Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Menschenaffen wissen, wenn sie etwas nicht wissen

08.09.2017

Schimpansen und Orang-Utans suchen nach Informationen, um Wissenslücken zu schließen

Sie verlassen das Haus und fragen sich beim Schließen der Tür, ob Sie den Herd ausgeschaltet haben. Die einfache Lösung ist, noch einmal umzukehren und nachzuschauen. Dieses Beispiel veranschaulicht eine wichtige Art des Denkens: Metakognition oder die Fähigkeit, eigene geistige Zustände zu überwachen.


Studienaufbau (a) mit der Barriere, unter der in einem Fall die Werkzeugenden zu sehen sind (b), die Werkzeugenden nicht zu sehen sind (c) oder hinter der sich ein Stück Futter verbirgt (d).

MPI für evolutionäre Anthropologie

Vor dem Umkehren beurteilt der Mensch zunächst, ob er sich an das Ausschalten des Herds erinnert. Falls nicht, sucht er weitere Informationen, indem er nochmal nachschaut. Beim Menschen ist dieser Prozess flexibel gestaltet und auf alle möglichen Gedanken anwendbar. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität St. Andrews in Großbritannien haben sich nun die Frage gestellt, wie sich Menschenaffen in einer ähnlichen Situation verhalten würden.

In ihrer Studie sollten Schimpansen und Orang-Utans die genaue Lage eines für sie nützlichen Objekts bestimmen, das hinter einer kleinen Barriere auf einem Tisch verborgen war. In einigen Fällen zeigten die Forscher den Menschenaffen vorab kurz, wo sich das Objekt befand, in anderen Fällen nicht. Im Moment der Entscheidung war das Objekt jedoch immer versteckt.

Die entscheidende Frage war nun, ob die Tiere erst einmal einschätzen würden, was sie über den Aufenthaltsort des Objekts wissen, bevor sie eine Wahl treffen. Würden sie zusätzliche Informationen einholen, wenn sie sich nicht sicher sein konnten, wo sich das Objekt befand? Die Ergebnisse zeigten, dass genau das der Fall war: Hatten die Menschenaffen vorab keine Informationen erhalten, kletterten sie oder reckten sich und spähten über die Barriere, bevor sie ihre Wahl trafen.

Einigen Wissenschaftlern zufolge deutet diese Suche nach weiteren Informationen darauf hin, dass Menschenaffen – ähnlich wie Menschen – ihr bereits vorhandenes Wissen einer metakognitiven Prüfung unterziehen, ähnlich wie die Menschen im Beispiel mit dem Herd.

Andere Wissenschaftler sehen das eher skeptisch. Die Tatsache, dass die Menschenaffen sich ähnlich wie die Menschen verhalten, wenn sie sich in einer ähnlichen Situation befinden, bedeutet ihrer Meinung nach nicht, dass sie ihre eigenen mentalen Zustände überwachen. „Frühere Studien zeigten, dass Menschenaffen nach Informationen suchen, wenn Futter im Spiel ist. Ein Verhalten, dass der Nahrungssuche dienen könnte und nicht zwingend Teil eines metakognitiven Prozesses wäre“, sagt Erstautor Manuel Bohn.

Um diese Alternative zu prüfen, variierten die Forscher, ob das Objekt auf dem Tisch ein Stück Futter oder ein Werkzeug war. Damit untersuchten sie, ob die Suche der Affen nach Informationen auf bestimmte Objekte, wie zum Beispiel auf Futter, beschränkt ist.

Doch in beiden Fällen suchten die Tiere nach zusätzlichen Hinweisen. Das verdeutlicht ihre Flexibilität bei der Informationssuche und legt nahe, dass ihre metakognitiven Fähigkeiten denen des Menschen ähnlicher sind, als bisher angenommen. „Affen suchen nach fehlenden Informationen ähnlich wie Menschen, was eine Reihe von Gründen haben könnte. Doch unsere Studie verdeutlicht, dass Menschenaffen nicht einfach ziellos nach Informationen suchen, in der Hoffnung, auf Futter zu stoßen“, sagt Matthias Allritz.

Co-Autor Christoph Völter sagt: „Unsere Studie legt nahe, dass Menschenaffen mehr wissen wollen, vor allem dann, wenn ihnen eine wichtige Information fehlt, wie zum Beispiel der Aufenthaltsort eines benötigten Werkzeugs. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschenaffen ihr eigenes Wissen überwachen und dass sie diese Fähigkeit flexibel nutzen, um vorhandene Wissenslücken zu schließen.“

Die Studie zeigt, dass die engsten lebenden Verwandten des Menschen kognitive Fähigkeiten besitzen, die es ihnen ermöglichen, verfügbare Informationen auf verschiedenen Ebenen zu bewerten. Das deutet darauf hin, dass sie über metakognitive Fähigkeiten verfügen, die ähnlich flexibel wie beim Menschen sind.

