Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nerven bewahren - Wie können Kalziumkanalblocker den Zelltod nach Verletzungen des Nervensystems aufhalten?

18.10.2010
Göttinger Wissenschaftler entschlüsseln Mechanismen und finden einen Weg, um der Zerstörung von Nervenzellen nach Verletzungen entgegenzuwirken.

Verletzungen des Nervensystems, beispielsweise des Rückenmarks, führen in vielen Fällen zu einem schweren Funktionsverlust. Die Ursache dafür liegt im Detail: Oft sind Nervenzellfortsätze, die so genannten Axone, so stark geschädigt, dass die Erregungsleitung im Rückenmark nicht mehr funktionieren kann.

Ein Forscherteam vom Göttinger DFG-Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns (CMPB) hat einen therapeutischen Ansatz gefunden, mit dem sich der Zerstörungsprozess der Axone nach Verletzungen verlangsamen lässt. „Wir haben die molekularen Auslöser der Nervenzellschädigung entschlüsselt und können diese nun therapeutisch beeinflussen“, sagt Privatdozent Dr. Paul Lingor, Leiter der Studie und Oberarzt der Abteilung Neurologie an der Universitätsmedizin Göttingen.

Die Studie ist im Fachmagazin “Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA (PNAS)” erschienen.

Originalveröffentlichung
Knöferle J, Koch JC, Ostendorf T, Michel U, Planchamp V, Vutova P, Tönges L, Stadelmann C, Brück W, Bähr M, Lingor P (2010) Mechanisms of acute axonal degeneration in the optic nerve in vivo. PNAS, Volume 107, Issue 13, Seiten 6064-6069.

Es ist bekannt, dass in den ersten fünf Stunden nach einer Verwundung des Rückenmarks auch viele an die Verletzungsstelle angrenzende Nervenfasern zerstört werden. Ein rascher Anstieg der Kalzium-Konzentration innerhalb der Nervenfasern des verletzten Bereichs wird dafür verantwortlich gemacht. Diese Axone wären aber später unabdingbar für die Wiederherstellung der verletzungsbedingten Funktionsverluste.

Priv.-Doz. Dr. Lingor und sein Team haben den Sehnerv von Ratten als Modellsystem verwendet, um diese verletzungsbedingten Kalzium-Einströme in die Zelle genauer zu studieren. Sie konnten zeigen, dass in Folge des Kalzium-Einstroms Signale ausgesandt werden, die die Axone sich selbst verdauen lässt (sog. Autophagie). Der Prozess führt schließlich zum Absterben dieser Nervenzellfortsätze. Die Wissenschaftler haben einen Weg gefunden, wie man diese Abbauprozesse über eine Modulation des Kalzium-Spiegels stoppen kann.

„Durch die Verwendung von Kalziumkanalblockern konnten wir den Einstrom von Kalzium-Ionen in die Nervenfasern verhindern und so deren frühe Zerstörung unmittelbar nach der Verletzung bremsen,“ sagt Priv.-Doz. Dr. Paul Lingor. „Entscheidend ist jedoch, dass diese potenzielle Therapiemethode rasch nach erfolgter Verletzung ansetzen muss. Nur so gelingt es, viele Nervenfortsätze zu retten und Patienten z.B. mit einer Rückenmarksverletzung zu helfen,“ so Lingor weiter.

Zum DFG Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns: Das seit 2002 an der Universitätsmedizin Göttingen angesiedelte DFG Forschungszentrum Molekularphysiologie des Gehirns (CMPB) hat sich das Ziel gesetzt, molekulare Prozesse und Interaktionen in Nervenzellen detailliert zu analysieren, um langfristig Therapien für psychiatrische, neurologische und neurodegenerative Erkrankungen zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Dr. Susanne Ohrt | idw
Weitere Informationen:
http://www.cmpb.de
http://www.baehrlab.med.uni-goettingen.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Entzündung weckt Schläfer
29.03.2017 | Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)

nachricht Rostocker Forscher wollen Glyphosat „entzaubern“
29.03.2017 | Universität Rostock

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Entzündung weckt Schläfer

29.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mittelstand 4.0-Kompetenz­zentrum Stuttgart gestartet

29.03.2017 | Wirtschaft Finanzen

Energieträger: Biogene Reststoffe effizienter nutzen

29.03.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz