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Nahrungsergänzungsmittel: Vorsicht beim Kauf im Internet. Und: Wie wirken Isoflavone wirklich?

08.09.2008
Neben der Lebensmittelsicherheit stehen Nahrungsergänzungs-mittel auf der Agenda des Deutschen Lebensmittelchemikertags vom 8. bis 10. September in Kaiserslautern.

Und im Fokus bei den Nahrungsergänzungsmittel stehen in diesem Jahr der Internethandel sowie die Isoflavone, natürliche Inhaltsstoffe verschiedener Pflanzen, beispielsweise Soja und Rotklee.

Weil Isoflavone eine ähnliche chemische Struktur wie das körpereigene weibliche Sexualhormon 17ß-Estradiol aufweisen, wirken sie auch hormonell, jedoch deutlich schwächer als Estradiol. Sie können im Körper, abhängig vom Hormonumfeld und vom Gewebe, sowohl estrogen als auch antiestrogen wirken und sollen daher, peri- und postmenopausal angewandt, zur Behandlung von vasomotorischen Symptomen wie Hitzewallungen geeignet und ganz allgemein gesundheitlich vorteilhaft sein.

Doch es ist Vorsicht geboten, wie auf dem Lebensmittelchemikertag deutlich gemacht wird. Größte Vorsicht sollte der Verbraucher ganz generell bei der Bestellung von Nahrungsergänzungsmitteln über das Internet walten lassen.

Lebensmittelchemiker aus dem Bundesinstitut für Risikobewertung (Abteilung Lebensmittelsicherheit), aus dem Institut für Lebensmittelchemie der Universität Potsdam und vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe, die wie die meisten Vortragenden und Teilnehmer der Tagung in der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, der größten Fachgruppe in der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) vereinigt sind, zeigen in Vorträgen, warum gegenwärtig die unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einem hohen Gehalt an isolierten Isoflavonen über einen längeren Zeitraum hinweg nicht empfohlen werden kann. Kurz zusammengefasst: Die wissenschaftliche Datenlage zur Risikobewertung der Isoflavone ist unzureichend und uneinheitlich.

Das liegt daran, dass die Präparate, die Isoflavone enthalten, von sehr unterschiedlichen Materialien ausgehen, ganz unterschiedlich hergestellt werden und damit in ihrer Zusammensetzung sehr verschieden sind. Ihre Vergleichbarkeit wird dadurch, und auch weil die empfohlenen Tagesverzehrsmengen uneinheitlich sind, erschwert. So ist beispielsweise unklar, ob Isoflavone in Sojalebensmitteln, in denen sie natürlicherweise vorkommen, genauso wirken wie in "künstlichen" Präparaten, für die sie isoliert und angereichert wurden. Auch sind die klinischen Daten zur Wirksamkeit bei vasomotorischen Symptomen uneinheitlich und wenig überzeugend. Wenig weiß man, ob Isoflavone verträglich sind, wenn sie in höheren Dosen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden, ob sie unerwünschte estrogenähnliche Wirkungen zeigen und eventuell sogar an Tumorenbildung beteiligt sein könnten. Eine gesundheitliche Unbedenklichkeit kann Isoflavonpräparaten also derzeit nicht bescheinigt werden.

Die aus Rotklee gewonnenen Isoflavone bestehen hauptsächlich aus fünf chemisch leicht voneinander abweichenden Substanzen, die im menschlichen Körper unterschiedlich abgebaut oder verändert (metabolisiert) werden, damit also unterschiedlich biologisch verfügbar sind, und unterschiedliche estrogene Aktivitäten entfalten. Die Bioverfügbarkeit ist bei Isoflavonen wie bei allen Substanzen auch davon abhängig, wie diese durch den Körper transportiert werden, also an welche Proteine sie dabei binden. Das alles sind noch ungelöste Fragen.

Nahrungsergänzungsmittel gehören in den Grenzbereich zwischen Lebensmitteln und Arzneimitteln. Einen weiteren Grenzbereich gibt es zwischen Kosmetika und Arzneimitteln. Diese Grenzprodukte, auch als Borderlineprodukte bezeichnet, werden heute nicht nur über den Einzelhandel, sondern zunehmend im Internet angeboten. Derzeit kann die amtliche Lebensmittelüberwachung den Internethandel aber noch nicht effizient kontrollieren. Das baden-württembergische Ministerium für Ernährung und den Ländlichen Raum initiierte daher ein Projekt, mit dem erste Erkenntnisse über den Internethandel gewonnen und Problembereiche identifiziert werden sollen. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt in Karlsruhe hat dazu in einer Pilot-Studie das Angebot von Anti-Aging-Produkten und Schlankheitsmitteln untersucht. Die im Herbst 2007 erhobenen Daten wurden in einer Datenbank erfasst und statistisch ausgewertet. Über 200 Anti-Aging-Produkte wurden im Internet gefunden, ein Drittel davon als Nahrungsergänzungsmittel, zwei Drittel als kosmetische Mittel. Fast 40 Prozent der Produkte sind im regulären Handel nicht erhältlich. 371 Produkte wurden als Schlankheitsmittel identifiziert, 88 Prozent davon als Nahrungsergänzungsmittel deklariert.

Nur ein Drittel der kosmetischen Mittel konnten als unbedenklich eingestuft werden. Bei den übrigen Produkten gab es Zweifel an der Sicherheitsbewertung oder lagen irreführende Werbeaussagen vor. Auch bei den Nahrungsergänzungsmitteln wurde nur ein Drittel als verkehrsfähiges Lebensmittel eingestuft, bei einem Viertel der Produkte wurden arzneiliche Wirkstoffe festgestellt. Weiter Verstöße bei den Nahrungsergänzungsmitteln waren irreführende Werbeaussagen, nicht zugelassene, den Zusatzstoffen gleichgestellte Stoffe sowie als "Novel Food" eingestufte Zutaten.

Der Internethandel mit Borderlineprodukten ist besonders problematisch wegen der vielen Verstöße gegen das Lebensmittelrecht. Es müssen dringend Strukturen geschaffen werden, die den Verbraucherschutz in diesem Marktsegment sicherstellen.

Die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) gehört mit über 28.000 Mitgliedern zu den größten chemiewissenschaftlichen Gesellschaften weltweit. Die größte von insgesamt 25 Fachgruppen und Sektionen in der GDCh ist die Lebensmittelchemische Gesellschaft mit über 2.700 Mitgliedern. In ihr arbeiten Lebensmittelchemiker aus Überwachung und Behörden, Lebensmittelindustrie, Forschung, freiberuflicher oder anderer Tätigkeit gemeinschaftlich in allen Fragen zusammen, die die Chemie, Qualität und Sicherheit der Lebensmittel betreffen.

Dr. Renate Hoer | idw
Weitere Informationen:
http://www.gdch.de

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