Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mysteriöses Pferd ist ein Esel / Skelettfunde in Pompeji: Forscher klären Irrtum auf

15.11.2010
Seit in Pompeji die Überreste einer scheinbar unbekannten Pferderasse ausgegraben wurden, rätseln Wissenschaftler über diesen Fund. Nun haben Forscher aus Cambridge und Münster das Rätsel gelöst: Bei dem Pferd handelt es sich in Wahrheit um einen Esel.

Nach DNA-Untersuchungen eines Skelettes, das im Jahre 2004 in den Überresten eines antiken römischen Hauses gefunden wurde, gingen italienische Wissenschaftler davon aus, dass sie eine unbekannte beziehungsweise inzwischen ausgestorbene Pferderasse entdeckt hatten.

Bei dieser Untersuchung sei ein Fehler passiert, sagt nun das Team aus Wissenschaftlern der Universität Cambridge, des münsterschen Instituts für Forensische Genetik und der Universität Münster. Ihre Argumente sind in einem Brief an den Herausgeber in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift "Journal of Cellular Biochemistry" veröffentlicht. Offensichtlich habe sich Esel-DNA mit Pferde-DNA vermischt, sodass eine künstliche Hybrid-DNA entstanden sei.

In der ursprünglichen Studie wurden fünf Skelette aus der Familie der Pferdeartigen analysiert, zu der Pferde, Esel und Zebras gehören. Die Skelette waren in den Überresten eines Haushaltes in der antiken römischen Stadt Pompeji ausgegraben worden: in den Ställen des "Casa dei Casti Amanti" (Haus der keuschen Liebenden). Das bekannte Gebäude ist nach seinen Wandfresken benannt, die romantische Szenen darstellen. Hausherr war vermutlich Caius Iulius Polybius, ein wohlhabender Politiker und Bäcker - Letzteres leiten Archäologen daraus ab, dass in dem Haus ein offener Backofen und vier Mahlsteine gefunden wurden. Die Pferdeskelette waren durch eine Schicht vulkanischer Asche konserviert, die Pompeji und die nahegelegene Siedlung Herculaneum bei dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus unter sich begraben hatte.

Das Forscherteam, das die ursprüngliche Studie durchgeführt hat, untersuchte die 2000 Jahre alte mitochondriale DNA der Pferde - also DNA, die nicht aus dem Zellkern, sondern aus den "Energiekraftwerken" (Mitochondrien) der Zellen stammt. Vier DNA-Typen waren leicht zuzuordnen - sie stimmten mit typischem mitochondrialen Pferde-Erbgut überein. Das fünfte Pferd jedoch schien eine zwar pferdeähnliche, aber doch unbekannte DNA zu besitzen. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass es sich um eine bislang nicht bekannte - vermutlich ausgestorbene - Pferderasse handele.

Susan Gurney, Doktorandin am Institut für Tierphysiologie der Universität Münster und Mitarbeiterin des Instituts für Forensische Genetik sowie der Universität Cambridge, schaute sich die Daten nun noch einmal genauer an. Dabei kam die Expertin für Pferdeevolution zu dem Schluss, dass bei der ersten Untersuchung ein Fehler passiert war. Offensichtlich war die mitochondriale DNA eines Pferdes mit mitochondrialer DNA eines Esels in Berührung gekommen, sodass sich eine Hybrid-DNA gebildet hat, die scheinbar einer unbekannten Pferderasse entstammte. Susan Gurney zeigte, dass die ersten 177 Bausteine (Nukleotide) des DNA-Stranges mit der Nukleotidabfolge von Esel-Erbgut übereinstimmen. Die übrigen 193 Nukleotide stimmen mit Pferde-DNA überein. "Es war leicht zu erkennen, dass es sich ursprünglich um zwei separate DNA-Stränge gehandelt haben muss", sagt sie. "Der Fehler könnte schon bei der Ausgrabung passiert sein - vielleicht ist dabei DNA von einem Skelett auf ein anderes übertragen worden. Möglicherweise ist der Fehler aber auch durch eine Unachtsamkeit im Labor entstanden oder erst hinterher bei der Datenanalyse am Computer. "

Zwar konnten die Wissenschaftler den Fund einer neuen Pferderasse nicht bestätigen. Spannend sei das Ergebnis dennoch, sagen sie. Wenn die Esel-DNA tatsächlich von dem antiken Skelett stammt, dann belege dies erstmals, dass bereits im antiken Pompeji die Stammform des heute typischerweise in Italien vorkommenden Hausesels gehalten wurde. Diese Zuchtlinie stammt von somalischen Wildeseln ab. In anderen europäischen Ländern dagegen werden Esel gehalten, die auf nubische Wildesel zurückgehen. Die antike Esel-DNA ermöglicht den Forschern neue Einblicke in die Geschichte der Eselzucht.

An der Studie beteiligt war neben Susan Gurney von der britischen Universität Cambridge, die derzeit am Institut für Tierphysiologie unter der Leitung von Prof. Dr. Wolf-Michael Weber promoviert, auch Dr. Peter Forster. Peter Forster ist Wissenschaftler am münsterschen Institut für Forensische Genetik, das von WWU-Emeritus Prof. Dr. med. Dr. h. c. Bernd Brinkmann geleitet wird.

Literatur:

Susan M. R. Gurney (2010): Revisiting ancient mtDNA equid sequences from Pompeii. Journal of Cellular Biochemistry (Accepted manuscript online); DOI: 10.1002/jcb.22914

Dr. Christina Heimken | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenster.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Reize auf dem Weg ins Bewusstsein versickern
22.09.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lebendiges Gewebe aus dem Drucker
22.09.2017 | Universitätsklinikum Freiburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie