Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein Moos für sauberes Wasser - Abwasserreinigung mit dem PhyscoFilter

25.09.2013
Sauberes Wasser ist ein Menschenrecht – jedoch sind weltweit noch rund 780 Millionen Menschen von dieser Ressource abgeschnitten.

In den Schwellenländern schreitet die Industrialisierung schnell voran: Ungeklärte Abwässer verunreinigen dort das Trinkwasser. Doch auch Kläranlagen filtern längst nicht alle Rückstände heraus.

Das gilt für Pestizide, Medikamente und Hormone. Mit diesen „ungeklärten Fällen“ beschäftigen sich jetzt junge Forscherinnen und Forscher an der Technischen Universität München (TUM). Sie wollen eine verbreitete Moospflanze genetisch verändern – und sie zur kostengünstigen Minikläranlage für Arzneimittelbestandteile und Chemikalien machen.

Das Moos-Projekt ist der diesjährige Beitrag von TUM-Studierenden am internationalen iGEM-Wettbewerb (http://igem.org/About) für Synthetische Biologie, der 2013 zum neunten Mal am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ausgetragen wird. Ziel des Wettbewerbs: Organismen sollen gentechnisch modifiziert werden – und mit neuen Eigenschaften einen Mehrwert für die Gesellschaft schaffen.

Abbauen und filtern: Wie wird das Wasser Chemikalien-frei?

Für ihre Experimente verwenden die Studierenden das Kleine Blasenmützenmoos (Physcomitrella patens). Um damit Schadstoffe aus dem Wasser zu entfernen, erprobt das iGEM-Team zwei Ansätze: „Zum einen wollen wir das Moos dazu bringen, gefährliche Substanzen zu harmlosen Stoffen abzubauen (Biodegradation); zum anderen soll es biologisch nicht-abbaubare Substanzen binden und so als Filter arbeiten (Bioakkumulation)“, erklärt Katrin Fischer. Sie studiert im 5. Semester Biochemie.

Für diese beiden Verfahren schleusen die Forscherinnen und Forscher selbst entworfene DNA-Bausteine in das Erbmaterial des Mooses ein. Diese kodieren für Proteine, die Chemikalien aufspalten oder die Schadstoffe binden. Damit ist das Moos unter anderem in der Lage, die weitverbreitete Gruppe der Makrolid-Antibiotika und Hormone aus der Antibabypille abzubauen. Außerdem bindet das Moos das Insektizid DDT. Diese Stoffgruppen können in herkömmlichen Kläranlagen nur unzureichend abgebaut werden.

Sicheres Moos durch genetischen Schalter

„Das Moos Physcomitrella patens ist auch in der Natur ein wichtiger Wasserfilter – und damit der ideale Organismus für unser Projekt“, sagt Fischer. Obwohl die Studenten in ihrem Projekt lediglich zeigen wollen, dass ein Moosfilter funktionieren kann, haben sie den möglichen Einsatz in der Praxis im Blick.

Damit das modifizierte Moos keinesfalls unkontrolliert ins Freiland gelangt, haben die Studierenden eine ebenso simple wie effektive Lösung gefunden: Sie verwenden Moos, das aufgrund einer Mutation keine reifen Sporen bilden kann und bauen zusätzlich einen Selbstzerstörungs-Mechanismus in die Pflanze ein.

„Dieser biologische Schalter reagiert sensibel auf Licht im roten Wellenlängenbereich“, erklärt Jeffery Truong, Masterstudent der Molekularen Biotechnologie und Entwickler des Filters.

„Man könnte dann einen Filter für das Sonnenlicht verwenden, der den Rotlichtanteil gezielt entfernt. Wenn die Pflanze versehentlich freigesetzt wird, ist sie dem Sonnenlicht ausgesetzt, das Licht aller Wellenlängen enthält – das heißt, sie kann nicht überleben.“

Außerdem testet das Team, ob sich der „PhyscoFilter“ in der industriellen Abwasseraufbereitung einsetzen lässt. Dafür haben die Studierenden bereits einen Prototyp entwickelt. Und mit einer Machbarkeitsstudie überprüfen sie, wie aus der vielversprechenden Idee eine unternehmerische Anwendung werden kann.

Der Weg ins Finale

Mit ihrem PhyscoFilter hoffen die TUM-Studierenden auf die Teilnahme im Finale, das vom 1. bis 3. November 2013 in Boston ausgetragen wird. Davor müssen sie jedoch noch eine Hürde nehmen – den europäischen Vorentscheid in Lyon vom 11. bis 13. Oktober 2013. Insgesamt nehmen in diesem Jahr 223 Teams aus der ganzen Welt teil.

Das TUM-iGEM-Team 2013 hat elf Mitglieder, die meisten kommen aus den Studiengängen Biochemie und Molekulare Biotechnologie. Verstärkt wird das Team mit Studierenden der Mathematik und Maschinenbauwesen. Die Jungforscherinnen und -forscher rechnen sich gute Chancen aus – ihr Thema ist nicht nur technisch anspruchsvoll, wie Truong klarstellt:

„Wasser ist unsere wichtigste Lebensgrundlage. Doch die zunehmende Verbreitung von Chemikalien bedroht viele Ökosysteme und die Artenvielfalt. Mit unserem Projekt wollen wir einen Beitrag leisten, diese wertvolle Ressource zu schützen."

Pressemitteilung im Web:
http://www.wzw.tum.de/index.php?id=185&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=573
Bildmaterial:
http://mediatum.ub.tum.de/node;albpnq-0jyda5-dp8ny1?cfold=1174219&dir=1174219
Webseite des iGEM-Teams:
http://2013.igem.org/Team:TU-Munich
Kontakt:
Prof. Dr. Arne Skerra
Technische Universität München
Lehrstuhl für biologische Chemie
T: +49.8161.71-4351
E: skerra@tum.de
W: http://www.wzw.tum.de/bc
Die Technische Universität München (TUM) ist mit rund 500 Professorinnen und Professoren, 9.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 32.000 Studierenden eine der führenden technischen Universitäten Europas. Ihre Schwerpunktfelder sind die Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Lebenswissenschaften, Medizin und Wirtschaftswissenschaften. Nach zahlreichen Auszeichnungen wurde sie 2006 und 2012 vom Wissenschaftsrat und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Exzellenzuniversität gewählt. In nationalen und internationalen Vergleichsstudien rangiert die TUM jeweils unter den besten Universitäten Deutschlands. Die TUM ist dem Leitbild einer forschungsstarken, unternehmerischen Universität verpflichtet. Weltweit ist die TUM mit einem Campus in Singapur sowie Niederlassungen in Peking (China), Brüssel (Belgien), Kairo (Ägypten), Mumbai (Indien) und São Paulo (Brasilien) vertreten.

Prof. Dr. Arne Skerra | Technische Universität München
Weitere Informationen:
http://www.tum.de
http://igem.org/About

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zellen auf Wanderschaft: Falten in der Zellmembran liefern Material für nötige Auswölbungen
23.11.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Neues Verfahren zum Nachweis eines Tumormarkers in bösartigen Lymphomen
23.11.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Seminar „Leichtbau im Automobil- und Maschinenbau“ im Haus der Technik Berlin am 16. - 17. Januar 2018

23.11.2017 | Seminare Workshops

Biohausbau-Unternehmen Baufritz erhält von „ Capital“ die Auszeichnung „Beste Ausbilder Deutschlands“

23.11.2017 | Unternehmensmeldung