Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr als bloß Leim

07.08.2012
Freiburger Neurobiologen zeigen, dass Gliazellen das Gehirn vor epileptischen Anfällen schützen

Epileptische Anfälle sind wie große Gewitterstürme im Gehirn: Nervenzellen schaukeln sich plötzlich in ihrer Aktivität gegenseitig auf und rhythmische elektrische Entladungen breiten sich über weite Gehirngebiete aus.


Gliazellen (grün) verhindern, dass sich die elektrische Aktivität der Nervenzellen krankhaft aufschaukelt (obere Kurve): Werden sie angeregt, sorgen sie für ein gleichmäßigeres Aktivitätsmuster (untere Kurve).
Kirsch/Universität Freiburg

Nach einem solchen Anfall sind die Nervenzellen stark angegriffen, es kann zu dauerhaften Schäden kommen. Den im Gehirn vorkommenden Gliazellen unterstellte man lange, sie würden zu den schädlichen Folgen der Epilepsie beitragen. Das Gegenteil ist der Fall, wie ein Team um die Neurobiologen Prof. Dr. Carola Haas vom Bernstein Center und Dr. Matthias Kirsch vom Anatomischen Institut der Universität Freiburg erstmals zeigen konnte.

In der Fachzeitschrift Experimental Neurology berichten die Forscherinnen und Forscher von den positiven Effekten so genannter Astrozyten, einer bestimmten Form von Gliazellen. Das griechische Wort „glia“ bedeutet „Leim“ – man ging lange davon aus, die Gliazellen würden die Nervenzellen im Gehirn lediglich zusammenhalten und mit Nährstoffen versorgen. Bei Epilepsie, so die vorherrschende Meinung, würden sie mit ihrer Reaktion auf einen Anfall dem Gehirn sogar schaden. Dem widersprechen die Freiburger: Tatsächlich helfen Astrozyten sogar, Langzeitschäden durch epileptische Anfälle zu verringern.

Das Freiburger Team entdeckte die positiven Effekte mithilfe von Mäusen, bei denen epileptische Anfälle gezielt hervorgerufen werden können. Regten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Astrozyten vor einem epileptischen Anfall an, indem sie den Tieren ein bestimmtes Eiweiß spritzten, starben weniger Zellen nach dem Anfall ab. Auch andere krankhafte Veränderungen im Gehirn waren deutlich geringer. Diese schützende Wirkung der angeregten Astrozyten hielt über viele Tage an. Auch die Gehirnaktivität der Nager zeigte weniger Anzeichen, die für Epilepsie typisch sind. Wie die Forscher berichten, mussten die Astrozyten aber zum Zeitpunkt des Anfalls bereits angeregt gewesen sein – im Nachhinein konnten die Zellen keine schützende Wirkung mehr aufbauen.

Ob Astrozyten überall im Gehirn diesen positiven Effekt haben, müssen weitere Studien zeigen. Die jetzigen Erkenntnisse, so Haas, die auch im neu gegründeten Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools an Epilepsie forschen wird, legen aber nahe, dass eine rechtzeitige Aktivierung der Astrozyten einen wirksamen Schutz gegen Langzeitschäden darstellen könnte.

Originalveröffentlichung:
Matthias Bechstein, Ute Häussler, Matthias Neef, Hans-Dieter Hofmann, Matthias Kirsch, Carola A. Haas (2012): CNTF-mediated preactivation of astrocytes attenuates neuronal damage and epileptiform activity in experimental epilepsy. Experimental Neurology 236 (1), 141-150.
Kontakt:
Prof. Dr. Carola Haas
Experimentelle Epilepsieforschung, Neurozentrum
Universitätsklinikum Freiburg
Tel.: 0761/270-52950
Fax: 0761/270-52951
E-Mail: carola.haas@uniklinik-freiburg.d

Rudolf-Werner Dreier | Uni Freiburg
Weitere Informationen:
http://www.uniklinik-freiburg.de
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0014488612001616

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie