Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Migration: Viele Wege führen nach Asien

23.09.2011
Moderne Menschen könnten Asien anders als bislang angenommen in mehr als einer Migrationswelle besiedelt haben

Der Fund war eine wissenschaftliche Sensation: 2008 gruben russische Archäologen die Überreste eines ausgestorbenen Urmenschen in der Denisova-Höhle im südlichen Sibirien aus. Die Sequenzierung des Kerngenoms, das einem mehr als 30.000 Jahre alten Fingerknochen entnommen wurde, ergab, dass der Denisova-Mensch weder Neandertaler noch moderner Mensch war, sondern eine neue Homininenform. Geringste Spuren des Denisova-Erbgutes finden sich auch heute noch in einigen lebenden Individuen. Die DNA-Vergleiche von modernen Menschen und Urmenschen geben jetzt neue Hinweise darauf, wie menschliche Populationen vor mehr als 44.000 Jahren Asien besiedelten. (American Journal of Human Genetic, 22. September 2011)


Die Kreisdiagramme zeigen, wie viel uraltes Denisova-Erbgut – prozentual zu der Menge, die man bei den Bewohnern von Neuguinea fand – in den aufgeführten Populationen nachgewiesen werden konnte. Denisova-Gene findet man nur im östlichen Südostasien und Ozeanien; sie sind nicht nachweisbar bei Populationen, die auf dem asiatischen Festland leben. David Reich


3D-Abbild des Fingerglieds eines Denisova-Menschen. Blau gekennzeichnet ist das Gelenk, der Rest des Knochens ist in Grün dargestellt.
MPI für evolutionäre Anthropologie

Der Denisova-Mensch hat Erbgut nicht nur an heute lebende Populationen auf Neuguinea sondern auch an australische Ureinwohner und philippinische Populationen weitergegeben, fanden Wissenschaftler von der Harvard Medical School in Boston (USA), und vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie heraus. David Reich, Professor für Genetik an der Harvard Medical School: „Die Denisova-DNA ist vergleichbar mit einem medizinischen Kontrastmittel, das die Blutgefäße einer Person sichtbar macht. Sie hat einen so hohen Wiedererkennungswert, dass man sogar geringe Mengen in einem Individuum nachweisen kann. So konnten wir Denisova-DNA in menschlichen Migrationen aufspüren.“ Im Gegensatz zu bisherigen Erkenntnissen hat der moderne Mensch Asien möglicherweise in mindestens zwei Migrationswellen besiedelt. Nach David Reich entsprangen der ersten Migrationswelle Ureinwohnerpopulationen, die heute noch in Südostasien und Ozeanien leben. Spätere Wanderungen bildeten Populationen in Ostasiaten aus, die mit der heute in Südostasien lebenden Bevölkerung verwandt sind.

Denisova-Menschen waren demnach über ein außergewöhnlich großes ökologisches und geographisches Gebiet verbreitet, das von Sibirien bis ins tropische Südostasien reichte. „Die Tatsache, dass Denisova-DNA in einigen aber nicht in anderen heute lebenden Ureinwohnerpopulationen Südostasiens nachweisbar ist, zeigt, dass es vor mehr als 44.000 Jahren zahlreiche Populationen mit oder ohne Denisova-DNA gegeben hat“, sagt Mark Stoneking, Professor für Populationsgenetik am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und leitender Autor der Studie. „Das Vorhandensein von Denisova-Erbgut in einigen aber nicht in allen Gruppen kann am einfachsten dadurch erklärt werden, dass Denisova-Menschen selbst in Südostasien gelebt haben.“ Bereits im Dezember 2010 hatte Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in der Fachzeitschrift Nature berichtet, dass Denisova-Menschen Gene zu heute lebenden menschlichen Populationen auf Neuguinea beitragen haben.

Die neue Studie, die von Mark Stoneking – einem Experten auf dem Gebiet menschlicher genetischer Variation in Südostasien und Ozeanien – ins Leben gerufen wurde, erforscht nun, welchen genetischen Fußabdruck der Denisova-Mensch in uns hinterlassen hat. Die Wissenschaftler analysierten das Erbgut von 33 heute lebenden Populationen aus Südostasien und Ozeanien, darunter von Menschen aus Borneo, Fidschi, Indonesien, Malaysia, Australien, Philippinen, Papua Neuguinea und Polynesien. Einige dieser Daten existierten bereits, andere wurden im Zusammenhang mit der aktuellen Studie zusätzlich erhoben.

Die Analyse der Forscher zeigt, dass der Denisova-Mensch mit seinem Erbgut nicht nur zu heute lebenden Menschen aus Neuguinea sondern auch zu australischen Ureinwohnern, der philippinischen „Negrito“-Gruppe der Mamanwa und einigen anderen Populationen im östlichen Südostasien und Ozeanien beigetragen hat. Westliche und nordwestliche Gruppen, einschließlich anderer „Negrito“-Gruppen, wie der auf den Andamanen lebenden Onge und der in Malaysia lebenden Jehai, sowie der auf dem Festland lebenden Ostasiaten, vermischten sich hingegen nicht mit den Denisova-Menschen.

Die Forscher schließen daraus, dass Denisova-Menschen sich vor wenigstens 44.000 Jahren mit modernen Menschen vermischten, bevor sich Australier und die Bewohner Neuguineas voneinander trennten. Südostasien hingegen wurde zuerst von modernen Menschen kolonialisiert, die mit heute lebenden Chinesen und Indonesiern nicht verwandt waren. Letztere wanderten erst im Laufe späterer Migrationen zu. Diese als „Südroute“ bezeichnete Hypothese der Besiedlung von Südostasien und Ozeanien konnte zwar bereits durch archäologische Befunde belegt werden, eine starke Unterstützung durch genetische Befunde gab es jedoch bisher nicht.

Wissenschaftler aus den USA, aus Deutschland, Indien, Taiwan, Japan, Malaysia und den Niederlanden trugen zu dieser Studie bei, die von der Max-Planck-Gesellschaft und dem Programm HOMINID der US-amerikanischen National Science Foundation finanziert wurde.

Kontakt:

Mark Stoneking
Abteilung Evolutionäre Genetik
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 9952-502
Fax: +49 341 9952-119
E-Mail: stoneking@eva.mpg.de
Sandra Jacob
Press and Public Relations
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: +49 341 3550-122
Fax: +49 341 3550-119
E-Mail: jacob@eva.mpg.de
David Reich
Department of Genetics
Harvard Medical School
E-Mail: reich@genetics.med.harvard.edu
David Cameron
Press and Public Relations
Harvard Medical School
E-Mail: david_cameron@hms.harvard.edu

Barbara Abrell | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.eva.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Sollbruchstellen im Rückgrat - Bioabbaubare Polymere durch chemische Gasphasenabscheidung
02.12.2016 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht "Fingerabdruck" diffuser Protonen entschlüsselt
02.12.2016 | Universität Leipzig

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Greifswalder Forscher dringen mit superauflösendem Mikroskop in zellulären Mikrokosmos ein

Das Institut für Anatomie und Zellbiologie weiht am Montag, 05.12.2016, mit einem wissenschaftlichen Symposium das erste Superresolution-Mikroskop in Greifswald ein. Das Forschungsmikroskop wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Land Mecklenburg-Vorpommern finanziert. Nun können die Greifswalder Wissenschaftler Strukturen bis zu einer Größe von einigen Millionstel Millimetern mittels Laserlicht sichtbar machen.

Weit über hundert Jahre lang galt die von Ernst Abbe 1873 publizierte Theorie zur Auflösungsgrenze von Lichtmikroskopen als ein in Stein gemeißeltes Gesetz....

Im Focus: Durchbruch in der Diabetesforschung: Pankreaszellen produzieren Insulin durch Malariamedikament

Artemisinine, eine zugelassene Wirkstoffgruppe gegen Malaria, wandelt Glukagon-produzierende Alpha-Zellen der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) in insulinproduzierende Zellen um – genau die Zellen, die bei Typ-1-Diabetes geschädigt sind. Das haben Forscher des CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit mit modernsten Einzelzell-Analysen herausgefunden. Ihre bahnbrechenden Ergebnisse werden in Cell publiziert und liefern eine vielversprechende Grundlage für neue Therapien gegen Typ-1 Diabetes.

Seit einigen Jahren hatten sich Forscher an diesem Kunstgriff versucht, der eine simple und elegante Heilung des Typ-1 Diabetes versprach: Die vom eigenen...

Im Focus: Makromoleküle: Mit Licht zu Präzisionspolymeren

Chemikern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es gelungen, den Aufbau von Präzisionspolymeren durch lichtgetriebene chemische Reaktionen gezielt zu steuern. Das Verfahren ermöglicht die genaue, geplante Platzierung der Kettengliedern, den Monomeren, entlang von Polymerketten einheitlicher Länge. Die präzise aufgebauten Makromoleküle bilden festgelegte Eigenschaften aus und eignen sich möglicherweise als Informationsspeicher oder synthetische Biomoleküle. Über die neuartige Synthesereaktion berichten die Wissenschaftler nun in der Open Access Publikation Nature Communications. (DOI: 10.1038/NCOMMS13672)

Chemische Reaktionen lassen sich durch Einwirken von Licht bei Zimmertemperatur auslösen. Die Forscher am KIT nutzen diesen Effekt, um unter Licht die...

Im Focus: Neuer Sensor: Was im Inneren von Schneelawinen vor sich geht

Ein neuer Radarsensor erlaubt Einblicke in die inneren Vorgänge von Schneelawinen. Entwickelt haben ihn Ingenieure der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um Dr. Christoph Baer und Timo Jaeschke gemeinsam mit Kollegen aus Innsbruck und Davos. Das Messsystem ist bereits an einem Testhang im Wallis installiert, wo das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung im Winter 2016/17 Messungen damit durchführen möchte.

Die erhobenen Daten sollen in Simulationen einfließen, die das komplexe Geschehen im Inneren von Lawinen detailliert nachbilden. „Was genau passiert, wenn sich...

Im Focus: Neuer Rekord an BESSY II: 10 Millionen Ionen erstmals bis auf 7,4 Kelvin gekühlt

Magnetische Grundzustände von Nickel2-Ionen spektroskopisch ermittelt

Ein internationales Team aus Deutschland, Schweden und Japan hat einen neuen Temperaturrekord für sogenannte Quadrupol-Ionenfallen erreicht, in denen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

Die Perspektiven der Genom-Editierung in der Landwirtschaft

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Parkinson-Krankheit und Dystonien: DFG-Forschergruppe eingerichtet

02.12.2016 | Förderungen Preise

Smart Data Transformation – Surfing the Big Wave

02.12.2016 | Studien Analysen

Nach der Befruchtung übernimmt die Eizelle die Führungsrolle

02.12.2016 | Biowissenschaften Chemie