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Neu- und Wiederansiedlungen von Luchsen erfordern größere Bestände

19.05.2016

Um Luchse erfolgreich wiederanzusiedeln, spielt die Anzahl an ausgewilderten Tieren eine entscheidende Rolle. Werden nur wenige Luchse freigelassen, um eine neue Population zu etablieren, so ist die genetische Vielfalt zu gering, um ihren Bestand langfristig zu sichern. Dies hat ein internationales Forscherteam kürzlich im Fachmagazin „Conservation Genetics“ veröffentlicht. In ihrer Studie betonen die Autoren die Notwendigkeit, neu etablierte europäische Luchspopulationen durch das Aussetzen weiterer Luchse und andere Schutzmaßnahmen zu stärken.

Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), des Nationalparks Bayrischer Wald, der Polnischen Akademie der Wissenschaften sowie der Russischen Akademie der Wissenschaften haben zwei Europäische Luchspopulationen im Böhmer-Bayerwald und im Pfälzerwald-Vogesen-Gebiet genetisch untersucht.


Der Eurasische Luchs (Lynx lynx) ist die größte europäische Katzenart.

Foto: Katarina Jewgenow/IZW

Der Eurasische Luchs (Lynx lynx) ist die größte europäische Katzenart und steht seit 1992 in der EU unter Schutz. Sein ursprünglich ganz Europa umfassendes Verbreitungsgebiet ist heute im Wesentlichen auf Schutzgebiete, wie z. B. Nationalparks, beschränkt. Diese Vorkommen bestehen allerdings nur dank der Bemühungen einzelner Länder, Luchspopulationen in Europa zu schützen oder in geeigneten Habitaten neu zu etablieren.

Für die neu etablierten Populationen gibt es allerdings Herausforderungen: „Die durch Wiederansiedlung gegründeten Populationen in Europa bestehen aus zu wenigen Individuen, um bereits selbsterhaltend zu sein. Hinzu kommt, dass gerade kleine Populationen sehr anfällig gegenüber Verlusten an genetischer Variation sind, da jedes einzelne Tier einen hohen Prozentsatz des Genpools der gesamten Population ausmacht“, erklärt Daniel Förster, Genetiker am IZW.

Die Population im Böhmer-Bayerwald wurde durch die Freilassung von 5 bis 10 Luchsen in den 1970er Jahren begründet und später durch weitere 18 Luchse vergrößert. Die Population im Pfälzerwald-Vogesen-Gebiet entstand zwischen 1983 und 1993 durch die Wiederansiedlung von 21 Luchsen. Von diesen ohnehin schon wenigen Tieren zeugte nur ein Teil, die sogenannten Gründertiere, dann auch tatsächlich Nachkommen. „Aus genetischer Sicht bedeutet dies, dass mit so wenigen Gründertieren die genetische Variation in der neu entstandenen Population sehr beschränkt ist“, erläutert Jörns Fickel, Mitautor der Studie und gleichfalls Genetiker am IZW.

Um den Effekt der Anzahl wiederangesiedelter Tiere auf den genetischen Zustand der beiden Luchspopulationen beurteilen zu können, verglichen die Wissenschaftler die genetische Vielfalt der wiederangesiedelten Populationen mit der Vielfalt natürlich vorkommender europäischer Luchsbestände. Dazu wurden molekulare Marker im Luchs-Erbgut untersucht, das aus Kot-, Blut- und Gewebeproben gewonnen wurde.

In ihrer Studie stellten die Wissenschaftler fest, dass die beiden neu etablierten Populationen im Vergleich mit anderen europäischen Luchspopulationen eine sehr niedrige genetische Vielfalt aufwiesen, es also vergleichsweise weniger Genvarianten innerhalb dieser Populationen gab. Bei den Luchsen im Böhmer-Bayerwald und Pfälzerwald-Vogesen-Gebiet handelt es sich um sehr kleine Populationen, die im Gegensatz zu den meisten anderen untersuchten Populationen nicht durch Einwanderung entstanden sind. Eine frühere Studie an einer in Slowenien und Kroatien wiederangesiedelten Luchspopulation wies bereits darauf hin, dass kleine, wiederangesiedelte Populationen unter geringer genetischer Vielfalt leiden.

Die aktuelle Studie bekräftigt nun diese Erkenntnis und trägt so zu deren Verallgemeinbarkeit bei. Somit sind kleine Populationen häufig nicht in der Lage, sich langfristig selbst zu erhalten. Laut den Wissenschaftlern sind die „Rote Listen“-Einstufungen der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) in „stark gefährdet“ für die Population im Böhmer-Bayerwald und in „vom Aussterben bedroht“ für jene im Pfälzerwald-Vogesen-Gebiet daher vollkommen zutreffend, weshalb geeignete Maßnahmen zur Stärkung und zum Schutz dieser Luchspopulationen getroffen werden müssen.

Gerade für kleine Populationen ist es verhängnisvoll, wenn auch nur ein einziges Tier noch vor seiner Fortpflanzung stirbt, sei es durch natürliche Ursachen oder Wilderei. „Damit Luchspopulationen dauerhaft etabliert und erhalten werden können, ist es notwendig, die illegale Tötung von Luchsen zu reduzieren“, betont Förster. Er und seine Kollegen plädieren außerdem dafür, weitere Luchse in beide Populationen umzusiedeln, um deren genetische Vielfalt direkt zu stärken. Indirekte Schutzmaßnahmen wie die Einrichtung von Wildtierkorridoren können darüber hinaus den genetischen Austausch zwischen benachbarten Populationen ermöglichen und so ebenfalls zur Stärkung des Luchsbestandes beitragen.

Publikation:
Bull JK, Heurich M, Saveljev AP, Schmidt K, Fickel J, Foerster DW (2016): The effect of reintroductions on the genetic variability in Eurasian lynx populations: the cases of Bohemian-Bavarian and Vosges-Palatinian populations. CONSERV GENET; DOI: 10.1007/s10592-016-0839-0.

Kontakt:
Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung (IZW)
im Forschungsverbund Berlin e.V.
Alfred-Kowalke-Str. 17
10315 Berlin

Daniel W Förster
Tel.: +49 30 5168- 311
foerster@izw-berlin.de

Jörns Fickel
Tel.: +49 30 5168- 314
fickel@izw-berlin.de

Steven Seet (Presse)
Tel.: +49 30 5168-125
seet@izw-berlin.de

Weitere Informationen:

http://www.izw-berlin.de

Karl-Heinz Karisch | Forschungsverbund Berlin e.V.

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