Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nährstoffabbau in der Ostsee dauert noch Jahrhunderte

28.07.2010
Meeresbiologie-Forschung an der Uni Rostock

Der Rostocker Biologe Ronny Marquardt (31) genießt gerne ein Bad in der Ostsee. Doch zu ihr hat er auch ein ganz besonderes Verhältnis. Der Doktorand des Instituts für Biowissenschaften der Universität Rostock untersucht mit seinen Kollegen, wie die Ostsee sich seit der Industrialisierung um 1850 verändert hat.

„Viele Nährstoffe sind durch Dünger und kommunale Abwässer in die Ostsee eingeleitet worden. Das hat dazu geführt, dass vor allem in den Küstengewässern die Wasserpflanzen zurückgegangen sind und die Algenbildung zugenommen hat“, sagt Marquardt. Jetzt sollen Gegenstrategien gefunden werden. Dabei spielen die Armleuchteralgen (Characeen) als Gewässerreiniger eine herausragende Rolle. Die Nährstoffablagerungen in der Ostsee deutlich zu reduzieren, wird aber noch Jahrhunderte dauern.

„Die Nährstoffbelastung in den Küstengewässern ist heute deutlich höher als vor 150 Jahren“, sagt der Rostocker Biologe. Um 1900 habe man etwa 20 Meter in die Tiefe blicken können. Heute ist das nur bis zu einer Tiefe zwischen zwei und fünf Meter möglich. In den Küstengewässern ist die Situation noch dramatischer. Als Vorfluter für die Ostsee sind sie besonders stark verunreinigt. Der Wissenschaftler stellt aber klar: „die Badewasserqualität hat nichts mit dem Gewässerzustand zu tun“. Sie werde durch sogenannte coliforme Bakterien bestimmt, die für Menschen schädlich sein können. Und noch eine Entwarnung vom Biologen. „Mit Ausnahme der Blaualgen (Cyanobakterien) sind die meisten Algen ungefährlich.“

Die EU-Wasserrahmenrichtlinie schreibt vor, dass sich bis 2015 alle Gewässer vom kleinen Teich bis zum Meer in einem guten Zustand befinden sollen. Seit 1990 werden nicht mehr soviel belastete Abwässer in die Ostsee eingeleitet. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ermitteln die Rostocker Wissenschaftler den Ist-Zustand der Ostsee und vergleichen ihn mit dem Zustand vor 150 Jahren. In Zingst betreibt die Universität Rostock eine biologische Station, an der seit mehr als 30 Jahren täglich die Boddengewässer analysiert werden. „Wir haben das Problem, dass die Nährstoffe jahrzehntelang ins Sediment eingelagert wurden“, sagt Marquardt. „Nach unseren Erkenntnissen wird es noch Jahrhunderte dauern, bis diese Nährstoffe abgebaut sind.“

Was ist zu tun? Ausbaggern hilft kaum etwas. Es gibt aber Bemühungen, das Wachstum von Wasserpflanzen in Gang zu bringen. Dadurch kann die Algenbildung reduziert werden. Von besonderem Interesse sind hier die Armleuchteralgen (Characeen), die wie kleine Tannenbäume unter Wasser aussehen. Die in den vergangenen Jahrzehnten in die Boddengewässer eingetragenen Nährstoffe sind für die Kleinalgen zum Teil sehr gut verfügbar, werden sehr schnell umgesetzt und auch sehr schnell wieder freigesetzt. Der Nährstoffpool wird so zu großen Teilen recycelt. Dies wird durch die spezifischen Bedingungen in den Küstengewässern begünstigt, die häufig sehr flach sind, sich dadurch schnell erwärmen können und nur geringe Wasseraustauschraten mit der Ostsee aufweisen.

In seiner Promotion beschäftigt sich Marquardt mit der Aquakultur von Großalgen. So wurden Untersuchungen zur Kultivierung von Großalgen für die Nutzung als Nahrungsmittel und Zusatzstofflieferant für Medizin und Industrie (zum Beispiel als Geliermittel) durchgeführt. Gegenstand der Forschung ist auch, unter welchen Bedingungen Algen in der Lage sind, Schwermetalle wie Arsen und Uran zu binden und so verschmutzte Abwässer aus dem Bergbau zu reinigen. „Es gibt Bestrebungen, kommerziell genutzte Algen dem nährstoffreichen Abwasser von Fisch-Aquakulturanlagen auszusetzen, um die Belastung für die Gewässer zu reduzieren“, sagt der Doktorand. „Das ist vergleichbar mit einer Pflanzenkläranlage.“

Kontakt:
Universität Rostock
Presse+Kommunikation
Dr. Ulrich Vetter
Telefon: +49 (0)381 498 1013
E-Mail: ulrich.vetter@uni-rostock.de
Dipl. Biol. Ronny Marquardt
University of Rostock
Biosciences
Aquatic Ecology
Telefon: +49-(0)381-498 6075
E-Mail: ronny.marquardt@uni-rostock.de

Dr. Ulrich Vetter | Universität Rostock
Weitere Informationen:
http://www.uni-rostock.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten
08.12.2016 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Herz-Bindegewebe unter Strom
08.12.2016 | Universitäts-Herzzentrum Freiburg - Bad Krozingen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops