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Mauerblümchen oder Draufgänger

07.03.2012
Persönlichkeit von Affenmännchen ändert sich im Laufe des Lebens: vorsichtig in der Jugend, verwegen im besten Alter

Der eine ist wild und mutig, der andere schüchtern und vorsichtig. Wieso es auch innerhalb einer Art große Unterschiede in der Persönlichkeit gibt, ist noch weitgehend unbekannt.


Die auf Madagaskar lebenden Grauen Mausmakis haben keine Scheu vor Menschen und lassen sich gut beobachten und fotografieren. Foto: Melanie Dammhahn


Verhaltensexperiment mit Mausmakis: Ältere Männchen gehen mutiger auf neue Objekte zu als jüngere. Foto: Melanie Dammhahn

Melanie Dammhahn, Wissenschaftlerin am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, hat in ihrer jetzt publizierten Studie herausgefunden, dass Mausmaki-Männchen in ihrer Jugend schüchtern sind, im besten Alter jedoch zunehmend mutiger werden. Dass die erwachsenen Männchen große Risiken eingehen, die sie mit dem Leben bezahlen könnten, hängt mit ihrer Fortpflanzungsweise zusammen.

Da die jugendlichen Männchen fast nie zur Paarung kommen, sollten sie besser auch kein Risiko eingehen, sie haben schließlich nichts zu gewinnen. Ältere Männchen im besten Alter haben dagegen eine hohe Wahrscheinlichkeit, sich fortzupflanzen, daher lohnt sich hier auch das eine oder andere Wagnis. Weibchen hingegen behalten ihre Persönlichkeitsmerkmale über ihr ganzes Leben bei, sie haben ja auch in jedem Jahr die gleiche Chance auf Nachwuchs (Proceedings of the Royal Society B, 2012).

Warum sich Individuen, die zur selben Art gehören und im gleichen Gebiet leben, in ihrer Persönlichkeit deutlich unterscheiden können, ist für Verhaltensforscher ein Rätsel. Geht es nur danach, wer am besten an seinen Lebensraum angepasst ist, so müssten sich die vorteilhaftesten Wesenszüge durchsetzen und die anderen verschwinden. Dass dies nicht so ist, könnte daran liegen, dass zu unterschiedlichen Zeiten im Lebenszyklus jeweils andere Verhaltensweisen optimal sind.

Melanie Dammhahn hat Graue Mausmakis, kleine nachtaktive Primaten, in den Wäldern von Madagaskar beobachtet. Sie wollte feststellen, ob es Unterschiede im Temperament der Tiere gibt. Dazu hat sie rund hundert der nur 60 Gramm schweren Tiere gefangen und beobachtet, wie sie sich in einer neuen Umgebung verhalten. Sind sie neugierig und untersuchen das Spielzeugauto oder die Plastikente? Oder sind sie eher schüchtern? Wie verändert sich ihr Verhalten, wenn sie älter werden?

Es zeigte sich, dass jüngere Männchen deutlich vorsichtiger sind als ältere, während es bei Weibchen keinen Temperamentsunterschied zwischen den Altersklassen gab. Der Grund dafür liegt vermutlich im Fortpflanzungsverhalten der Tiere. Zwar werden Mausmakis schon mit zehn Monaten geschlechtsreif, allerdings paaren sich die Weibchen fast ausschließlich mit älteren Männchen, da diese größer und konkurrenzstärker sind und jüngere Nebenbuhler vertreiben. Für junge Männchen ist es also nicht vorteilhaft, durch wagemutige Aktionen ihr Leben zu riskieren. „Sie haben viel zu verlieren, aber wenig zu gewinnen, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass sie zur Fortpflanzung kommen“, so Dammhahn. Da ist es besser, gut auf sich aufzupassen, bis man alt und groß genug ist, um die Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Bei den älteren Männchen sieht die Sache anders aus. Sie haben wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen, da lohnt sich Draufgängertum, auch wenn man dabei sein Leben gefährdet.

„Mauerblümchen oder Draufgänger ist also eine Frage des Abwägens zwischen Heute und Morgen“, resümiert die Biologin Dammhahn.

Originalpublikation
Dammhahn, M (2012): Are personality differences in a small iteroparous mammal maintained by a life-history trade-off? Proceedings of the Royal Society B, doi:10.1098/rspb.2012.0212.
Kontakt
Dr. Melanie Dammhahn
Tel: +49 551 3851-466
E-Mail: mdammha@gwdg.de
Dr. Susanne Diederich (Kommunikation)
Tel: +49 551 3851-359
Mobil: +49 151 42616141
E-Mail: sdiederich@dpz.eu
Die Deutsches Primatenzentrum GmbH (DPZ) - Leibniz-Institut für Primatenforschung betreibt biologische und biomedizinische Forschung über und mit Primaten auf den Gebieten der Infektionsforschung, der Neurowissenschaften und der Primatenbiologie. Das DPZ unterhält vier Forschungsstationen in den Tropen und ist Referenz- und Servicezentrum für alle Belange der Primatenforschung. Das DPZ ist eine der 86 Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen der Leibniz-Gemeinschaft.

Dr. Susanne Diederich | idw
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