Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Meeresforscher aus dem Land Bremen entdecken neue Riesenmuschel

01.09.2008
Bisher unbekannte Art offenbart Anzeichen von Überfischung, die bereits vor etwa 125.000 Jahren begann

Wissenschaftler des Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT), der Universität Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft haben zusammen mit philippinischen und jordanischen Kollegen eine bisher unbekannte Riesenmuschel entdeckt.


Die Riesenmuschel Tridacna costata, zwischen den beiden aufgeklappten Schalen sieht man die Ausströmöffnung. Foto: Malik Naumann, ZMT

Tridacna costata lebt in Korallenriffen des Roten Meeres und wird bis zu 40 Zentimeter lang. Sie kommt auch fossil vor und hatte früher einen Anteil von 80 % an den Riesenmuschelarten im untersuchten Gebiet. Heute gehören nur noch weniger als ein Prozent der gefundenen Muscheln dieser Art an.

Ihren Rückgang vor etwa 125.000 Jahren betrachten die Forscher als ersten Nachweis von Überfischung in der Geschichte der Menschheit. Nach den Rote-Liste-Kriterien der Internationalen Naturschutzunion (IUCN) ist die neue Art - kaum entdeckt - vom Aussterben bedroht.

Verwirrung um die Identität einer Riesenmuschel

"Wir haben Riesenmuscheln für Kultivierungsexperimente gesammelt, als uns Besonderheiten an den Tieren auffielen", berichtet Prof. Dr. Claudio Richter, damals am ZMT beschäftigt und heute Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts mit Professur an der Universität Bremen. Im Rahmen eines deutsch-jordanischen Kooperationsprojektes hat sein Team nach Möglichkeiten gesucht, die Riesenmuschel Tridacna maxima zu züchten. Die Muschel ist bei Aquarianern sehr beliebt und eine erfolgreiche Zucht könnte nicht nur die steigende Nachfrage auf diesem Sektor bedienen, sondern auch die dezimierten Bestände im Roten Meer aufstocken. Während ihrer Forschungsarbeiten in diesem Projekt fand Dr. Hilly Roa-Quiaoit von der Xavier Universität (Philippinen), zu dieser Zeit Doktorandin am ZMT, eine Riesenmuschel, die zwar Eigenschaften von zwei im Roten Meer bekannten Arten, aber auch sehr eigene Merkmale aufweist. "Es hat uns schon gewundert, dass bisher niemand über diese deutlich sichtbaren Besonderheiten wie den stark gezackten Schalenrand gestolpert ist", sagt Richter.

Nachweis einer neuen Tierart

Um die Identität der Muscheln endgültig zu klären, kontaktierten sie den Molekulargenetiker Dr. Marc Kochzius von der Universität Bremen. Roa-Quiaoit und Kochzius führten eine genetische Stammbaumanalyse durch, die deutlich zeigt, dass es sich bei Tridacna costata um eine eigenständige Art handelt. Dies ist die erste Neubeschreibung einer Riesenmuschel seit mehr als 20 Jahren. Weiterführende Untersuchungen zeigten, dass Tridacna costata im Gegensatz zu den beiden Schwesterarten Tridacna maxima und Tridacna squamosa nur auf dem Dach tropischer Riffe im Roten Meer vorkommt und sich anders fortpflanzt.

Fossile Muschelfunde zeigen historische Überfischung

Suchten sie zunächst nur nach einer Möglichkeit, einen neuen Organismus für die Aquakultur nutzbar zu machen, überprüften die Forscher daraufhin auch die fossilen Funde von Muscheln aus dem Roten Meer. Sie entdeckten, dass vor etwa 125.000 Jahren bis zu 80 % der Muscheln in der Region der neu beschriebenen Art Tridacna costata angehörten. "Die Riesenmuscheln sind wahrscheinlich durch eine umfangreiche Nutzung des frühen modernen Menschen stark dezimiert worden", erklärt Richter. "Tridacna costata lebt festsitzend in flachem Wasser und war somit eine leichte Beute für unsere sich aus Afrika Richtung Mittelmeerraum ausbreitenden Vorfahren." Riesenmuscheln werden auch heute noch entlang ihres gesamten Verbreitungsgebietes gegessen, aber auch wegen ihrer Schalen gesammelt. Insgesamt zeigt die unerwartete Entwicklung dieses Forschungsprojektes, wie wichtig es ist, dass Wissenschaftler solch unterschiedlicher Disziplinen wie Paläoökologie und Molekularbiologie zusammenarbeiten. "Auch in einem leicht zugänglichen Untersuchungsgebiet wie den Flachwasserzonen des Roten Meeres sind nicht einmal gut sichtbare Arten vollständig identifiziert, weshalb die Grundlagenforschung weiter vorangetrieben werden sollte", so Richter.

Die Forschungsergebnisse werden in der aktuellen Online-Ausgabe der Zeitschrift "Current Biology" (http://www.current-biology.com) vorgestellt.

Hinweise für Redaktionen: Ihre Ansprechpartner sind Prof. Dr. Claudio Richter am Alfred-Wegener-Institut (Tel. 0471 4831-1304; E-Mail: Claudio.Richter@awi.de), Dr. Marc Kochzius an der Universität Bremen (Tel. 0421 218 63417; E-Mail: kochzius@uni-bremen.de), Dr. Hilly Ann Roa-Quiaoit an der Xavier University, Philippinen (Tel. +63-88-8583116 - 3115, E-Mail: hquiaoit@xu.edu.ph), Mohammad Al-Zibdah an der Marine Science Station in Jordanien (E-Mail: zibdeh@ju.edu.jo).

Ihre Ansprechpartnerin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Alfred-Wegener-Instituts ist Folke Mehrtens (Tel. 0471 4831-2007; E-Mail: Folke.Mehrtens@awi.de).

Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der fünfzehn Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.

Margarete Pauls | idw
Weitere Informationen:
http://www.awi.de
http://www.current-biology.com

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Buche in die Gene schauen - Vollständiges Genom der Rotbuche entschlüsselt
11.12.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Mit den Augen der Biene: Zoologe der Uni Graz entwickelt Verfahren zur Verbesserung dunkler Bilder
11.12.2017 | Karl-Franzens-Universität Graz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Im Focus: Scientists channel graphene to understand filtration and ion transport into cells

Tiny pores at a cell's entryway act as miniature bouncers, letting in some electrically charged atoms--ions--but blocking others. Operating as exquisitely sensitive filters, these "ion channels" play a critical role in biological functions such as muscle contraction and the firing of brain cells.

To rapidly transport the right ions through the cell membrane, the tiny channels rely on a complex interplay between the ions and surrounding molecules,...

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Goldmedaille für die praktischen Ergebnisse der Forschungsarbeit bei Nutricard

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Nachwuchs knackt Nüsse - Azubis der Friedhelm Loh Group für Projekte prämiert

11.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit 3D-Zellkulturen gegen Krebsresistenzen

11.12.2017 | Medizin Gesundheit