Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bei Nebel überschätzen Autofahrer die eigene Geschwindigkeit

30.10.2012
Max-Planck-Wissenschaftler erklären, warum bei Nebel langsamer gefahren wird

Wie Menschen auf eine beeinträchtigte Sicht reagieren, ist ein zentrales Thema der Sehforschung. Frühere Studien zeigen, dass eine gleichmäßige Verringerung des Kontrasts im gesamten Blickfeld, wie beispielsweise bei einer beschlagenen Windschutzscheibe, eine Unterschätzung der Geschwindigkeit und damit eine schnellere Fahrweise zur Folge hat.


Die Leinwand am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik umfasst horizontal 230° und vertikal 125°. Somit füllt die Projektion das gesamte menschliche Sichtfeld aus und erzeugt eine realistische Fahrsituation.

Bild: Jan Soumann / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Tübingen


Die Leinwand am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik umfasst horizontal 230° und vertikal 125°. Somit füllt die Projektion das gesamte menschliche Sichtfeld aus und erzeugt eine realistische Fahrsituation (Blickwinkel des Fahrers).

Bild: Jan Soumann / Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Tübingen

Wie eine Veröffentlichung in eLife nun zeigt, belegen Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen die These erneut. Jedoch gingen sie noch einen Schritt weiter: Was passiert, wenn der Kontrast nur im Zentrum des Blickfeldes reduziert wird, wodurch Dinge in der Ferne schwerer erkennbar sind, wie es beispielsweise bei Nebel der Fall ist? Die Ergebnisse sind verblüffend und helfen, Einblicke in das menschliche Sehsystem zu gewinnen.

Für die Experimente konzipierte Paolo Pretto aus der Abteilung von Direktor Heinrich Bülthoff am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik Projektionen für eine drei Meter hohe und sieben Meter breite, gekrümmte Leinwand, die das gesamte Sichtfeld ausfüllt. Ein davor positioniertes Fahrzeug vermittelt erfahrenen Autofahrern das Gefühl einer realistischen Fahrsituation. Anhand verschiedener Versuche konnten Pretto und seine Kollegen nun erstmalig zeigen, dass ein vermeintlich kleiner Unterschied in der Kontrastveränderung bei Autofahren zu einer gegenteiligen Geschwindigkeitswahrnehmung und folglich zu einer gegenteiligen Handlung führt: Eine auf Distanz graduell – im Vergleich zu einer gleichmäßigen – Kontrastreduzierung der Umgebung hat eine Überschätzung der Geschwindigkeit zur Folge und nicht, wie bisher angenommen, eine Unterschätzung.

Zunächst konfrontierten die Forscher Testpersonen mit zwei verschiedenen Fahrszenen. Sie sollten einschätzen, in welcher der beiden Szenen sie sich schneller fortbewegten. In der Kontrollszene fuhren sie bei klarer Sicht und gleichbleibender Geschwindigkeit auf einer Asphaltstraße durch eine Graslandschaft. In der Testszene fuhren sie ebenfalls bei gleichbleibender Geschwindigkeit durch dieselbe Landschaft. Jedoch wurde dieses Mal der Kontrast der Landschaft verändert und damit die Sichtverhältnisse verschlechtert. Schon diese Experimente zeigten, dass die Fahrer ihre Geschwindigkeit bei nebelähnlichen Bedingungen überschätzten, wohingegen sie bei einer gleichmäßigen Sichtbeeinträchtigung, ähnlich einer beschlagenen Windschutzscheibe, ihre Geschwindigkeit unterschätzten.

Weitere Versuchsreihen bestätigten, dass diese unterschiedlichen Einschätzungen auch Auswirkungen auf das Fahrverhalten haben. Bei guter Sicht betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit der Probanden ungefähr 85 Kilometer pro Stunde, bei starkem Nebel dagegen nur etwa 70 Kilometer pro Stunde. Bei einer gleichmäßigen Kontrastreduktion unterschätzten die Fahrer ihre Geschwindigkeit jedoch und fuhren schneller – das Tempo betrug hier durchschnittlich 100 Kilometer pro Stunde.

Basierend auf dieser und weiteren Studien entwickelten die Wissenschaftler eine neue Theorie der Geschwindigkeitswahrnehmung: Bei Nebel beispielsweise, ist die Sicht im zentralen Blickfeld – also dort wo entfernte Objekte wahrgenommen werden – deutlich vermindert. Hier wird das eigene Tempo als relativ langsam wahrgenommen. Im peripheren Sichtfeld hingegen – und damit in der unmittelbaren Umgebung – als verhältnismäßig schnell. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass dieser Unterschied verantwortlich für die eigene Geschwindigkeitsüberschätzung sein musste.

Um diese Theorie zu belegen, wurde eine weitere Versuchsreihe durchgeführt. Zu den schon vorab verwendeten Parametern „gute Sicht“ und „Nebel“ wurde nun ein weiterer, im wahren Leben nicht vorkommender, kreiert: der „Anti-Nebel“. Beim „Anti-Nebel“ ist die Sicht im unmittelbaren Umfeld schlecht, verbessert sich jedoch proportional zur Entfernung. Wie erwartet, überschätzten die Testfahrer bei dieser künstlichen Situation ihre Geschwindigkeit und fuhren zu schnell: etwa 100 Kilometern pro Stunde, verglichen mit ungefähr 70 Kilometern pro Stunde bei guter Sicht und gerade mal 50 Kilometern pro Stunde bei Nebel.

Paolo Pretto und seinen Kollegen gelang es damit, die vorherrschende Theorie in ihrer pauschalen Schlussfolgerung zu widerlegen und zu beweisen, dass sich die Geschwindigkeitswahrnehmung ändert, wenn die Sichtverhältnisse innerhalb unseres Blickfeldes unterschiedlich sind. Um Unfälle zu verhindern, tun wir also gut daran, unserem Sehsystem zu vertrauen, wenn es uns dazu veranlasst, bei Nebel langsamer zu fahren.

Weitere Informationen über Paolo Pretto und seine Arbeit:
http://www.kyb.tuebingen.mpg.de/de/forschung/abt/bu/bewegungswahrnehmung-in-fahrsimulation.html

eLife ist eine Initiative des Howard Hughes Medical Institute, der Max-Planck-Gesellschaft und des Wellcome Trust. Zusammen mit einer wachsenden Zahl von öffentlichen und privaten Organisationen zur wissenschaftlichen Förderungen weltweit erkannten diese drei, dass die Kommunikation von Forschungsergebnissen ein grundlegender Bestandteil des Forschungsprozesses ist.

Mehr Informationen über eLife: http://www.elifesciences.org

Originalpublikation:
Pretto P., Bresciani J.-P., Rainer G., Bülthoff H. H. (2012) Foggy perception slows us down. eLife. doi: 10.7554/eLife.00031.001
Kontakt:
Dr. Paolo Pretto
Tel.: 07071 601-644
E-Mail: paolo.pretto@tuebingen.mpg.de
Stephanie Bertenbreiter (Pressereferentin)
Tel.: 07071 601-1792
E-Mail: presse-kyb@tuebingen.mpg.de
Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik forscht an der Aufklärung von kognitiven Prozessen auf experimentellem, theoretischem und methodischem Gebiet. Es beschäftigt rund 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 40 Ländern und hat seinen Sitz auf dem Max-Planck-Campus in Tübingen. Das MPI für biologische Kybernetik ist eines der 80 Institute und Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Stephanie Bertenbreiter | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.elifesciences.org
http://tuebingen.mpg.de/startseite/detail/bei-nebel-ueberschaetzen-autofahrer-die-eigene-geschwindigkeit.html

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht In Hochleistungs-Mais sind mehr Gene aktiv
19.01.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Warum es für Pflanzen gut sein kann auf Sex zu verzichten
19.01.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie