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Neue Arten in der Nordsee-Kita

05.12.2016

Senckenberg-Wissenschaftlerinnen haben die Veränderung der Faunenzusammensetzung im Jadebusen von 1972 bis 2014 untersucht. In ihrer kürzlich im Fachjournal „Estuarine, Coastal and Shelf Science“ erschienenen Studie zeigen sie, dass der Klimawandel die Lebensgemeinschaft dort nachhaltig verändert hat. Im Jadebusen, der als Teil des Wattenmeeres als Kinderstube für kommerziell genutzte Fischarten gilt, wandern kälteliebende Arten ab und neue Arten nehmen ihre Plätze ein. Insgesamt hat sich die Artenanzahl in der Meeresbucht erhöht.

Es ist einiges los am Meeresboden des Jadebusens: Seezungen, Strand- und Schwimmkrabben tummeln sich mit Nordseegarnelen und anderen bodenlebenden Organismen auf dem sandigen Meeresboden der etwa 160 Quadratkilometer großen Nordsee-Meeresbucht. „Die Anzahl der Arten hat im Jadebusen seit 1972 zugenommen“, erklärt Prof. Dr. Ingrid Kröncke von Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven und fährt fort: „Allerdings sind es nun zum Teil andere Arten, die dieses Biotop einnehmen.“


Strand- und Schwimmkrabben fühlen sich durch die erhöhten Temperaturen im Jadebusen wohl.

© L. Kohlmorgen


Junge Schollen sind dagegen immer seltener in der Nordsee-Meeresbucht zu finden.

© I. Kröncke

Kröncke hat gemeinsam mit Doktorandin Julia Meyer und Dr. Ulrike Schückel aus Wilhelmshaven die Veränderung der bodenlebenden Nordseefauna im Jadebusen über einen Zeitraum von 42 Jahren untersucht. „Dabei wollten wir herausfinden, ob es Veränderungen gibt, wie diese aussehen, was sie bewirkt hat und ob es sich um einen langfristigen Wandel – einen sogenannten ‚Regime Shift’ handelt“, ergänzt die Wilhelmshavener Meeresbiologin.

Von 1972 bis 2014 wurden zu diesem Zweck jährlich im Frühjahr und Sommer an festen Stationen Proben vom Meeresboden genommen. Die Datenauswertung zeigte, dass die Gesamtmenge und Artenanzahl der Tiere zunahm, klassische Nordseearten, wie Schollen (Pleuronectes platessa) oder Kabeljau (Gadus morhua) aber mittlerweile seltener auftreten. Den Platz dieser kälteliebenden Fische nehmen nun vermehrt Arten, wie Seezungen (Solea solea), Strandkrabben (Carcinus maenas) und Schwimmkrabben (Liocarcinus holsatus) ein, die an wärmere Temperaturen angepasst sind.

„Unsere Daten zeigen, dass sich die Artenzusammensetzung in den Jahren 1988 und 2001 veränderte. Dies ist durch den globalen Klimawandel und die damit verbundene Erhöhung der Wassertemperatur bedingt. Wir können hier von ‚Regime Shifts’ – Systemverschiebungen – sprechen“, erläutert Kröncke. Unter einem „Regime Shift“ versteht man nachhaltige Veränderungen in der Struktur und Funktion eines Ökosystems. Die nachgewiesenen „Regime Shifts“ beeinflussten jedoch nicht nur das Wattenmeer, sondern die gesamte Nordsee.

Da der Jadebusen bislang als „Kinderstube“ für viele kommerziell genutzte Fischarten diente, „müssen wir sehen, wie sich die Klimaveränderungen langfristig auf die Fischbestände auswirken, unsere Probenahmen gehen weiter“, gibt Kröncke einen Ausblick und fügt hinzu: „Nur Langzeitbeobachtungen – wie sie im Rahmen unseres LTER Nordsee Benthos Observatorium stattfinden – erlauben es anhaltende Systemverschiebungen zu beobachten und die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf unsere Meere zu verstehen“.

Kontakt
Prof. Dr. Ingrid Kroencke
Senckenberg am Meer
Tel. 04421 - 9475250
ingrid.kroencke@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Julia Meyer, Ingrid Kröncke, Alexander Bartholomä, Joachim W. Dippner, Ulrike Schückel, Long-term changes in species composition of demersal fish and epibenthic species in the Jade area (German Wadden Sea/Southern North Sea) since 1972, Estuarine, Coastal and Shelf Science, Volume 181, 5 November 2016, Pages 284-293, ISSN 0272-7714, http://dx.doi.org/10.1016/j.ecss.2016.08.047.

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten und nachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert.

Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

2016 ist Leibniz-Jahr. Anlässlich des 370. Geburtstags und des 300. Todestags des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (*1.7.1646 in Leipzig, † 14.11.1716 in Hannover) veranstaltet die Leibniz-Gemeinschaft ein großes Themenjahr. Unter dem Titel „die beste der möglichen Welten“ – einem Leibniz-Zitat – rückt sie die Vielfalt und die Aktualität der Themen in den Blick, denen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der bundesweit 88 Leibniz-Einrichtungen widmen. www.bestewelten.de

Judith Jördens | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

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