Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mysteriöse Schneckenreise

08.12.2009
Die Arttrennung der Landschnecke Tudorella hängt mit einer Kontineltalverschiebung vor 30 Millionen Jahren zusammen. Das haben Frankfurter Biologen in einer internationalen Kooperation nachgewiesen.

Schon Charles Darwin überlegte, wie Tiere und Pflanzen sich über die Erde ausgebreitet haben. Die Besiedlung von Inseln erklärte er etwa über den Transport von Pflanzensamen in Vogelmägen, mit dem Wind oder auf Treibholz.

Doch für Lebewesen wie die Landschnecke Tudorella ist diese Erklärung nicht einleuchtend, denn sie lebt die meiste Zeit tief vergraben unter der Erde und wird nur bei feuchtem Wetter aktiv. Da die Schnecke aber sowohl in Südeuropa als auch in Nordafrika anzutreffen ist, fragt sich, wie sie das Mittelmeer hat überqueren können.

Privatdozent Markus Pfenninger vom LOEWE Forschungszentrum "Biodiversität und Klima" an der Goethe-Universität konnte nun im Rahmen einer internationalen Kooperation nachweisen, dass die Kontinentalverschiebung dafür verantwortlich ist: Als vor 30 Millionen Jahren Teile der europäischen Platte abbrachen, reisten die Urahnen der heutigen Schnecken Richtung Afrika.

"Aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten lässt sich ausschließen, dass die Schnecke aktiv und selbständig das Mittelmeer überquerte", so Pfenninger, "und auch eine Verschleppung durch andere Tiere ist unwahrscheinlich". Daraus schloss er, dass die Arttrennung zu einem Zeitpunkt stattfand, als die Landverbindung zwischen den damaligen Verbreitungsgebieten aufbrach. Dies war in der Erdgeschichte mehrmals der Fall. Vor ungefähr 30 Millionen Jahren löste sich eine Platte vom europäischen Festland, zerbrach in mehrere Teile und kam schließlich mit Afrika und den Mittelmeer-Inseln in Kontakt. Eine weitere Gelegenheit zur Artbildung gab es dann vor rund fünf Millionen Jahren, als das Mittelmeer für einige zehntausend Jahre vollständig trocken fiel. Zu dieser Zeit existierten Landbrücken zwischen den Kontinenten und Inseln. Auch durch diesen Prozess könnte sich die Gattung ausgebreitet und dann in Arten aufgespalten haben.

Um herauszufinden, welcher geologische Prozess für die Arttrennung verantwortlich war, suchten die Forscher nach dem letzten gemeinsamen Vorfahren der Schneckenarten. Zunächst konstruierten sie anhand der DNA einen Stammbaum der Arten bis zu dem Vorfahren, der die "Wanderung" angetreten haben musste. Um dessen ungefähren Lebenszeitraum zu ermitteln, bedienten sich die Wissenschaftler der "Molekularen Uhr". Ausgehend von der Annahme, dass Mutationen in ungefähr gleichen zeitlichen Abständen stattfinden, kann die Zahl der Mutationen Auskunft über die verstrichene Zeit geben. Aus den DNA-Unterschieden der getrennt lebenden Schneckenarten ist demnach rekonstruierbar, wann eine Arttrennung stattgefunden haben muss. Tatsächlich lebte der gemeinsame Urahn der heutigen afrikanischen und europäischen Tudorella Arten vor rund 30 Millionen Jahren, als der erste Kontinentaldrift begann.

"Wir konnten damit zeigen, dass sich die ungewöhnliche Verteilung der Tudorella nicht durch biologische, sondern durch geologische Prozesse erklären lässt", erklärt Markus Pfenninger. "Diese Erkenntnis trägt dazu bei, die Verteilung von Arten besser zu verstehen und erklärt nebenbei das Phänomen, warum Nordafrikas Fauna und Flora mit Europa stärker verwandt ist als mit dem Rest Afrikas."

Publikation: Pfenninger, M., Vela, E., Jesse, R., Arantzazu Elejalde, M., Liberto, F., Magnin, F. & A. Martinez-Ortia: Temporal speciation pattern in the western Mediterranean genus / Tudorella/ P. Fischer, 1885 (Gastropoda, Pomatiidae) supports the Tyrrhenian vicariance hypothesis. - Molecular Phylogenetics and Evolution: doi:10.1016/j.ympev.2009.09.024

Informationen: Privatdozent Markus Pfenninger, LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), Bio-Campus Siesmayerstraße, Tel: (069) 798 - 24714; pfenninger@bio.uni-frankfurt.de, www.bik-f.de.

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht derzeit für rund 600 Millionen Euro der schönste Campus Deutschlands. Mit über 50 seit 2000 eingeworbenen Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Universität den deutschen Spitzenplatz ein. In drei Forschungsrankings des CHE in Folge und in der Exzellenzinitiative zeigte sie sich als eine der forschungsstärksten Hochschulen.

Herausgeber: Der Präsident
Abteilung Marketing und Kommunikation, Postfach 11 19 32,
60054 Frankfurt am Main
Redaktion: Dr. Anne Hardy, Referentin für Wissenschaftskommunikation
Telefon (069) 798 - 2 92 28, Telefax (069) 798 - 2 85 30,
E-Mail hardy@pvw.uni-frankfurt.de

Dr. Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Geteiltes Denken ist doppeltes Denken
19.01.2017 | Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH)

nachricht Neue CRISPR-Methode enthüllt Genregulation einzelner Zellen
19.01.2017 | CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Flashmob der Moleküle

19.01.2017 | Physik Astronomie

Tollwutviren zeigen Verschaltungen im gläsernen Gehirn

19.01.2017 | Medizin Gesundheit

Fraunhofer-Institute entwickeln zerstörungsfreie Qualitätsprüfung für Hybridgussbauteile

19.01.2017 | Verfahrenstechnologie