Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Multiple Sklerose: T-Zellen als Serienkiller

12.10.2009
Durch fehlgeleitete Aktivitäten schädigt das Immunsystem bei Multipler Sklerose auch die Nervenzellen selbst. Das passiert regelhaft beim gezielten Angriff des Immunsystems auf die Umhüllung der Nervenzellen, wie Forscher aus Würzburg und Zürich erstmals experimentell nachgewiesen haben.

Entzündungen im zentralen Nervensystem können von Viren oder vom Immunsystem ausgelöst werden; letzteres ist zum Beispiel bei der Multiplen Sklerose der Fall. Drastisch sind die Folgen: Es sterben diejenigen Zellen, die eine isolierende Hülle um die Nervenfasern herum aufbauen und intakt halten. Die Hüllen gehen ebenso verloren, und oft sterben schließlich auch die Nervenzellen selbst.

"Bei Multipler Sklerose zum Beispiel nimmt man an, dass nicht nur der Verlust der Myelinhüllen, sondern vor allem der Tod der Nervenzellen entscheidend für die bleibenden Behinderungen ist, mit denen viele Patienten zu kämpfen haben", sagt Professor Heinz Wiendl von der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg. Das seien Behinderungen wie Lähmungen oder eine eingeschränkte Sehfähigkeit.

Zwei Arbeitsgruppen haben nun zeitgleich erstmals beschrieben, dass bestimmte T-Zellen des Immunsystems nicht nur die myelinbildenden Zellen direkt beeinträchtigen, sondern auch "Kollateralschäden" bei Nervenzellen oder deren Fortsätzen hervorrufen. Veröffentlicht sind die Arbeiten in den Fachblättern Glia und American Journal of Pathology.

T-Zellen: Indirekter Effekt lässt Nervenzellen sterben

Wiendls Team aus der Neurologie der Universität Würzburg ist das in Hirngewebekulturen gelungen: T-Zellen, die ausschließlich eine bestimmte Struktur auf der Oberfläche der myelinbildenden Zellen attackieren, verursachten innerhalb weniger Stunden auch einen signifikanten Untergang von Nervenzellen. Wie dieser indirekte Effekt zu Stande kommen könnte, erklärt der Würzburger Forscher Sven Meuth: "Möglicherweise setzen die T-Zellen lösliche Faktoren frei, wie Perforin oder Granzym-B, die dann zu den Nervenzellen wandern und sie schädigen."

Mord in Serie: Jede T-Zelle schlägt vielfach zu

Geradezu wie Serienkiller gehen die aggressiven T-Zellen dabei vor: "Eine einzige davon kann bis zu 30 myelinbildende Zellen und gleichzeitig bis zu zehn Nervenzellen töten", sagt Heinz Wiendl.

Diese T-Zellen schneiden die Fortsätze von Nervenzellen regelrecht durch. Das konnte das Team von Professor Norbert Goebels von der Universität Zürich (jetzt Düsseldorf) in einem ähnlichen experimentellen Ansatz mit Videoanalysen belegen.

Möglicher Angriffspunkt für neue Therapien

"Diese Ergebnisse helfen uns, die Entstehung von akuten und chronischen Schäden bei Entzündungen des zentralen Nervensystems besser zu verstehen", erläutert Professor Wiendl. Auch die Patienten profitieren in der Zukunft möglicherweise von den Erkenntnissen - schließlich eignen sich die aggressiven T-Zellen als Angriffspunkt für neue Therapien. Darum wollen die Würzburger Wissenschaftler noch möglichst viel Neues über die Serienkiller herausfinden.

Multiple Sklerose: die Krankheit

Weltweit sind schätzungsweise 2,5 Millionen Menschen von der Multiplen Sklerose (MS) betroffen. In Deutschland leben nach aktuellen Hochrechnungen etwa 122.000 MS-Erkrankte. Hier werden pro Jahr rund 2.500 Fälle neu diagnostiziert; Frauen erkranken fast doppelt so häufig wie Männer.

Bei MS greift die Immunabwehr fälschlicherweise das eigene Nervensystem an. Die Erkrankung beginnt meist im frühen Erwachsenenalter und verläuft schubweise. Die Betroffenen spüren zu Beginn häufig ein Kribbeln in Armen und Beinen, stolpern vermehrt oder bekommen Schwierigkeiten beim Sehen. In schweren Fällen leiden sie später unter gravierenden Behinderungen; manche sind dann auf einen Rollstuhl angewiesen.

Heilbar ist die Multiple Sklerose bislang nicht; die Medizin kann aber die Symptome lindern und die Lebensqualität der Patienten verbessern. An der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg werden mehr als 2000 MS-Patienten betreut.

Publikationen in Glia und American Journal of Pathology

"Collateral neuronal apoptosis in CNS gray matter during an oligodendrocyte-directed CD8(+) T cell attack", Göbel K, Melzer N, Herrmann AM, Schuhmann MK, Bittner S, Ip CW, Hünig T, Meuth SG, Wiendl H, Glia 2009, online publiziert am 24. September

"Collateral bystander damage by myelin-directed CD8+ T cells causes axonal loss", Sobottka B, Harrer MD, Ziegler U, Fischer K, Wiendl H, Hünig T, Becher B, Goebels N, American Journal of Pathology 2009; 175(3):1160-6, online publiziert am 21. August

"CD8+ T cells and neuronal damage: direct and collateral mechanisms of cytotoxicity and impaired electrical excitability", Melzer N, Meuth SG, Wiendl H, FASEB Journal 2009, online publiziert am 30. Juni

Kontakt

Prof. Dr. Heinz Wiendl, Neurologische Klinik der Universität Würzburg, T (0931) 201-23755, heinz.wiendl@klinik.uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Norbert Goebels, Neurologische Klinik der Universität Düsseldorf, norbert.goebels@uni-duesseldorf.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duesseldorf.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen
20.11.2017 | Technische Universität München

nachricht Satellitenbilder zur Erfassung von Biodiversität nur bedingt tauglich
20.11.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie