Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Neue Vielfalt von Plasmazellarten im Knochenmark entdeckt

16.04.2015

Basis neuer Behandlungsansätze bei Autoimmunkrankheiten

Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums konnten im menschlichen Knochenmark erstmals eine erstaunliche Vielfalt verschiedener Plasmazell-Populationen nachweisen.

Plasmazellen spielen eine zentrale Rolle bei Immunabwehr und Autoimmunreaktionen. Bisher sind sie als differenzierte B-Zellen, Teil der weißen Blutkörperchen, angesehen und nicht in Untergruppen eingeteilt worden. Wie nun im Fachmagazin Blood* veröffentlicht, lassen sich Plasmazellen als Subpopulationen mit unterschiedlichen Funktionen, beispielsweise hinsichtlich ihrer jeweiligen Antikörperproduktion, betrachten.

Die Hauptfunktion von Plasmazellen und ihren direkten Vorläufern, den Plasmablasten, liegt im kontinuierlichen Bereitstellen von Antikörpern zur Immunantwort durch die Körperflüssigkeiten. Insbesondere im Knochenmark angesiedelte Plasmazellen können offensichtlich jahrelang überleben und tragen so zu einem herausragenden Immungedächtnis beispielsweise gegen Erreger bei.

Im Fall von Autoimmunerkrankungen, wie der rheumatoiden Arthritis, richten sich Autoantikörper gegen den eigenen Körper. Deren zelluläre Grundlage bilden ebenfalls Plasmazellen, dann allerdings autoreaktive Formen.

„Die Biologie der Plasmazellen spielt eine entscheidende Rolle beim Entstehen von Autoimmunerkrankungen. Ein vielversprechender Ansatz für das Krankheitsverständnis und die Entwicklung gezielter Therapiemöglichkeiten liegt hier“, sagt Prof. Dr. Thomas Dörner von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité. Plasmazellen werden bisher als resistent gegen fast alle gängigen antirheumatischen Therapien angesehen.

In ihrer Untersuchung konnten die Wissenschaftler nun die Existenz unterschiedlich ausgereifter Plasmazell-Subpopulationen im menschlichen Knochenmark nachweisen. Je nach Ausprägung sind die differenzierten Zellgruppen für die Bereitstellung diverser Proteine, darunter CD95, HLA-DR, CD56 und CD19, verantwortlich. Hinsichtlich der CD19-Expression konnten die Forscher einen Verlust dieses Proteins bei einer Zellpopulation feststellen.

CD19-negative Plasmazellen weisen für die Immunologen besondere Eigenschaften auf: Sie produzieren vor allem die Antikörper Immunglobulin G, sie kennzeichnet eine besonders langlebige und reife Ausprägung und ihr Hauptspeicherort ist das Knochenmark.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass CD19-negative Plasmazellen eher statische Eigenschaften haben, während die CD19-positiven Plasmazellen auf dynamischem Weg die Immunabwehr sichern, die entsprechenden Zellen reagieren also jeweils mit Stabilität oder Anpassung.

„Die Erkenntnisse über die unterschiedliche Immunbiologie dieser beiden bisher nicht bekannten Plasmazell-Untergruppen bilden die Grundlage für die Entwicklung innovativer Behandlungsansätze bei Autoimmunerkrankungen“, erklärt Prof. Dörner. In weiteren Versuchen, unter anderem in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Universität Göteborg, sind Patienten mit rheumatoider Arthritis mit Antikörpern gegen CD20-positive B-Zellen behandelt worden, um die Entzündung der Arthritis besser zu kontrollieren.

Es hat sich gezeigt, dass sich die Behandlung ebenfalls unterschiedlich auf CD19-positive und CD19-negative Plasmazellen auswirkt. Erstere haben sich im Verlauf der Therapie reduziert, jedoch nicht die CD19-negativen Plasmazellen. Mit diesen Erkenntnissen eröffnet die Studie ein ganz neues Verständnis für die Charakteristika von bisher nicht bekannten Plasmazelluntergruppen, die in Zukunft selektive Behandlungsziele bei Autoimmunerkrankungen darstellen können.

*Henrik E. Mei, Ina Wirries, Daniela Frölich, Mikael Brisslert, Claudia Giesecke, Joachim R. Grün, Tobia Alexander, Stefanie Schmidt, Katarzyna Luda, Anja A. Kühl, Robby Engelmann, Michael Dürr, Tobias Scheel, Maria Bokarewa,Carsten Perka, Andreas Radbruch, Thomas Dörner. A unique population of IgG-expressing plasma cells lacking CD19 is enriched in human bone marrow. Blood, Jan. 2015. doi: 10.1182/blood-2014-02-555169.

Kontakt:
Prof. Dr. Thomas Dörner
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 525 241
E-Mail: thomas.doerner@charite.de

Weitere Informationen:

http://www.charite.de
http://rheumatologie.charite.de/
http://rheumatologie.charite.de/forschung/forschungslabore/ag_doerner/

Dr. Julia Biederlack | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Immunabwehr ohne Kollateralschaden
23.01.2017 | Universität Basel

nachricht Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens
23.01.2017 | Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

An Bord einer Höhenforschungsrakete wurde erstmals im Weltraum eine Wolke ultrakalter Atome erzeugt. Damit gelang der MAIUS-Mission der Nachweis, dass quantenoptische Sensoren auch in rauen Umgebungen wie dem Weltraum eingesetzt werden können – eine Voraussetzung, um fundamentale Fragen der Wissenschaft beantworten zu können und ein Innovationstreiber für alltägliche Anwendungen.

Gemäß dem Einstein’schen Äquivalenzprinzip werden alle Körper, unabhängig von ihren sonstigen Eigenschaften, gleich stark durch die Gravitationskraft...

Im Focus: Quantum optical sensor for the first time tested in space – with a laser system from Berlin

For the first time ever, a cloud of ultra-cold atoms has been successfully created in space on board of a sounding rocket. The MAIUS mission demonstrates that quantum optical sensors can be operated even in harsh environments like space – a prerequi-site for finding answers to the most challenging questions of fundamental physics and an important innovation driver for everyday applications.

According to Albert Einstein's Equivalence Principle, all bodies are accelerated at the same rate by the Earth's gravity, regardless of their properties. This...

Im Focus: Mikrobe des Jahres 2017: Halobacterium salinarum - einzellige Urform des Sehens

Am 24. Januar 1917 stach Heinrich Klebahn mit einer Nadel in den verfärbten Belag eines gesalzenen Seefischs, übertrug ihn auf festen Nährboden – und entdeckte einige Wochen später rote Kolonien eines "Salzbakteriums". Heute heißt es Halobacterium salinarum und ist genau 100 Jahre später Mikrobe des Jahres 2017, gekürt von der Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie (VAAM). Halobacterium salinarum zählt zu den Archaeen, dem Reich von Mikroben, die zwar Bakterien ähneln, aber tatsächlich enger verwandt mit Pflanzen und Tieren sind.

Rot und salzig
Archaeen sind häufig an außergewöhnliche Lebensräume angepasst, beispielsweise heiße Quellen, extrem saure Gewässer oder – wie H. salinarum – an...

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Hybride Eisschutzsysteme – Lösungen für eine sichere und nachhaltige Luftfahrt

23.01.2017 | Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Wie der Nordatlantik zum Wärmepirat wurde

23.01.2017 | Geowissenschaften

Immunabwehr ohne Kollateralschaden

23.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmalig quantenoptischer Sensor im Weltraum getestet – mit einem Lasersystem aus Berlin

23.01.2017 | Physik Astronomie