Diese Fähigkeit hilft ihnen dabei, ihre Entscheidungsfindung zu optimieren. „Unsere Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Komplexität und Flexibilität von Gedächtnisprozessen und der Überwachung eigener geistiger Zustände bei Menschenaffen“, sagt Josep Call.

Originalveröffentlichung:
Manuel Bohn, Matthias Allritz, Josep Call, Christoph J. Völter
Information seeking about tool properties in great apes
Scientific Reports, 07. September 2017

Kontakt:
Dr. Manuel Bohn
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: +49 (0)341 3550-438
E-Mail: manuel_bohn@eva.mpg.de

Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Tel.: +49 (0)341 3550-122
E-Mail: jacob@eva.mpg.de

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neuartiges Kontrastmittel verspricht tiefe Einblicke in das Schicksal von Zellen
08.09.2017 | Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

nachricht Maximale Präzision bei der Herstellung von Proteinen
08.09.2017 | Universität Heidelberg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schneller Quantenspeicher für Photonen

Physiker der Universität Basel haben einen Speicher für Photonen entwickelt. Diese Quantenteilchen bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit und eignen sich daher für schnelle Datenübertragung. Den Forschenden ist es gelungen, sie in einem Atomgas zu speichern und wieder auszulesen, ohne dass sich ihre quantenmechanischen Eigenschaften zu stark verändert haben. Die Speichertechnik ist einfach und schnell und könnte in einem zukünftigen Quanten-Internet Verwendung finden, wie die Forscher in der Fachzeitschrift «Physical Review Letters» berichten.

Kurze Lichtpulse dienen bereits heute zur schnellen Datenübertragung in Netzwerken. So beruht das Ultrabreitband-Internet auf Glasfaserverbindungen, durch die...

Im Focus: Pilzsporen zerstören sich selbst

Wissenschaftler entdecken Schutzmechanismus des Immunsystems in der Lunge

Ein internationales Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen hat herausgefunden, wie sich der menschliche Körper gegen Pilzinfektionen schützt....

Im Focus: High-speed Quantum Memory for Photons

Physicists from the University of Basel have developed a memory that can store photons. These quantum particles travel at the speed of light and are thus suitable for high-speed data transfer. The researchers were able to store them in an atomic vapor and read them out again later without altering their quantum mechanical properties too much. This memory technology is simple and fast and it could find application in a future quantum Internet. The journal Physical Review Letters has published the results.

Even today, fast data transfer in telecommunication networks employs short light pulses. Ultra broadband technology uses optical fiber links through which...

Im Focus: Entdeckung des am stärksten beschleunigten Binärpulsarsystems

50 Jahre nach der Entdeckung des ersten Pulsars durch Jocelyn Bell durchforsten Studenten nicht mehr länger Unmengen von Papierstapeln von Messschreibern, sondern statt dessen Tausende von Terabyte von Messdaten, um mehr von diesen immer noch rätselhaften Radiosternen aufzuspüren. Dabei ist erst kürzlich von Mitarbeitern des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie (MPIfR) in Bonn das extremste bisher bekannte Pulsar-Doppelsternsystem gefunden worden, mit Beschleunigungen vom bis zu 70fachen der Erdbeschleunigung (70 g). Bei ihrer größten Annäherung würden beide Komponenten, der Pulsar und der ihn begleitende Neutronenstern, bequem in einen Sonnenradius hineinpassen.

Obwohl die meisten der inzwischen bekannten 2500 Pulsare Einzelobjekte sind, findet man einige davon auch in engen Doppelsternsystemen. Die Entdeckung des...

Im Focus: Discovery of the most accelerated binary pulsar

Fifty years after Jocelyn Bell discovered the first pulsar, students are no longer going through reams of paper from pen chart recorders but instead search through 1,000s of terabytes of data to find these enigmatic pulsating radio stars. The most extreme binary pulsar system so far, with accelerations of up to 70 g has been discovered by researchers at the Max Planck Institute for Radio Astronomy (MPIfR) in Bonn. At their closest approach the orbit of the pulsar and its companion neutron star would easily fit inside the radius of the Sun.

Although most of the more than 2,500 pulsars known are solitary objects, a few are found in tight binary systems. The discovery of the first of these, the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Fast 1000 Wissenschaftler beim Tropentag

08.09.2017 | Veranstaltungen

Deutschlandpremiere: Mangrovenexperten der Weltnaturschutzunion (IUCN) tagen am ZMT in Bremen

07.09.2017 | Veranstaltungen

Das Undenkbare denken: Wie forschen wir morgen?

07.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Maximale Präzision bei der Herstellung von Proteinen

08.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Erstmals freie Nanoteilchen mit hochintensiver Laserquelle im Laborexperiment abgebildet

08.09.2017 | Physik Astronomie

Schneller Quantenspeicher für Photonen

08.09.2017 | Physik Astronomie