den kleinsten Primaten Asiens. Neun Arten waren bisher bekannt.


Auf diese neue Koboldmaki-Art wurden Wissenschaftler aufgrund des besonderen Gesangs aufmerksam, mit dem die nachtaktiven Tiere sich verständigen, wenn sie im Morgengrauen ihre Schlafbäume aufsuchen.
Dr. Stefan Merker

Der Biologe Dr. Stefan Merker von der Goethe-Universität konnte nun gemeinsam mit deutschen, indonesischen und amerikanischen Kollegen eine zehnte Art identifizieren. Wie die Forscher in der Vorab-Ausgabe des International Journal of Primatology angeben, benannten sie die neue Art Tarsius wallacei zu Ehren des britischen Naturforschers Alfred Russel Wallace (1823-1913). Wallace entdeckte etwa zeitgleich mit Charles Darwin die Evolution durch natürliche Selektion.

Bedeutsam ist die Entdeckung vor allem deshalb, weil die Koboldmakis (oder Tarsier) uns Menschen im Stammbaum der Evolution näher stehen als die Lemuren Madagaskars, von denen manche eine ähnliche ökologische Nische besetzen wie ihre entfernten südostasiatischen Verwandten. Die Vorfahren der Koboldmakis haben sich vermutlich vor etwa 60 Millionen Jahren von allen anderen heute lebenden Primatengruppen getrennt, und dieser lange evolutionäre Alleingang hat seine Spuren in den wenigen Arten hinterlassen, die wir heute kennen.

Auf die Fährte der neuen Art kamen Merker und sein Team während ihrer Feldarbeit auf der indonesischen Insel Sulawesi. Dort hat sich die größte Vielfalt der Koboldmakis entwickelt. Die sulawesischen Tarsier leben in kleinen Familiengruppen, die sich morgens, wenn sie sich in ihre Schlafbäume zurückziehen, mit charakteristischen Duett-Gesängen verständigen. Bereits 2006, als Merker zwei andere Spezies untersuchte, fiel ihm der andersartige Gesang der Tiere südwestlich der Stadt Palu in Zentralsulawesi auf. Zwei Jahre später konnte er – gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – der Frage nach der Identität dieser unbekannten Primaten nachgehen. Im Rahmen eines größeren Projekts wurden 15 der Tiere gefangen und untersucht.

Die Genanalyse spricht eindeutig dafür, dass die Tiere von den bisher bekannten Arten hochgradig verschieden sind. Auch die Rufe und einige der morphologischen Merkmale sind einzigartig. Eine Überraschung für die Biologen war jedoch das Verbreitungsgebiet der neuen Art: diese kommt in zwei geografisch voneinander isolierten Populationen vor, einer großen nördlichen und einer kleinen südlichen Gruppe. Getrennt sind diese durch die Provinzhauptstadt Palu mit ihren Häusern, Plantagen und Reisfeldern – aber auch durch das Vorkommen einer anderen Koboldmaki-Art. Nach ersten Analysen geht Merker von einer Isolierung der beiden Populationen vor mehreren Zehntausend Jahren aus, eine genauere Datierung der Trennung soll in Kürze anhand der Untersuchung von mehr Tieren folgen. „Die heutige Verbreitung der Wallace-Koboldmakis stimmt so gar nicht mit unseren Hypothesen überein. Dieser Abweichung von unserer Theorie möchten wir so bald wie möglich auf den Grund gehen“, so Merker.

Wie viele andere Regenwaldarten sind auch Koboldmakis stark von der Zerstörung und Fragmentierung ihres Lebensraums betroffen. Gerade die südliche Population der neuentdeckten Spezies steht vor einer unsicheren Zukunft. Merker schätzt, dass die Tiere auf einer Fläche von höchstens 10 x 5 Kilometern vorkommen. Da ihr Habitat außerdem durch menschliche Nutzungen des Waldes stark schrumpft, plädiert der Biologe dafür, nach der nun erfolgten Klassifizierung der Tiere schnellstens Populationsgröße und Gefährdungsgrad einzuschätzen: „Vor allem ist es wichtig, die lokale Bevölkerung für ihre Naturschätze zu sensibilisieren. Artenschutzmaßnahmen sollten schnell greifen, sonst könnte es schon bald zu spät sein.“

Publikation:
Stefan Merker, Christine Driller, Hadi Dahruddin, Wirdateti, Walberto Sinaga, Dyah Perwitasari-Farajallah & Myron Shekelle (Online First):
Tarsius wallacei: A New Tarsier Species from Central Sulawesi Occupies a Discontinuous Range. International Journal of Primatology.

DOI: 10.1007/s10764-010-9452-0

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.springerlink.com/content/l6g2818052rn7r20/

Weitere Berichte zu: Biologe Evolution Koboldmakis Lemuren Population Primat Primatology Spezie Sulawesi Tarsier Zwerg-Affenart

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden neue Ansätze gegen Wirkstoffresistenzen in der Tumortherapie
15.12.2017 | Universität Leipzig

nachricht Moos verdoppelte mehrmals sein Genom
15.12.2017 | Philipps-Universität Marburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Im Focus: First-of-its-kind chemical oscillator offers new level of molecular control

DNA molecules that follow specific instructions could offer more precise molecular control of synthetic chemical systems, a discovery that opens the door for engineers to create molecular machines with new and complex behaviors.

Researchers have created chemical amplifiers and a chemical oscillator using a systematic method that has the potential to embed sophisticated circuit...

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltrekord: Jülicher Forscher simulieren Quantencomputer mit 46 Qubits

15.12.2017 | Informationstechnologie

Wackelpudding mit Gedächtnis – Verlaufsvorhersage für handelsübliche Lacke

15.12.2017 | Verfahrenstechnologie

Forscher vereinfachen Installation und Programmierung von Robotersystemen

15.12.2017 | Energie und Elektrotechnik