Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der Mensch, ein Chamäleon?

24.09.2008
Menschen imitieren unbewusst den Kontext fremder Handlungen

Motorische Einschränkungen anderer verlangsamen unsere eigenen Bewegungen. Sind beispielsweise die Finger einer fremden Hand fixiert, führt dies auch beim Betrachter selbst zu verlangsamten Fingerbewegungen.


Experimentelles Design und Reaktionszeiten
Bild: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Allein die Wahrnehmung dieser Situation hemmt das eigene Reaktionsvermögen, haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften und des Max-Planck-Instituts für Neurologische Forschung jetzt herausgefunden. Durch ihr Experiment versuchten die Max-Planck-Wissenschaftler, besser zu verstehen, wie Handlungsverständnis funktioniert, also wie wir fremde Verhaltensweisen unbewusst spiegeln und darauf reagieren (Neuropsychologia, Dezember-Heft 2008, Online-Vorabveröffentlichung 18. Juli 2008).

Die Sozialpsychologie kennt das Phänomen schon seit langem. Gesprächspartner nehmen im Verlauf einer Konversation häufig gleiche Körperhaltungen ein: Verschränkt beispielsweise das Gegenüber die Arme, imitiert dies unbewusst der Gesprächspartner. "Dieser Chamäleon-Effekt ist so interessant für uns, weil er einen Zusammenhang zwischen beobachteten Bewegungen und dem motorischen System des Beobachters nahelegt", erklärt Roman Liepelt, Neuropsychologe am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. "Besonders interessant ist dabei die Frage, ob auch der Kontext einer beobachteten Handlung im Beobachter abgebildet wird und dessen Reaktion beeinflusst", so der wissenschaftliche Mitarbeiter.

Einschränkung anderer verlangsamt unsere Motorik

Um dies herauszufinden, hat Roman Liepelt zusammen mit Max-Planck-Kollegen und Marcel Brass von der Universität Gent eine Reihe von Experimenten durchgeführt. Sie zeigten beispielsweise Versuchspersonen Bilder von Händen, deren Finger teilweise fixiert waren oder nicht (siehe Abbildung). Die Probanden wurden aufgefordert, ihre Zeige- oder Mittelfinger zu bewegen. Wurden ihnen Bilder gezeigt, bei denen Zeige- und Mittelfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, so verlangsamte sich die Reaktionsfähigkeit, mit denen die Versuchspersonen ihre Zeige- und Mittelfinger hoben. Dies war nicht der Fall, wenn ihnen Bilder gezeigt wurden, bei denen Daumen und Ringfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, sie aber weiterhin mit ihrem Zeige- und Mittelfinger reagierten.

Um auszuschließen, dass dieser Effekt allein auf einem Wahrnehmungsphänomen basierte, ermittelte das Forscherteam zusätzlich auch die Reaktionszeiten von Zehenbewegungen, nachdem sie den Versuchsteilnehmern dieselben Bilder gezeigt hatten - und konnten keine verlangsamten Reaktionszeiten feststellen. Dies bestätigt die Annahme, dass die Beobachtung einer Situation direkt vom Beobachter gespiegelt wird und so einen direkten Einfluss auf seine Reaktion hat.

Kontext und Spiegelneuronen

Die Forscher ergänzten ihre Experimente durch Messungen von "Ereigniskorrelierten Potentialen" (EKPs) im menschlichen Gehirn. Diese EKPs lassen sich aus Messungen der elektrischen Gehirnaktivität an der Kopfoberfläche mittels EEG ermitteln und erlauben es, die Verarbeitung der Information im Hirn "online" zu verfolgen.

Dabei stellten sie fest, dass die Beobachtung eines bestimmten Kontextes einen direkten Einfluss auf einen Teil des motorischen Systems im Beobachter hatte, in welchem Spiegelneurone vermutet werden. Spiegelneurone sind Nervenzellen, die im Gehirn während der passiven Betrachtung einer Bewegung vergleichbare Potenziale auslösen, die entstehen, wenn diese Bewegung aktiv ausgeführt wird. Sie wurden in Italien von Giacomo Rizzolatti 1985 im Tierversuch mit Affen entdeckt. Aber auch beim Menschen konnte ein vergleichbares Spiegelneuronensystem zum Beispiel im Broca-Zentrum nachgewiesen werden, das unter anderem auch für die Sprachverarbeitung bedeutsam ist. Wissenschaftler nehmen derzeit ein ganzes System von Spiegelneuronen an.

"Ziel dieser Forschung ist es, zu verstehen, wie wir Handlungen anderer Personen einordnen können und welchen Einfluss dies auf unser eigenes Handeln hat", sagt Roman Liepelt. Da beobachtete Handlungen in der Umwelt automatisch auf das motorische System eines Beobachters projiziert werden, könnte "ein solcher Mechanismus einen wesentlichen Beitrag zum Handlungsverständnis und zur Vorhersage zukünftiger Handlungen anderer leisten und ein wichtiger Baustein sein, um die Beteiligung des menschlichen motorischen Systems an komplexeren kognitiven Funktionen zu verstehen."

Die Studie wurde im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts durchgeführt, das die Erforschung von Grundlagen der evolutionären, entwicklungsgeschichtlichen und intentionalen Kontrolle von Imitationshandlungen zum Ziel hatte (EDICI-12929).

Originalveröffentlichung:

Liepelt, R., Ullsperger, M., Obst, K., Spengler, S., von Cramon. D. Y., & Brass, M.
Contextual movement constraints of others modulate motor preparation in the observer

Neuropsychologia, 18. July 2008 (online), doi:10.1016/j.neuropsychologia.2008.07.008. Die Print-Ausgabe erscheint Dezember 2008

Dr. Christina Beck | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur
17.08.2017 | Deutsches Krebsforschungszentrum

nachricht Magenkrebs: Auch Bakterien können Auslöser sein
17.08.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten